Suppe wird Hai zum Verhängnis

Jedes Jahr sterben Millionen Haie, weil ihre Flossen in chinesischen Kochtöpfen landen.

Hong Kong. Shark’s Fin City steht auf dem weißen Schild, das über einem Laden in der Des Voeux Road im Hong Konger Stadtteil Sai Ying Pun hängt. Hier ist Hong Kong noch ganz chinesisch, hier ist „Haiflossen-Stadt“. Es gibt weder glänzende Hochhausfassaden, noch internationale Bekleidungsketten oder Fastfood-Restaurants. Hier sind die Läden klein und schmal, und ihr Angebot ist einseitig: Entweder Küchenutensilien oder Elektronikartikel oder eben Meeresgetier. Zwei Männer sitzen auf einem Hocker und schaben Fasern aus weißen Haiflossen. Um sie herum stapeln sich die Finnen. Schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite, dasselbe Bild. Zwei Männer sortieren einen Berg von Haiflossen. Doch fotografieren ist dort verboten. Ein Mann winkt ab: „No, no.“

Haiflossen gelten in China als Delikatesse, speziell in der Suppe. Shark fin soup, nennt sich die auf Englisch. Der Appetit darauf wird für die Tiere inzwischen zu einer ernsten Gefahr. „Die Haie stehen vor der größten Herausforderung ihrer 400 Millionen Jahre alten Geschichte“, sagt Colin Simpfendorfer von der Weltnaturschutzunion (IUCN). Jedes Jahr werden nach Angaben des WWF Hong Kong 73 Millionen Haie getötet. Die Fangmethoden sind brutal. Die Rückenflosse sowie die anderen Flossen werden einfach abgetrennt und die Haie zurück ins Meer geworfen. Unfähig zu schwimmen sinken sie zum Meeresboden und verenden dort. In einigen Gegenden der Weltmeere sind die Bestände um 90 Prozent geschrumpft, 126 Haiarten sind vom Aussterben bedroht.

Kreiert wurde die Suppe vor vielen Jahrhunderten während der Song-Dynastie. Ihr erster Kaiser Taizu, der von 960 bis 976 regierte, soll sie eingeführt haben, um damit Macht, Wohlstand und Großzügigkeit zu demonstrieren. Seitdem steht das Gericht als Luxusgut hoch im Kurs. Reich musste und muss man bis heute sein, um sich die Suppe, eine Art Brühe, in der die über Stunden eingeweichte und gekochte Haifischflosse zu geschmacklosen gummiartigen dünnen Fasern zerfallen ist, leisten zu können. Ein Teller Suppe kostet um die 90 Euro. Für die vielen Millionäre in Hong Kong und Chinas wachsende Ober- und Mittelschicht ist das kein Problem. Im Gegenteil: Vor allem die jungen Chinesen tragen ihren Wohlstand gerne zur Schau. Ob Hochzeiten, Bankette oder Geschäftsessen – die shark fin soup ist als Symbol für Reichtum fester Bestandteil des Buffets. Speziell zum Jahreswechsel, dem Chinese New Year, wird die Haiflossensuppe in der Hoffnung auf ein erfolgreiches neues Jahr gelöffelt. Die Hong Kong Shark Foundation hat sich während des Neujahrsfestes im vergangenen Jahr die Menükarten von 375 China-Restaurants in der Stadt angesehen und die Suppe fast überall gefunden.

In der Europäischen Union, den USA und vielen anderen Ländern ist das shark finning verboten. Ein explizites Verkaufsverbot von Haiprodukten gibt es dagegen nur in sehr wenigen Ländern, darunter vier US-Bundesstaaten. Hauptumschlagsplatz für Haiflossen ist Hong Kong; zwischen 50 und 80 Prozent des globalen Handels wird laut WWF hier abgewickelt. Getötet werden die Haie allerdings überall auf der Welt, als die größten Fischer gelten unter anderem Indonesien und Spanien.

Immerhin haben sich inzwischen 35 Flug- und 16 Schifffahrtsgesellschaften dem Druck der Tierschützer gebeugt und lehnen den Transport von Haiflossen ab. Auch ist der Import in Hong Kong von 10 Millionen Kilogramm 2010 auf 5,7 Millionen 2014 eingebrochen. Tierschützer bleiben dennoch skeptisch. Tracy Tsang vom WWF Hong Kong wertet das zwar als ein positives Zeichen für eine sinkende Nachfrage. Gleichzeitig warnt sie aber: „Das kann auch ein Hinweis darauf sein, dass es immer weniger Haie gibt, die überhaupt gefangen werden können.“

sba

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