Rot und unablässig rollen Hong Kongs Taxis

In der Millionenmetropole fährt jeder Taxi – weil es billig und bequem ist

Hong Kong. In Hong Kong gehören die Taxis zum Stadtbild wie die Wolkenkratzer. Rot und im immer gleichen simplen Toyota-Chic – das Modell heißt Crown Comfort – kurven sie durch die Straßen der Millionenmetropole. Sie scheinen nie Pause zu machen, so wie die hektische, geschäftige Stadt, der sie dienen.

Ob zur Arbeit, zur Schule, zum Einkaufen oder zur Verabredung am Abend, ob alt oder jung, arm oder reich – es wird Taxi gefahren. Einfach an den Straßenrand stellen, Hand ausstrecken und wenn nicht gerade Feierabend ist oder Dauerregen herrscht, wird gleich eines der 18.000 Taxis anhalten. Ein kleines, rotes, rundes Schild innen an der Windschutzseite angebracht verrät, ob das Taxi frei ist. „For hire“ blinkt es dann dort. Hat der Taxifahrer Feierabend oder Pause, erscheint an selber Stelle „Out of Service“. Auf mehr als eine Million Fahrten kommt das Hong Konger Taxigewerbe pro Tag.

Verglichen mit anderen Metropolen ist Taxifahren in Hong Kong günstig. Die ersten zwei Kilometer auf Hong Kong Island kosten 22 HK$, dann sind es 1,60 alle 200 Meter bis eine Summe von 78 HK$ erreicht ist, ab da reduziert sich der 200-Meter-Preis auf einen Dollar. Öffentliche Parkplätze für den Privatwagen sind dagegen rar und teuer. Außerdem gibt es in der beengten Stadt immer wieder Staus, und die lassen sich dann bequem auf der Rückbank überdauern.

Seit Jahren gilt die Taxibranche als gewinnbringende Anlage: Weil die Hong Konger Regierung schon seit zwei Jahrzehnten keine neuen Lizenzen mehr ausgibt, sind die verfügbaren nur gegen viel Geld zu haben. Der lukrativste Deal wurde vor zweieinhalb Jahren erzielt: Da wechselte eine Lizenz (inklusive Taxi) für 7,66 Millionen HK$ den Besitzer. Das Ganze ist jedoch reine Spekulation und nutzt den meisten Fahrern wenig: Die haben die Taxis von den Lizenzinhabern nur gemietet und müssen pro Schicht rund 800 HK$ abtreten.

Je nach Standort wechseln die Taxis einem Chamäleon gleich ihre Farbe: Rot sind sie auf Hong Kong Island, grün in den New Territories und blau auf Lantau. Die Taxis dürfen die Terrains wechseln – weigern sich aber oft. Zum Ärger der Passagiere.

Überhaupt haben die Beschwerden gegenüber Taxifahrern zugenommen. 2014 sind mehr als 10.000 Klagen beim Transportministerium eingegangen, in jeder vierten gaben Kunden an, von Taxis abgewiesen worden zu sein. In jedem dritten Fall ging es um überteuerte Fahrten oder nicht direkt gefahrene Routen. Immer wieder ist auch die Verständigung ein Problem, das Englisch vieler Fahrer ist rudimentär, und die Ausländer sprechen kein Mandarin oder Kantonesisch. Vor ein paar Jahren hat die Hong Konger Verwaltung versucht Abhilfe zu schaffen, in dem sie einen zweisprachigen Stadtführer mit den wichtigsten Straßennamen und bekanntesten Touristenattraktionen auf Englisch und Chinesisch an die Fahrer ausgeteilt hat. Derweil versucht der amerikanische Taxiservice Uber das Monopol auf Hong Kongs Straßen zu brechen. Bislang mit wenig Erfolg. Zuletzt wurden Büros von Uber von der Polizei durchsucht und Fahrer festgesetzt, weil sie keine Taxilizenz hatten.

Dass Taxis auch Kunst sein können, findet die Australierin Allison Haworth West, die seit 13 Jahren in der Stadt lebt und unzählige Stunden im Taxi verbracht hat. Was sie nach eigenen Angaben am meisten auf ihren Fahrten faszinierte, waren die Armaturenbretter, viele von ihnen exzentrisch und individuell gestaltet: Mit japanischen Manga-Figuren und religiösen Devotionalien, mit Fotos der Familie und kompliziert verbundenen Haltevorrichtungen, in denen zwei oder gar mehr Handys stecken. Die Fotos, die sie davon gemacht hat, hat sie jetzt zu einem Bildband zusammengefasst. „Taxi Art“ heißt das Buch.

Im Übrigen: Wer etwas im Taxi verloren hat, sollte nicht verzagen. Zwar ist es nahezu unmöglich, den Taxifahrer ausfindig zu machen. Es gibt keine Zentrale, die mit allen Fahrern in Kontakt treten könnte, sondern nur eine kommerzielle Radiostation, bei der man einen Verlust melden kann. Doch die Schreiberin dieser Zeilen kann aus eigener Erfahrung versichern: Hong Kongs Taxi-Fahrer und Taxi-Nutzer sind ehrliche Menschen. Die liefern liegen gelassene Portemonnaies bei der Polizei ab beziehungsweise bringen vergessene Schulranzen gar persönlich zu Hause vorbei.

sba

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