Tausche Allgäu gegen Japan

-20 Grad, der Wind pfeift um die Ecke und am Himmel findet sich keine einzige Wolke. Ein Blick aus dem Fenster genügt, um zu wissen, dass wir heute auf Skitour gehen. Mit viel Glück erwischt man einen solchen Tag in Japan. Japan und speziell die japanischen Alpen sind bekannt für die Unmengen an Neuschnee, die jeden Tag fallen. Frische Spuren im Schnee –Tag für Tag.

Mit unserem kleinen Outdoor Label „Adele Bergzauber” sind wir in Dauerschleife in den Bergen unterwegs. Im Winter bevorzugt mit Ski – bei feinem Schnee, beim Gondelfahren und Freeriden, bei Sonnenschein durch Muskelkraft auf den umliegenden Gipfeln. Wenn man im Allgäu lebt, muss man auch nicht in den Skiurlaub fahren – man hat die Berge vor der Haustür. Wenn man mit Mitte dreißig doch beschließt, zum ersten Mal Skiurlaub zu machen, darf es ein besonderes Ziel sein. Die Wahl fällt auf Japan, zu verlockend sind die Geschichten über den anhaltenden Schneefall und die leckeren Ramensuppen.

Wir fliegen von München mit unseren unzähligen Taschen auf die Nordinsel Hokkaido. Das erste Highlight ist schon, wie einfach das Umsteigen mit Skigepäck in Tokio ist. Akkurat und zackig werden wir von A nach B weitergeleitet und sind im Nu an unserem Ziel in Sapporo angelangt. Mit dabei muss man immer einen Österreicher haben, dann ist das Mieten eines Autos ein Kinderspiel. Deutsche müssen erst ihren Führerschein in Schriftzeichen übersetzen lassen.

Hokkaido ist berühmt berüchtigt für seine Unmengen an Schnee, die hier jeden Winter mit absoluter Gewissheit fallen. Der Ursprung des Schneefalls liegt in der geografischen Lage Hokkaidos. Von Sibirien aus strömt kalte Luft mit vielen Wolken Richtung Japan und diese bleibt einerseits durch die Berge und andererseits durch die warmen Strömungen, die das Meer aus dem Süden heranträgt, über der Insel hängen und zwingt die Wolken, ihre Feuchtigkeit als Schnee fallen zu lassen. Es ist sozusagen eine Schneemaschine in Dauerbetrieb. So kommen pro Jahr um die elf Meter Schnee zusammen. Zum Vergleich: Im Allgäu fallen auf den höchsten Gipfeln pro Jahr vier bis fünf Meter.

Und nicht nur die reine Masse an Schnee macht Hokkaido zum Wallfahrtsort für Skifahrer. Da der Schnee im Vergleich zu den Alpen ohne Wind fällt, ist er deutlich weicher und damit für den Freerider Schnee von allerhöchster Güte. Der zweite positive Nebeneffekt des fehlenden Windes ist, dass die Gefahr von Lawinen deutlich sinkt. Denn der Baumeister der Lawinen ist bekanntlich der Wind und wenn der fehlt, können sich die Mengen an Schnee besser verbinden und die Gefahr einer auslösbaren Lawine sinkt deutlich ab.

Auf der linken Straßenseite machen wir uns auf den Weg zu Hokkaidos größtem Skigebiet, Niseko United. Niseko ist ein zauberhafter Winterurlaubsort, der einem das Tiefschnee-Skifahren in einem fremden Land sehr einfach macht.

Angekommen in Niseko hat man allerdings nicht zwingend den Eindruck in Japan zu sein. Von allen Seiten schallen australische Kommentare, man sieht sich umringt von wohl eher typisch australischen food trucks, coffee trucks und mobile Wachsservicestationen. Erst auf den zweiten Blick sieht man die doch sehr traditionellen japanischen Seiten. Zu Mittag kann man sich in der Schlange ordentlich aufgereiht für Ramensuppe anstellen. Nach dem Skifahren gibt es zahlreiche traditionelle Onsen, heiße Quellen in denen man die müden Beine entspannen kann. Natürlich getrennt nach Männlein und Weiblein und mit Glück mit perfekter Aussicht auf den Nachthimmel und riesige Schneeberge.

Alle lohnenden Tiefschneeabfahrten erreicht man über durchnummerierte Einfahrten, die Gates. Am Eingang des Gates sitzt ein Japaner in einem tief eingeschneiten kleinen Häuschen und klickt sich für jeden vorbeisausenden Freerider durch den Tag. Ein immer wiederkehrendes Phänomen in Japan: Menschen, die Dinge zählen, Autos einweisen, Besucherströme trotz vorhandener Ampeln regeln.
Vernünftigerweise darf man nur mit der passenden Lawinenausrüstung die Gates durchqueren und auch nur, wenn sie offiziell geöffnet sind. Sind sie geschlossen, ist die Lawinengefahr zu hoch und die Einfahrt in die dahinterliegenden Hänge verboten.
Ist das Gate allerdings geöffnet, erwarten einen Tiefschneeabfahrten durch wunderschöne Birkenwälder mit einem gleichmäßigen Gefälle in weichem tiefem Schnee. Japan eben. Man kann über (fast) jeden Baumstamm springen, landet immer weich.

Sobald man am Lift ankommt, will man sofort wieder hoch. Zumindest fast immer – ein Lift hat es uns angetan: Mit viel Mut setzen wir uns auf den einzelnen Sessellift, bestehend aus einer Holzplatte und einem kleinen Geländer. Keine Fußrast, kein Bügel. Für uns verwöhnte Europäer ein Unikum. Hat uns aber immer wieder sicher – und mit etwas Grusel – hochgebracht.

