Zu Fuß über die Grenze nach Pakistan

Es ist schon seltsam, wenn man, wie wir, zu Fuß von Amritsar in Indien, nach Pakistan läuft. Niemand macht das, oder jedenfalls fast niemand. Wir sind mit zwei, drei Einheimischen, offensichtlich Händlern, wirklich die einzigen weit und breit. Wir wollten ein Gefühl dafür bekommen, wie sich das Leben dort anfühlt, jenseits der Grenze von Indien – einer Grenze, die für die Leute dort unüberwindlich ist: Einmal der bürokratischen Hürden wegen, zum anderen der Hürden im Kopf jedes Einzelnen wegen, der in Indien oder in Pakistan lebt. Beide Nationen sind sich so fremd und feindlich, wie kaum andere Nationen und niemand kann glauben, dass wir die jeweils andere Seite kennen und mögen.

Was haben wir alles für Fantasiegeschichten über das jeweilige Nachbarland von beiden Seiten gehört, wie schwer war es, im Internet Informationen über Pakistan zu bekommen, wie herablassend hat uns das indische Konsulat in Hong Kong behandelt, als sie das Pakistanvisum in unseren Pässen sahen, wie erstaunt haben alle nachgefragt, als wir unsere Reisepläne äußerten, ob sie sich auch wirklich nicht verhört haben – wir sind jetzt wirklich neugierig, was uns erwarten wird.

Ein mulmiges Gefühl ist es schon, vor allem für mich, weil ich am Anfang sehr unsicher bin, ob meine Kopfbedeckung auch richtig sitzt und ich angemessen genug gekleidet bin. Die Erleichterung ist groß, als wir auf der pakistanischen Seite von einer sehr freundlichen, weiblichen Beamtin willkommen geheißen werden und sie sich offensichtlich freut, uns zu sehen. Uff! Erste Hürde geschafft! Und meine Kleidung scheint auch akzeptabel. Ist schon mal ein Anfang. Jetzt stehen wir etwas verloren rum und müssen auf Shahid, unseren Reiseführer, warten, ohne den es offensichtlich nicht erlaubt ist, in Pakistan herumzureisen. Wir stehen schon seit längerer Zeit mit ihm im E-Mail-Kontakt und er hat uns ein offizielles Einladungsschreiben geschickt, ohne das wir kein Visum bekommen hätten.

Irgendwann sind er und Umar, sein kleiner, herzlicher Fahrer mit dem Rauschebart, da und sie zeigen uns schon auf der etwa einstündigen Fahrt von der Grenze in die Stadt im neuen, klimatisierten Auto etwas von Lahore, unserer ersten Station.

Schon gleich am Anfang sehen wir die riesigen Kontraste dieser Stadt und, wie wir später feststellen werden, des Landes insgesamt: Wunderschön gepflegte, englische Rasenflächen, herrliche Moscheen mit weiten, säuberlich gefegten Plätzen drumrum, sonst aber Straßen und Häuser, die aussehen, als sei gerade der Krieg zu Ende gegangen: Kein Schmuck, kein Putz an den Häusern, Dächer nur teilweise gedeckt, Schlaglöcher überall, auch bemerkenswerte Löcher an den Häuserwänden – nichts, was das Auge anzieht, nicht einmal bunt gekleidete Frauen, wie in Indien oder wunderschön kitschige Götterstatuen am Wegesrand. Einfach nichts! Nur grau, grau-braun oder schlammfarben sieht die Stadt aus und die Frauen fehlen im Stadtbild fast völlig. In Indien bringen sie mit ihren Saris bunte Farben in die Welt, in Pakistan sieht man fast nur Männer in ihren grau-weiß-beigen Schlafanzügen durch die Stadt laufen. Schade! Wenn mal eine Frau da ist, ist sie entweder verschleiert und trägt auch nur selten Farben. Vielleicht gefallen Farben Allah nicht! Wer weiss? Es gefällt ihm offensichtlich so vieles nicht!

