Vom Staub auf der Straße in ein Bett

Eine Hilfsorganisation gibt Manilas Straßenkindern Hoffnung

Jero hat nichts dabei, außer einem Holzspieß mit gerösteten Süßkartoffeln und einer Plastiktüte mit zwei Cola-Flaschen und einem Schokoriegel. Neben ihm im Pick-up-Bus sitzt Ryan, die beiden kennen sich, sie haben in derselben Straße in Manila gewohnt. Oder vielmehr auf der Straße. Jero ist elf Jahre alt, seine Mutter ist wegen Drogendelikten im Gefängnis, sein Vater sammelt Müll, so verdient er ein paar philippinische Pesos.
Ryans Mutter betreibt einen kleinen Straßenstand. Dort will der 16-Jährige noch vorbei, um auf Wiedersehen zu sagen. Mit einem Kopfnicken begrüßt Ryans Mutter Felix. Der erklärt ihr, wohin sie Ryan bringen. In ein Auffanglager für Straßenkinder. Felix ist Sozialarbeiter, er arbeitet für ANAK, eine Hilfsorganisation, die vor 20 Jahren von einem französischen Priester gegründet wurde. ANAK bedeutet „Kind“ in Tagalog, der Sprache der Philippinen. Ryan hat noch sieben Geschwister, seine Mutter verliert manchmal den Überblick. Der Junge steigt ins Auto, die Tür schlägt zu, sein altes Leben bleibt draußen. „Geht es dir gut?“, will Elise wissen. Ja, sagt Ryan, so sei es besser, er habe zuletzt nur noch abgehangen.

Elise und ihr Mann Charles kommen aus Frankreich, Bordeaux, dort hat Charles ein Weingut geleitet, seit 2015 leben sie in Manila. Die Stadt und ihre Kinder ließen sie nicht wieder los, nachdem sie 2008 einen zweijährigen Freiwilligendienst bei ANAK abgeleistet hatten. Direktor der Hilfsorganisation ist Father Matthieu Dauchez, er ist katholischer Priester, geboren in Frankreich, ordiniert wurde er 2004 in Manila, seitdem ist er für ANAK zuständig; es gibt 150 philippinische Angestellte, Sozialarbeiter, Psychologen, Lehrer, Sekretärinnen. Heute Abend begleitet Elise Felix auf seiner Tour durch die Viertel. „Wir können die Kinder natürlich nicht einfach mitnehmen“, sagt sie. Wenn es Eltern gibt, müssten die zustimmen, und auch die Kinder müssten einverstanden sein.

Im Falle von Ryan und Jero hatten sich Nachbarn beschwert, sie würden stehlen. Deshalb wird ein Treffen im Barangay vereinbart, eine Art Lokalverwaltung vor Ort, um zu beraten, was mit Ryan und Jero passieren soll. Viele Möglichkeiten gibt es nicht. Die Philippinen sind ein armes Land, von den 100 Millionen Einwohnern müssen 60 Prozent mit fünf Euro am Tag auskommen. Für Kinder wie Ryan und Jero ist da kein Geld, kein Platz. Außer bei Hilfsorganisationen wie ANAK. Zehn Minuten und eine Unterschrift unter ein handgeschriebenes Stück Papier später ist ANAK offiziell Erziehungsberechtigter für die zwei Jungen.

Der Pick-up quält sich durch die verstopften Straßen von Manila. Es geht zurück zur Zentrale von ANAK in Quezon City im Nordosten der Millionenmetropole. Drinnen im Haus sitzen 25 Jungen aufgereiht hintereinander auf dem Boden. Sie alle sind neu hier, vor Kurzem haben sie noch auf der Straße gelebt, nun tragen sie saubere Kleidung, ihr Haar ist nass vom Duschen. Bevor es ins Bett geht, wird gebetet. „Setz dich in diese Reihe“, sagt Grace, die heute Abend Aufsicht hat, und zeigt auf die zweite Reihe. Ryan kommt ans Ende von Reihe drei. Ein Kassettenrekorder spielt Musik ab. „Die erste Zeit ist hart für die Kinder“, sagt Elise, „sie müssen lernen, sich an Regeln zu halten, morgens aufzustehen, ihre Kleidung zu waschen, aufzuräumen.“ Sind die Kinder einigermaßen stabilisiert, werden sie auf eine der 21 Wohngruppen verteilt. Dort leben sie gemeinsam mit anderen Kindern und Betreuern in einem der kleinen Häuser, die ANAK gehören, sie gehen zur Schule und führen ein halbwegs normales Leben. Doch nicht alle Kinder halten diese Normalität aus, sie laufen weg, zurück auf die Straße.

Felix springt auf den Pick-up. Er hat heute noch ein Ziel: Fatima. Felix hat das sechsjährige Mädchen vor ein paar Monaten auf einem seiner wöchentlichen Streifzüge durch die Straßen getroffen. Seitdem versucht er die Mutter davon zu überzeugen, dass es Fatima bei ANAK besser gehen würde. „Letzte Woche haben wir vereinbart, dass ich sie heute abhole.“ Doch als er an der viel befahrenen Kreuzung mit Brücken und Fußgängerüberwegen ankommt, die das Zuhause von Fatima und ihrer Mutter sind, sind die beiden nicht da. Stattdessen trifft Felix jemand anderen: Dedong. Der Junge kommt auf ihn zugelaufen und umarmt ihn. Dedongs Bruder hat auf ein paar glühenden Holzblöcken Reis gekocht, er füllt ihn auf einen Metallteller und reicht ihn Dedong. Etwas Fleisch gibt es auch. Die Freundin des Bruders isst mit den Fingern. Den einzigen Löffel hat Dedong. Felix sagt das, was er immer sagt, was er seit Wochen sagt: dass Dedong bei ANAK ein Bett bekäme, dass es drei Mahlzeiten am Tage gebe, dass er zur Schule gehen könne. Mit gesenktem Blick hört der Junge zu. Er will nicht mit, er will hierbleiben, neben der Straße und den hupenden Autos, sein Bett ein staubiger Flecken Erde auf einer Mauer entlang des Fußgängerweges. Felix greift in seine Tasche und holt ein paar Kekse hervor. „Bis zum nächsten Mal“, sagt er. Auch Fatima bleibt an diesem Abend verschwunden. Felix fährt mit einem leerem Pick-up nach Hause zurück.

sb

Leave a comment