Reittherapie in Hong Kong: Wie freiwillige Helfer das Leben von Kindern mit Beeinträchtigungen verbessern

Wenn man an Hong Kong denkt, kommt den meisten Menschen nicht zuerst der Kontakt mit Natur oder Tieren in den Sinn. Genauso wie ich über die schiere Größe der Country Parks erstaunt war, hat es mich überrascht, dass es neben dem sehr populären Pferderennsport auch öffentliche Reitschulen gibt. In denen des Hong Kong Jockey Clubs in Pok Fu Lam und Tuen Mun hat sich Riding for the Disabled Ltd. (RDA) angesiedelt.

RDA ist eine Non-Profit-Organisation, die Kindern mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen Reittherapie mithilfe speziell ausgebildeter Ponies und Pferde ohne Entgelt ermöglicht. Therapeutisches Reiten gilt als hilfreich bei einem großen Spektrum von physischen und psychischen Beeinträchtigungen, z. B. spastischen Lähmungen, Down Syndrom oder Autismus. Reittherapie unterstützt die Persönlichkeitsentwicklung, die Bereiche Motorik, Wahrnehmung, Lernen, Befindlichkeit und Verhalten. Positive Lernerfahrungen im Bereich des sozialen Verhaltens entstehen durch die Interaktion mit dem Pferd sowie durch die Coaches, freiwilligen Helfer und die anderen Gruppenmitglieder.

Als ich mit meiner Familie vor fast zehn Jahren aus Shanghai nach Hong Kong kam, war RDA eine der ersten Anlaufstellen, um mein Sozialleben in Hong Kong zu etablieren. Mit Pferden in Deutschland groß geworden, war der Verlust des intensiven Pferdekontaktes eine meiner größten persönlichen Herausforderungen für ein Leben in Asien. Ich selbst hatte als Kind und Teenager schon allein die Präsenz eines Pferdes als sehr beruhigend empfunden und wenn ich nicht gerade auf dem Pferderücken saß, habe ich endlose Stunden damit verbracht, Pferde auf der Weide zu beobachten. Insofern war ich neugierig zu erleben, wie Pferde Menschen mit Beeinträchtigungen helfen können.


Mein Freund Mascot, einer unserer langjährigen Therapiepferdestars

Der Start als freiwilliger Helfer oder Volunteer bei RDA wurde mir leicht gemacht: Die Teams sind englischsprachig, freundlich und unkompliziert. Durch den hohen Anteil an Expats gibt es leider eine regelmäßige Fluktuation und somit ist eine tatkräftige Hilfe jederzeit sehr willkommen. Man benötigt weder Erfahrung mit Pferden oder beeinträchtigten Kindern – es wird Training on the job mit erfahrenen Coaches sowie off the job für neue Volontäre angeboten. Pferde und Stallgeruch sollte man natürlich grundsätzlich mögen!

Die Hilfe in den Reitstunden heißt hands on: Jedes Pferd oder Pony wird von einem Volontär geführt. Daneben sind die side helpers die wichtigsten Stützen der Therapie. Ein oder zwei Volontäre gehen neben dem Kind, um es emotional zu unterstützen und die Anweisungen des Coaches zu übermitteln. Manchmal ist auch physische Unterstützung nötig, sofern die Balance des Reiters dies erfordert.

Die Belohnung für so manch anstrengende Stunde an Hong Kongs heißen Tagen sind die kleinen – und großen – Erfolge, die die Kinder durch die Pferde erleben und diese Arbeit so einzigartig machen: Das Lächeln eines Kindes vom Pferderücken hinunter auf uns, wenn es das erste Mal nicht vom Rollstuhl zu anderen Menschen aufsehen muss. Oder der Augenblick, in dem ein autistisches Kind, das normalerweise jeden körperlichen Kontakt unerträglich findet, die Arme um einen Pferdehals schlingt – das sind die Momente, die mich dazu bewogen haben, mich für die Ausbildung als Instructor bei RDA zu entscheiden. Zwei Jahre intensives Theorie- und Praxistraining sowie eine Reihe von Zertifizierungen durch eigens aus England eingeflogene Senior Coaches haben mich so manches Mal aus meiner Komfortzone geführt. Der Aufwand hat sich gelohnt! Seit einem Jahr bin ich voll zertifizierter Instruktor für RDA und unterrichte zweimal pro Woche am Reitstall in Pok Fu Lam Gruppen mit beeinträchtigten Kindern lokaler oder internationaler Herkunft.

Wie überall in Hong Kong ist Platz eine Herausforderung, und so bieten wir Gruppenunterricht mit vier bis sechs Teilnehmern in einer Therapiestunde an. Als Charity sind wir bei RDA für die Durchführung der Reitstunden komplett auf Freiwillige angewiesen. Für eine Reitstunde mit sechs Kindern benötigen wir zwischen zwölf und achtzehn Volontäre, je nach Schwere der individuellen Beeinträchtigung der Reiter. Die meisten freiwilligen Helfer kommen einmal wöchentlich, einige häufiger. Über den Zeitraum von mehreren Monaten festigen sich die Kontakte zwischen ihnen und den Kindern, was beiden hilft. Die meisten Kinder lieben Routine und freuen sich darauf, wöchentlich vertraute Gesichter zu sehen. Für die Volontäre ist es häufig die größte Motivation, die Entwicklung eines Kindes im Verlauf der Wochen zu erleben – und zu wissen, dass er oder sie ein stückweit dazu beigetragen haben.

Sabine Behrendt

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