REISEN AM LIMIT: Timbuktu

Die Metropole am Niger erlebte ihre Glanzzeit im 15. und 16. Jahrhundert. Als ein Zentrum des Transsahara-Handels war Timbuktu der Hauptumschlagplatz sowohl für Sklaven und Eunuchen, als auch für das weiße Gold der Wüste, dem Salz. Hinzu kamen Goldhandel und Tauschgeschäfte mit Elfenbein, Moschus oder Pfeffer aus Westafrika.

Mein Gefährt ist ein 20 Jahre alter Nissan Patrol mit 418.000 km auf dem Tacho. Durch passende Grafik und Aufschrift verwandeln wir ihn in das „Mali-Muli“.

Doch ein Muli reist nicht gern allein. Meine langjährigen Reisepartner sind mit von der Partie. Beide haben sich alte Mercedes MB 100 Kleinbusse gekauft, denn diese sind in Afrika begehrt.

Die Autos werden generalüberholt und für den Export mit Zollkennzeichen versehen. Wir packen Werkzeug, Ersatzteile, Campingausrüstung, Kocher, Lebensmittel und Getränkeflaschen ein sowie ausrangierte Fernseher, Videorekorder und Computerteile.

In Zusammenarbeit mit der vierten Jahrgangsstufe der Emsdettener Johannesschule wird eine große Spendenaktion unter dem Motto „Spielzeug für Afrika“ auf die Beine gestellt. Ausrangiertes Spielzeug und gute Kleidungsstücke werden gespendet. Letztlich kommen 20 prall gefüllte Säcke zusammen.

Wir legen die 3.000 km bis zu Spaniens Südspitze zum Fähranleger bei Algeciras in drei Tagen zurück. Die Kommunikation zwischen unseren Fahrzeugen verläuft mittels Walkie-Talkies.

Marokko durchqueren wir im Eiltempo und erreichen Tarfaya. Dann überschreiten wir die Grenze zur West-Sahara. Das riesige Areal ist ein einziger, glutheißer Sandkasten – öde und leer.

Wir passieren die ersten Warnschilder mit der Aufschrift „Vorsicht Minen!“. Ein Großteil der südlichen Provinz Rio de Oro ist seit den Grenzkonflikten der 70er Jahren mit den lebensgefährlichen Reliquieen eines längst vergessenen Kriegs um wertlosen Sand vermint. Zur Übernachtung in der Wüste verlassen wir üblicherweise die Hauptstraße, um außerhalb der Sichtweite der LKW-Fahrer, Polizei und möglicher Straßenräuber unser Lager aufzuschlagen. Nun müssen wir mühsam kleinen Militärpisten folgen, doch viele Fahrzeugspuren sind nicht erkennbar. Neben einem Übungsturm für Fallschirmspringer bilden wir eine kleine Wagenburg wie im Wilden Westen.

Der nächste Tag stellt uns vor neue Herausforderungen: Die erste Tankstelle ist außer Betrieb, die zweite hat kein Benzin mehr, während bei der dritten der Generator ausgefallen ist und es keine Handpumpe gibt. Zum Glück haben wir ausreichend gefüllte Ersatzkanister dabei!

Die Einreise verläuft unkompliziert, da wir uns eines lokalen Schleppers bedienen, der für uns die Grenzformalitäten inklusive der Verzollung für ein kleines Bakschisch erledigt.

In Mauretanien wimmelt es von Straßensperren und Kontrollposten durch Polzei und Militär.  Man verlangt Pass, Visum, Führerschein, Fahrzeugversicherung und das überwichtige „Carnet de Passage“. Unsere schon in Deutschland vorbereiteten Formulare erweisen sich als zeitsparender Glücksfall und werden während der Fahrt trotz 50facher Ausfertigung bis aufs letzte Blatt gebraucht.

Unabhängig davon scheint es ein gängiges Prinzip zu sein, bei Fahrzeugkontrollen auch die Hand aufzuhalten. So manches Spielzeug, das eigentlich für die noch vor uns liegenden Dörfer gedacht war, verschwindet in der Taschen der Soldaten und Polizisten, die es ihren eigenen Kindern geben.

Hinter der Hauptstadt Mauretaniens, Nouakchott, liegt der landschaftlich schönste Teil der bisherigen Route. Wir befinden uns inmitten eines faszinierenden Sandmeeres.
Immer mal wieder passieren wir malerische Orte mit kleinen runden Lehmbauten und Grasdächern, dazwischen seltsam bunte Hütten, deren Wände aus flach geklopften Ölfässern gebaut werden. Kamele stehen am Wegesrand oder machen es sich auf dem Asphalt bequem.

Durch unsere Minibusse sind wir ein wenig in unserer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und können nur Pisten mit festen Oberflächen befahren. Trotzdem bleiben wir bisweilen in einer Tiefsandpfanne stecken und müssen die schweren Gefährte mühsam freischaufeln.
45 Grad, stets weht ein trockenheißer Wind, der Harmattan. Der festsitzende Bus bewegt sich nur zentimeterweise vorwärts!
Der Lohn der Schufterei kommt in einem entlegenen Seitental in Form einer grandiosen Felskulisse mit überwältigenden Canyons und Bilderbuch-Tafelbergen beim kleinen Bergdorf Terjit.

Es liegen schon 9.000 km hinter uns als wir bei Kiffa die volkstümlich genannte „Straße der Kadaver“ erreichen. Es ist ein trauriger Anblick wie man ihn so leicht nicht vergißt. Hunderte von toten Tieren säumen den Straßenrand! Zu diesem erbarmungswürdigen Anblick der Kadaver gesellen sich Dutzende von Autowracks.

Wir parken unsere Wagen und sind auch schon umringt von neugierigen Kindern. Nach wenigen Minuten scheint jede Scheu und Schüchternheit vorbei zu sein. Wir erklären dem verdutzten Dorfchef auf französisch unser Anliegen der Spendenaktion, zeigen ihm Fotos der Schüler und beginnen, ein paar Säcke auszupacken. Ein Raunen geht durch die auf über 100 Personen angewachsene Menschenmenge und als ich das erste T-Shirt herausziehe, gibt es kein Halten mehr. Wir kapitulieren und überlassen es dem lokalen Chef, die Dinge nach seinem Gutdünken zu verteilen. Nach wenigen Minuten ist der Sack leer und obwohl nicht jeder etwas erhalten hatte, scheinen alle glücklich und zufrieden zu sein. Spontan wird ein Dorffest veranstaltet.  

Unsere letzten Tage verbringen wir zwischen entspannten Dorfbesuchen und Spielzeugverteilungen, der Besichtigung von primitiven Kameltränken und kunstvoller Kalebassenherstellung, zwischen überfüllten Dorfmärkten und menschenleeren Savannen. Alle Erwartungen an ein intensives Eintauchen in das autentische Afrika werden erfüllt, nur der ursprüngliche Traum unserer Tour geht leider nicht in Erfüllung. 195 km vor Timbuktu ist Schluß! Der schlechte Pistenzustand ermöglicht es unseren Bussen nicht, weiterzufahren.

Christian Rommel, ROX Asia, Hong Kong

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