Zu wenig Arbeitskräfte und Frauen

Chinas drakonische Ein-Kind-Politik ist seit zwei Jahren abgeschafft – die Folgen werden jedoch noch lange spürbar sein.

In China herrscht Frauenmangel. Derzeit gibt es 20 Millionen mehr Männer unter 30 Jahren als Frauen. Kürzlich schlug ein Universitätsprofessor eine Lösung für das Dilemma vor: die Vielehe. Zwei Männer sollten sich einfach eine Frau teilen. Für diese Aussage hat der Ökonom viel Kritik geerntet, das sei unmoralisch. Tatsächlich steht das sonst nach Plan funktionierende kommunistische Land aber vor einem riesigen Problem – eines, das es selbst verursacht hat. Die jahrzehntelange Ein-Kind-Politik hat zu einem krassen Ungleichgewicht des Geschlechterverhältnisses geführt: Auf 100 Mädchen, die 2015 geboren wurden, kamen 116 Jungen. Der Grund: Weil Jungen in China traditionell der Vorzug gegeben wird, wurden vor allem in der Vergangenheit weibliche Föten immer wieder abgetrieben. Nur männliche Nachkommen können die Familienlinie fortsetzen, und nur sie werden sich im Alter um ihre Eltern kümmern, während Mädchen in die Familie des Mannes einheiraten und dann dessen Eltern unterstützen und nicht ihre eigenen.

Zwar wurde die Ein-Kind-Politik 2015 aufgegeben, und Chinas junge Paare werden seitdem ermutigt, zwei oder gar mehr Kinder zu bekommen. Doch so einfach werden sich die Folgen der jahrzehntelangen restriktiven Bevölkerungspolitik nicht ungeschehen machen lassen. Der „Männerüberschuss“ ist dabei nur ein Problem. Die Geburtenrate insgesamt ist inzwischen so niedrig, dass dem Land die Arbeitskräfte ausgehen. Gleichzeitig überaltert die Gesellschaft dramatisch. 2050 wird ein Viertel der Chinesen 65 Jahre und älter sein – und die Frage ist, wer sie pflegt und ob das Geld der gerade erst im Aufbau befindlichen Altersvorsorge für alle reicht.

Die Propaganda von der glücklichen Ein-Kind-Familie war darüber hinaus so erfolgreich, dass die jungen Chinesen – wenn sie sich überhaupt für Kinder entscheiden – sich nicht mehr als ein Kind vorstellen können. In einer aktuellen Umfrage von 10.000 Paaren gibt die Hälfte an, kein zweites Kind finanzieren zu können – oder zu wollen. Oftmals arbeiten beide Elternteile, die Großeltern sind alt oder wohnen weit weg, mithin fehlt also die Betreuung. Da wird mit dem Geld, das da ist, lieber das eine Kind verwöhnt.

Ein anderer Trend ist vor allem in den Städten zu beobachten: Dass viele junge Leute lieber allein als mit jemandem zusammen leben. Der Druck auf dem Land, vor allem auf Frauen jenseits der 25, ist noch immer groß, sich einen Mann zu suchen. Frauen, die bis zu dieser magischen Altersgrenze nicht geheiratet haben, werden abfällig als „shèng nǚ“, Übriggebliebene, bezeichnet. Doch die gut ausgebildeten Frauen (und Männer) in den städtischen Bezirken entscheiden sich immer häufiger bewusst fürs Singledasein. 2014 haben sich zwölf Millionen Paare das Ja-Wort gegeben, das ist das zweite Jahr in Folge, in dem die Zahl der Eheschließungen sinkt.

Verzweifelt kommen an den Wochenenden die Eltern in den Parks, etwa in Shanghai oder Peking, zusammen, um dort für ihre Söhne und Töchter einen passenden Partner zu finden. Mütter, Väter, Tanten oder Großeltern hängen Bewerbungsschreiben inklusive Größe, Gewicht, Monatsverdienst und Sternzeichen in Bäumen und an Zäunen auf, kommen mit anderen Eltern ins Gespräch und hoffen so, eine passende Braut oder einen passenden Bräutigam zu finden.

Immerhin ist zuletzt die Zahl der Geburten gestiegen: 2016 wurden 17,86 Millionen Babys in China geboren, 1,31 Millionen mehr als 2015. Die Regierung in Peking hat außerdem versprochen, einen Geburtenbonus für kinderfreudige Paare auszugeben. Das ist eine dramatische Wende im Vergleich zu den vergangenen 40 Jahren, als ein zweites Kind mit hohen Strafen belegt wurde.

Den Männern, vor allem denen auf dem Land, die den Frauen nur wenig bieten können, wird die Kehrtwende allerdings nur wenig nützen. Sie, die „shèng nán“, die übrig gebliebenen Männer, werden in Zukunft das eigentliche gesellschaftliche Problem darstellen, nicht die „shèng nǚ“, die Frauen, die gar nicht heiraten möchten.

sba

Leave a comment