Unterwegs im Oman

Ende August 2019 entscheiden wir uns, in den Oman zu fahren, weil wir gehört haben, dass die Landschaft fantastisch sein soll. Außerdem versichern uns alle, dass es dort so gut wie keine Kriminalität gibt und die Leute sehr freundlich sind – beste Voraussetzungen also. Auch, so hören wir, muss man sich als Frau nicht permanent verschleiern, was schon vielversprechend klingt, denn wandern mit Kopftuch ist schwer vorstellbar. Natürlich ist die Jahreszeit noch viel zu heiß für den Oman, aber da wir ohnehin planen, in die Berge zu fahren, hoffen wir, dass die Hitze wenigstens erträglich sein wird.

Die erste Hürde besteht darin, ein Auto zu mieten. Es gibt so viele Anbieter im Internet, die Allradantrieb anbieten und die unterschiedlichsten Preise, dass wir uns entscheiden, am Flughafen in Oman bei den einzelnen Firmen vorbeizugehen und ihre Angebote zu vergleichen, auch weil es uns auf eine gute Versicherung ankommt, denn überall ist zu lesen, dass die Omanis sehr aggressive Fahrer sind. Leider haben wir nicht damit gerechnet, dass am Flughafen eigentlich nur bestellte Autos abgeholt werden und die Angestellten der namhaften Autofirmen dort weder Lust haben, mit uns zu sprechen, noch Ahnung, welche ihrer Autos zu welchem Preis zu haben sind. Sie empfehlen uns, ins Internet zu gehen und dort zu buchen – genau das, was wir vermeiden wollten.

In unserem Hotel in Muscat, der Hauptstadt Omans, kommt der entscheidende Hinweis dann von der Rezeptionistin, doch eine lokale Autofirma zu nehmen. Es ist der perfekte Tipp, obwohl online immer davor gewarnt wird. Mamoud von Alsharouq Rent A Car kommt eine halbe Stunde später zu uns ins Hotel, hört sich unsere Wünsche hinsichtlich des Autos und der Versicherung an und stellt uns am nächsten Tag das gewünschte Auto direkt vors Hotel, nicht ohne uns vorher noch einen Rabatt zu geben, da Nebensaison. Während unserer Reise erkundigen er oder Farouk sich gelegentlich per WhatsApp, wie es uns geht und ob wir zufrieden sind, und verlängern unseren Vertrag am Ende auch ganz einfach telefonisch um weitere zwei Tage. Herrlich! Genauso haben wir es uns gedacht: Persönlich, freundlich, effizient und wenig bürokratisch – besser hätte es nicht sein können. alsharouq.rent.car@gmail.com, +968 9922 2617

Froh, ein klimatisiertes Auto in dieser heißen Stadt zu fahren, entdecken wir die unglaubliche Berglandschaft, die Muscat umgibt: Schwarze, abweisend karge Vulkanberge, die immer wieder schöne Blicke auf die grellweiße Stadt freigeben. Beim ersten Licht um 5:30 Uhr morgens gehen wir los und haben bis etwa 9 Uhr nicht nur die Welt für uns, sondern auch wunderbares Licht und weniger schweißtreibende Temperaturen. Danach wird es mühsam und immer heißer, man tut gut daran, ein kühles Hotelzimmer, Auto oder Museum in Aussicht zu haben.

Unsere Wandertipps für Muscat und die umliegende Berglandschaft haben wir uns zunächst aus dem 20 Jahre alten Buch von Anne Dale und Jerry Hadwin geholt: „Adventure Trekking in Oman“. Weil überall zu lesen ist, es gibt nichts Besseres, wenn man wandern will, haben wir es uns aus dem Amazon-Antiquariat für fast 100 Euro vor unserer Reise besorgt und dadurch schon einen Überblick bekommen, wo das Wandern interessant sein könnte. Später, in Muscat, finden wir noch das sehr gut gemachte Explorer-Buch von 2006: „38 Adventurous Routes, Oman, Off-Road“, mit anregenden Bilder und detaillierten Google Maps-Fotos, aber eigentlich für Autofahrer geschrieben, die gern schwierige und landschaftlich einzigartige Routen suchen. Wenn man beide Führer kombiniert und viel Zeit investiert, kann man ungewöhnliche Wanderungen entdecken, die an Steilheit und Dramatik sicher nicht oft auf der Welt zu finden sind und die auch nicht von vielen Leute begangen werden – vor allem nicht zu dieser auch in den Bergen immer noch sehr heißen Jahreszeit.

Von Muscat aus sind nach nicht einmal zwei Stunden Fahrzeit die herrlichsten Wanderziele zu erreichen und mittlerweile gibt es auch fast überall kleinere oder größere Hotels, für diejenigen, die morgens keine Zeit verlieren möchten, bevor sie losgehen. Zu der Zeit, als unser Wanderbuch geschrieben wurde, musste man zelten, wenn man steile, schwierig zu fahrende und daher zeitraubende Anfahrtswege morgens vermeiden wollte.