Wenn es jeden Tag schneit, weiß man die Sonne umso mehr zu schätzen. Im Allgäu würden wir bei so viel Schneefall von Glückstagen sprechen. In Japan ist es umgekehrt. Da feiert man einen Tag, an dem es nicht schneit und die Sonne sich blicken lässt. Natürlich haben wir die Aufstiegsfelle voller Zuversicht auf einen dieser sonnigen klaren Tage in die Skitaschen gepackt. Als Tourenziel haben wir uns den Asahidake gesetzt. Der Asahidake ist Teil der Daisetsuzan Volcanic-Gruppe und der höchste Berg auf der Nordinsel Japans. Wenn man schon auf Skitour geht, dann auf einen Berg mit Rang und Namen.

Unser Plan ist, den Vulkan über die Südostseite zu besteigen und nördlich in den halb geöffneten Krater abzufahren.

Unterschätzt, oder eher nicht erwartet, haben wir die Eiseskälte, die sich an so einem klaren Tag entwickelt. Über Nacht ist die Temperatur auf -20 Grad gefallen. Zudem bläst der stetige Wind über den Bergrücken, trägt konstant unseren heiß geliebten Schnee ab und schafft so eine harte eisige Oberfläche. Ein Graus zum Laufen, besonders da die Ski mit Steigfellen auf Eis kaum Haftung bieten. Je näher man dem Gipfel kommt, umso stärker bläst der Wind und wir schnallen die Ski ab und montieren sie an den Rucksack.

Mittlerweile lehnen wir uns mit dem ganzen Gewicht gegen den Sturm, um nicht umgeweht zu werden. Wer Sturmböen in den Bergen kennt, weiß, dass sie die Temperaturen nochmals schlagartig nach unten verzerren können. So frieren uns auf den letzten 100 Höhenmetern die Finger fast ab. Anscheinend ist hier oben unsere Wohlfühlgrenze erreicht. Wir ziehen die Finger in unseren Handschuhen zu einer Faust zusammen, sammeln so noch das letzte bisschen an Wärme und stapfen mit gesammelter Willenskraft immer Richtung Gipfel.

Hat man den Gipfel erreicht, tritt absolute Zufriedenheit ein. Die Aussicht hier oben ist überwältigend. Unzählige Gipfel, umspielt von dichten Birken- und Nadelwäldern, bieten ein Wahnsinnspanorama.
Ziemlich schnell gewinnt der Wind und die Kälte zieht immer weiter in unsere Glieder. Wir ziehen die Felle von unseren Skiern und machen uns bereit für die Abfahrt. Bedacht rutschen wir über den vereisten Untergrund an den Rand des halb geöffneten Kraters und werfen einen ersten Blick auf unsere Abfahrt. Weit unten sehen wir die Nebelschwaden aufsteigen. Unten sieht man leider (oder Gott sei Dank?) kein glühendes Rot. So ein Vulkan ist es nicht. Aber es steigen an mehreren Stellen große Dampfwolken auf. Hier entweichen die heißen Gase aus dem Inneren des Berges.
Wir tasten uns vorsichtig an den ersten Schwung. Er zeigt, dass der Wind den Krater selbst kaum berührt hat. Im Krater haben wir weichen japanischen Powder. Wir ziehen in einem langen Atemzug die eiskalte Luft ein und setzen große genussvolle Schwünge in den unverspurten Hang.

Die Fahrt durch die Nebelschwaden ist ein Erlebnis für sich, sowohl sicht- als auch geruchstechnisch. Man sieht nichts und die Luft riecht faulig nach Schwefel. Je tiefer wir in den Nebel fahren, desto intensiver wird der Geruch und treibt uns, trotz fehlender Sicht, weiter über das jetzt unebene Gelände. Aber letztendlich spuckt uns der Nebel wieder aus und nach weiteren hundert Höhenmetern erreichen wir die Baumgrenze und genießen die letzten Meter zum Fuße des Asahidakes.

Die beste Reisezeit ist Mitte Dezember bis Mitte Februar. Zum Starten lohnt sich auf jeden Fall Niseko als größtes Skigebiet mit einer Vielzahl an Liften und Varianten.

Für einen abgerundeten Aufenthalt können wir das MnK Country Resort bei Niseko empfehlen. Es ist ein kleines Dorf etwas abseits des großen Trubels. Hier kann man sich eines der architektonisch sehr unterschiedlich und interessanten Häuser mieten und kommt in den Genuss einer Rundumversorgung, inklusive Shuttleservice zum Lift und ins Nachtleben. Grandios ist vor allem die große Küche des Hauses, die wir sofort als Ausrede nutzen konnten, um im lokalen Supermarkt alle möglichen nicht identifizierbaren Lebensmittel zu kaufen.

Wer seinen Trip im japanischen Powder in professionellen Bildern festgehalten haben möchte, meldet sich bei Niseko Guiding and Photography. Wir haben uns mit Elsie getroffen, einer sympathischen Australierin. Sie leitet mit ihrem Mann das Guidingunternehmen und wir durften sie für unseren „Adele Bergzauber Podcast” interviewen. Das Besondere in diesem Unternehmen ist, dass ausschließlich professionelle Fotografen als Skiguides angestellt sind.

Lisa Prechtl und Holger Riedisser
© Lisa Prechtl

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