Sabbatical in Hong Kong: Chance genutzt und Horizont erweitert

Jetzt oder nie! Bettina Moser traute sich mit 46 Jahren raus aus ihrer Komfortzone und reiste nach Hong Kong um Englisch zu lernen.

Es gehört viel Mut dazu, ganz alleine und für mehrere Monate in ein Land zu gehen, dessen Sprache und Kultur völlig fremd ist. Und dazu ist noch jede Menge Entschlossenheit nötig, wenn man eigentlich fest im Alltag des Lebens gefangen ist. Bettina Moser aus Kulmbach traute sich. Sie wurde schon in jungen Jahren Mutter, hat beruflich viel erreicht und war immer für andere da. Jetzt war es höchste Zeit, auch mal an sich zu denken, eine Auszeit von den festen Strukturen zu nehmen und endlich Englisch zu lernen.

Nägel mit Köpfen machen

Die Entscheidung, für drei Monate ins Ausland zu gehen, fiel der dreifachen Mutter nicht leicht. „Daher musste ich sie schnell treffen, denn ich wusste: Je länger ich überlege, umso mehr Bedenken bekomme ich“, erklärt Bettina Moser. Und so kam es auch: Die ersten Gedanken für ein Englischpraktikum im Ausland hatte sie Weihnachten vergangenen Jahres, die Entscheidung dafür traf sie Mitte Januar 2019 und keine vier Wochen später flog sie nach Hong Kong. Doch warum gerade aus der Kleinstadt Kulmbach in die Metropole Hong Kong? „Ich wollte einerseits eine komplett andere Kultur erleben und andererseits gutes Englisch lernen – und genau das sagte man dieser ehemaligen britischen Kolonie nach“, erzählt die 46-Jährige.

Drei Ziele als Antrieb

Die ständige Neugier eine fremde Kultur in der Tiefe kennenzulernen, begleitete Bettina Moser schon lange. Außerdem waren es drei Ziele, die sie während ihrer dreimonatigen Sabbatzeit unbedingt erreichen wollte. Erstens: Englisch lernen, denn als ehemaliges Kind der DDR spricht sie zwar gut Russisch, konnte bei englischen Konversationen aber nur mit einem netten Lächeln antworten. Zweitens: Den Horizont erweitern. Denn ihren eigenen empfand sie eher als „kleinstädtisch“ und drittens: „Ich wollte zu mir finden, mein Leben von außen betrachten und mir die Fragen beantworten, wer ich bin und was ich brauche.“

Auf dem Boden der Tatsachen

In Hong Kong angekommen, wich die Vorfreude schnell der Realität. „Das 14-Quadratmeter-Zimmer kostete ein halbes Vermögen, auf den Straßen wimmelte es von Menschen, Hochhäuser versperrten den Blick auf den Horizont, all das war beeindruckend und beängstigend zugleich“ erinnert sie sich. Und damit nicht genug: Die Hong Konger sprechen inzwischen nicht mehr überall und eher schlechtes Englisch.

Herausforderungen meistern

Um Englisch zu lernen, bewarb sich Bettina Moser bei verschiedenen Sprachschulen. Doch alle lehnten sie ab oder sie passte nicht in die Terminstruktur. Sollte sie schon an ihrem ersten Ziel scheitern? Inzwischen waren zwei Wochen vergangen, in denen die toughe Kulmbacherin täglich Fluchtgedanken hatte. Sie erinnert sich an diese harte Zeit so: „Ich habe sehr mit mir gerungen, ich war alleine, kannte niemanden, wusste nicht wo ich einkaufen kann oder was ich essen soll. Alle Töpfe, in die ich am Straßenrand blickte, sahen wabernd, bräunlich und undefinierbar aus.“ Zum Glück gab es das Internet, über das sie die deutsche Gemeinde ausfindig machte und erste Kontakte knüpfte, die sowohl vom sonntäglichen Gottesdienst herrührten als auch von einer dort gefunden Wandergruppe deutscher Ladies.

Englisch pauken

Durch einen glücklichen Zufall oder mit Gottes Hilfe fand Bettina Moser in der dritten Woche endlich einen privaten Englischlehrer. Die Wellenlänge stimmte und der Hong Kong-Chinese sprach außerdem sehr gutes Englisch. „Er war ein Geschenk Gottes“, fügt sie hinzu und strahlt dabei. Von nun an folgte jeden zweiten Tag Unterricht. Zuerst zwei Stunden am Schreibtisch, um die Grammatik und den Satzbau zu lernen, und anschließend ging es für drei Stunden raus, um in die Praxis einzutauchen. „Wir sind einkaufen gegangen, machten kleine Wanderungen und er erzählte mir die Geschichte des Landes. Natürlich alles auf Englisch. Anfangs verstand ich gar nichts, aber im Laufe der Zeit konnte ich Zusammenhänge herleiten. Ein guter, aber auch strenger Lehrer: Bei manchen Ausspracheübungen liefen mir die Tränen“, erzählt sie weiter.

Freie Zeit genutzt

An den unterrichtsfreien Tagen lernte Bettina Moser nicht nur Vokabeln, sondern auch die Businesswelt von Hong Kong kennen. Sie schnupperte in verschiedene Firmen rein, durfte Geschäftsleute im Alltag begleiten und sogar an einem Unternehmensausflug teilnehmen. Da sie ein sehr offener Typ ist und sich inzwischen einigermaßen verständigen konnte, lernte sie von nun an immer mehr internationale Menschen kennen. „Schnell hatte ich ein Netzwerk um mich herum, wodurch ich tolle Chancen bekam. Es war der pure Luxus, das erleben zu dürfen“, schwärmt sie.

Zweite Heimat gefunden

Wenn die 46-Jährige über ihre Zeit in Hong Kong spricht, funkeln ihre Augen. Erst vor wenigen Monaten kam sie zurück nach Kulmbach. Doch schon jetzt vermisst sie einige Dinge: „Ich habe Sehnsucht nach den Menschen, da sie sehr offen und wertfrei sind. Aber ich vermisse auch den Kontrast der Skyline, den wundervollen Stränden und der subtropischen Natur. Außerdem fehlt mir das vielseitige und bekömmliche Essen und die Art, es gemeinsam zu genießen.“ Die Zeit in Hong Kong hat die dreifache Mutter verändert. „Ich war vorher sehr durchdacht, stark rational, wollte immer alles planen. Eben typisch deutsch“, erklärt sie und lacht dabei. Inzwischen ist Bettina Moser lockerer, viel aufgeschlossener. Und sie hofft, andere zu motivieren: „Viele Menschen in meinem Alter sind so stark im Alltag verankert, dass sie so was nicht machen würden. Klar muss man aus seiner Komfortzone heraustreten, aber es lohnt sich. Diese Erfahrung ist einmalig und bleibt ein Leben lang – Hong Kong ich komme wieder!“

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