Wir haben Glück, dass in Wakan, einem wunderschönen Aussichts- und Ausgangspunkt für Wanderungen auf 2.000 Metern Höhe, gerade in diesem Jahr ein Hotel mit nur drei Zimmern neu eröffnet wurde, das wir jetzt Ende August für uns allein haben und deren Angestellte sich ganz nach unserem Tagesrhythmus richten; d. h. wir können nach unseren Morgenwanderungen um 11 Uhr immer noch frühstücken und unsere Wünsche für das Abendessen werden auch weitgehend berücksichtigt. Luxus pur – fünf Angestellte und eine riesige Sonnenterrasse in atemberaubender Umgebung nur für uns! Sama Heritage Homes Wakan: wakanheritage@samaresorts.com, +968 9112 6369

Unvergleichlich ist auch die Zeit in Misfah, einem alten Bergdorf, das langsam, Haus für Haus, renoviert wird und wo einzelne kleine Häuser als Hotels an Touristen vermietet werden. Man fühlt sich fast wie ein Mitglied des Dorfes und kann am frühen Morgen und späten Nachmittag bei bestem Licht ohne Tagestouristen durch das Dorf streifen, die vielen reich behangenen Dattelpalmen bewundern, dem uralten Bewässerungssystem nachgehen und die Kunst der Vorfahren bewundern, das Wasser von den Bergen über viele Kilometer mit leichtem Gefälle so in die Dörfer zu leiten, dass alle genug und gleichviel des kostbaren Nass abbekommen, um ihre terrassenmäßig angelegten Felder das ganze Jahr bewässern zu können. Egal, ob man durch die Terrassen des Dorfes läuft oder steile Wanderungen am Dorfausgang unternimmt, es ist immer lohnenswert. Misfah zählt zu den schönsten Dörfern des Oman, wahrscheinlich, weil es so malerisch an einem steil abfallenden Berghang klebt und noch gut erhalten ist. Man kann es nur zu Fuß erkunden, die Autos müssen draußen auf einem Parkplatz bleiben, was seine Attraktion nur erhöht.  Misfah Old House: obid2000@hotmail.com, +968 9361 1500

Eine besondere Herausforderung für Wanderer ist der „balcony walk“ – ein verrückt aussehender alter Eselspfad, der sich über mehrere Stunden entlang eines Bergrückens des Jabal Shams, des Grand Canyons des Oman, zieht. Man sieht den Pfad nie mehr als ein paar Meter vor sich und kann sich absolut nicht erklären, wie man in dem steil abfallenden Gelände weitergehen kann, aber es geht: Schritt für Schritt. Man darf allerdings nicht nach unten gucken, wo es mehr als tausend Meter steil in die Tiefe geht und man ist auch dankbar dafür, dass es keinen Gegenverkehr zu der frühen Morgenstunde gibt, denn für zwei Menschen nebeneinander gibt es an manchen Stellen einfach keinen Platz. Diese Gegend hat in viel kleinerem Maßstab eine ähnliche Dramatik und fantastische Ausblicke wie der amerikanische Grand Canyon. Man kann nicht fassen, dass am Ende des engen Pfades ein Terrassendorf am Felsen klebt, das vor nicht allzu langer Zeit noch bewohnt war. Die Terrassen ziehen sich bis in die abenteuerlichsten Tiefen, sodass ein falscher Schritt der Bewohner das Ende bedeutet hätte. Unvorstellbar, wie Kinder dort groß werden konnten. Ein TÜV-Zertifikat hätte das Dorf nie bekommen, aber einen Preis für die sehenswerteste Lage bestimmt. Wir sind nicht fertig geworden mit „Ah“, „Oh“ und „Wow“ und haben dementsprechend auch doppelt so lange für die Wanderung gebraucht, wie geplant.

Noch erwähnen möchte ich Ali, unseren liebenswert-schlitzohrigen Taxifahrer aus Muscat: Klein, redegewandt, blitzgescheit und lebensklug weiß er sofort, wie er die Touristen behandeln muss, die in sein Taxi steigen. Er erzählt Geschichten aus seinem Leben oder beantwortet Fragen zum Oman, immer witzig und amüsant, sodass man ihm freiwillig zu dem leicht überhöhten Preis noch gern ein Trinkgeld gibt und ihn jederzeit sofort wieder anrufen und bestellen würde, wenn man wieder nach Muscat käme. Er fährt uns am ersten Tag früh morgens zu unserem Ausgangspunkt zum Wandern in Muscat und am letzten Tag zum Flughafen. Wir sind froh, ihn kennengelernt zu haben, denn leider haben wir nicht viele Einheimische auf unserer Reise getroffen. Im Oman bewegen sich alle mit dem Auto fort und in der heißen Zeit, in der wir unterwegs sind, ist auch kaum jemand auf der Straße unterwegs, wodurch sich der Kontakt mit Einheimischen auf Taxifahrer beschränkt oder auf Leute, von denen man in kleinen Dörfern spontan zum Kaffee eingeladen wird, falls sie Englisch können. Das ist uns zweimal passiert, einmal haben wir, deutsch wie wir sind, abgelehnt, weil wir nicht stören wollten, das andere Mal waren wir klug genug und haben dankbar angenommen und konnten in einer sehr gemütlichen Männerrunde am Sonntagmorgen in einem kleinen Dorf in den Bergen vor dem Moscheegang der Männer mit dabei sein und omanischen Kaffee aus Miniaturtassen trinken und dazu frische Datteln essen!

Es ist so schön, zu sehen, dass Menschen direkt auf einen zukommen und sich freuen, wenn sie Kaffee anbieten und sich unterhalten können. Man sollte immer annehmen, auch wenn man glaubt, gerade keine Zeit zu haben. Es sind die wertvollsten Erinnerungen. Frauen waren leider nicht dabei. Wir haben sie nur in der Hauptstadt gesehen, wo sie entweder mit ihren Familien oder mit Freundinnen in Shopping Malls unterwegs waren und dabei gelegentlich auch unverschleiert. Unterwegs waren sie meist unter einer schwarzen Burka mit kleinen Augenschlitzen bis zur Unkenntlichkeit vermummt. Wie schade! Nicht einmal das Alter konnte man so erraten. Es war, als gäbe es sie gar nicht.

Eva Wiegandt

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