Badshahi-Moschee

Nach zwei Tagen Sightseeing in Lahore fahren wir mit dem Morgenzug nach Bahawalpur, unserer nächsten Station, etwa 400 km südwestlich von Lahore. Natürlich hat der Zug viel Verspätung und wir müssen uns die Zeit am Bahnhof vertreiben, da niemand so genau weiss, wann der Zug ankommen wird. Es gibt vieles zu sehen, was es auf unseren Bahnhöfen nicht gibt, jeder hat Zeit um uns herum, fast niemand ist pausenlos mit dem Handy beschäftigt, daher ergeben sich immer mal wieder kurze Gespräche, falls die Sprache es erlaubt. Am besten hat uns ein Einheimischer gefallen, für den es ganz klar war, dass es Verspätung gibt, denn: „Lahore is Asia’s biggest railway station”. Wir sind über so viel Patriotismus begeistert. Lahore hat zwei Gleise, die wir sehen können, vielleicht noch ein paar irgendwo versteckt, ist damit meilenweit davon entfernt, in irgendeiner Weise groß zu sein. Aber die Einheimischen glühen für ihr Land und fragen uns auch immer wieder, ob wir Pakistan mögen. Sobald wir zustimmen, sind sie glücklich. Dabei spielt es keine Rolle, dass die allermeisten noch nie etwas anderes als ihr eigenes Land gesehen haben. Sogar Shahid und Umar, sein Fahrer, kennen nur Pakistan.

Lustig ist auch, dass mehr und mehr Leute auf unser Gleis kommen, um Angehörige abzuholen, die mit einem Zug aus der Gegenrichtung kommen sollen. Wie das funktionieren kann, ist uns nicht ganz klar. Diese Leute sind aber sicher, ihr Zug würde genauso wie unser Zug auf „unserm” Gleis anhalten. Mmhmhmhm! Mysterien des Orients!

In Bahawalpur werden wir die gesamten drei Tage rund um die Uhr von wechselnden Polizeistreifen begleitet: „Only for your safety, don’t worry: Pakistan is a safe country.” Na ja! Am ungewöhnlichsten war, dass wir dort im Polizeihotel übernachten mussten: Einem „Hotel” mitten im Hof des Polizeihauptquartiers. Dort erst einmal angekommen, kamen wir nicht mehr raus: „Pakistan is a safe country, don’t worry!”.

Ein wichtiges Ziel von Bahawalpur aus ist Uch-Sharif – eine Kleinstadt 70 km südlich von Bahawalpur, die von Alexander dem Großen 325 v. Chr. am Fluss Indus gegründet worden sein soll. Uns interessiert weniger das Dorf, das zwar früher eine Hochburg muslimischer Mystiker gewesen sein soll, heutzutage aber unbedeutend ist, sondern die Grabmäler, die es dort geben soll. Besonders das Grabmal von Bibi Jawindi aus dem 15. Jahrhundert wird erwähnt.

Als wir ankommen, sind wir sprachlos: Die gesamte Anlage mitten in der Wüste mit kleineren Grabmälern drumherum verschlägt uns buchstäblich die Sprache. Die Stimmung, die von diesem Grabmal ausgeht, ist unvergleichlich. Es spielt keine Rolle, dass das Gebäude auf der Rückseite stark beschädigt ist – nur fünf der acht Säulen stehen noch und bei näherem Betrachten sieht man auch, dass viele der Intarsienarbeiten beschädigt sind – für uns ist der Gesamteindruck so mächtig, dass wir das Grabmal der Bibi Jawindi zum Höhepunkt unserer Pakistanreise erklären.

Pakistan ist ein Land, das uns immer wieder überrascht hat: Die Freundlichkeit der Leute, die unglaublichen Sehenswürdigkeiten sowie die perfekte Organisation durch Shahid, unseren Reiseführer in Lahore.

Einen tiefen Eindruck hat auch Mohenjo-daro hinterlassen, eine der ältesten Städte der Welt, in der Nähe von Sukkur, unserer nächsten Station, wieder 400 km weiter südwestlich. Diese Stadt am Fluss Indus soll um 2.500 v. Christus (!) erbaut worden sein und wurde erst vor hundert Jahren entdeckt. Es war die führende Stadt zur damaligen Zeit mit Straßen, Bewässerungssystemen, zweistöckigen Häusern, großen Versammlungshallen, Brunnen, Schwimmbädern etc. und vielleicht mehreren Zehntausend Einwohnern. Trotz der brütenden Mittagshitze können wir uns kaum losreißen. Mohenjo-daro ist World Heritage Site, aber zu dieser Jahreszeit und um diese Tageszeit sind wir fast die einzigen Besucher.

Pakistan ist ein tolles Reiseland für diejenigen, die Unbequemlichkeiten nicht scheuen, die ein Land suchen, in dem es kaum westliche Touristen gibt und die Ungewöhnliches kennenlernen und erleben wollen.

Hamdan Touristik Services, Main Boulevard, 135F Raja Centre, Gulberg II, Lahore, Pakistan, hamdan.touristik@gmail.com

Eva Wiegandt

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