REISEN AM LIMIT: Ruwenzori – dem Regenmacher auf der Spur

Ich ziehe den Stiefel aus der schwarz-grünen, übel riechenden Masse. Es gibt ein schmatzendes Geräusch und zurück bleibt ein gähnendes Loch. Schwerfällig setze ich den nächsten Fuß nach vorne und auch diesmal versinke ich wadentief im morastigen Untergrund. Seit einer Stunde quälen wir uns durch ein nebelverhangenes Hochland-Moor und ein Ende ist nicht in Sicht. So weit das Auge auch reicht – zähflüssiger, blubbernder Modder. Doch genau deshalb bin ich hier. 

Vor fünf Tagen starteten wir in dem kleinen Örtchen Kilembe in West-Uganda an der Grenze zur demokratischen Republik Kongo, um uns den (angeblich) schwierigsten Trekkingpfaden der Welt zu stellen. Wir, das sind Bernd, Polizist aus Stuttgart, und Peter, Ex-Zahnarzt aus Düsseldorf. Seit genau 20 Jahren sind wir ein erprobtes und eingeschworenes Team. Nach vielen Expeditionen, unter anderem in das Hochland Neuguineas, durch die Salzwüsten Äthiopiens und durch die endlosen Dschungel Brasiliens, kann uns so leicht nichts mehr erschüttern. Doch diese Umgebung ist eine Klasse für sich.

Das Ziel unserer Tour 2013 ist der legendäre Ruwenzori, was in etwa „Regenmacher“ bedeutet. Bei fast 320 Regentagen im Jahr ist dieser Name mehr als zutreffend. Wem Nässe zuwider ist – sei es von oben oder von unten – der ist hier absolut fehl am Platz. Doch wer die hautnahe Konfrontation mit den Naturgewalten und ein äußerst intensives Körpergefühl liebt, findet hier sein persönliches Paradies.

Seit vielen Jahren träume ich von einer Trekkingexpedition in das abgelegene Hochgebirge im Herzen Schwarzafrikas Doch viel mehr als die körperliche und mentale Herausforderung reizt mich die Aussicht, die endemischen Riesenpflanzen in diesem klimatischen Mikrokosmos zu sehen. Außerdem genießt der Ruwenzori unter Insidern den legendären Ruf, über die dichteste Vegetationszone der Welt zu verfügen. Für einen Trekkingfanatiker wie mich ein absolutes Muß!

Also fahren wir von Kampala, der Hauptstadt Ugandas, mit altersschwachen, überfüllten Überlandbussen in den Westen des Landes. Vorbei an stillgelegten Kupferminen erreichen wir den australischen „Ruwenzori Trekking Service“ in Kilembe. Dort leihen wir für die Zehn-Tages-Tour letzte Ausrüstungsgegenstände wie Gummistiefel, Klettergurte, Steigeisen und Helme. Unsere 15-köpfige Begleitmannschaft besteht aus Führern und Trägern von Ausrüstung, Lebensmitteln und Brennmaterial.

Nur wenige Stunden später geht es auf dem neu erschlossenen „Kilembe Trail“ los. Es beginnt mit einer entspannten Wanderung im schönsten Sonnenschein über kleine Feldwege, durch saftige Wiesen, vorbei an üppig wuchernden Bananenplantagen, Feldern mit Maniok, Bohnen, Süßkartoffeln und Taro. Entlang einzeln stehender Grasdachhütten winken uns fast schwarzhäutige hagere Männer mit Grabstöcken und in bunte Tücher gewickelte Frauen freundlich zu. Horden rotznasiger, halbnackter Kinder tollen um uns herum und schreien pausenlos „Muzungu, Muzungu“, was in etwa „weißer Mann“ bedeutet, den man hier nur selten zu Gesicht bekommt.

Unmittelbar hinter dem Nationalpark-Eingang – der Ruwenzori wurde 1994 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt – stoßen wir Dank viel Glück und der Adleraugen unseres Guides Daniel auf das endemische, extrem seltene „Jackson Dreihorn“-Chamäleon. Seine grünlich leuchtende Pigmenthaut ist ebenso faszinierend wie sein archaisch anmutender, an Dinosaurier erinnernder Kopfschmuck.

Auf rutschigen Steinen, glitschigen Baumstämmen und wackeligen Holzbrücken durch- und überqueren wir mehrere Bäche und kleinere Flüsse, bis der gemütliche Weg durch lichten Regenwald endet. Der Ruwenzori zeigt erstmals sein wahres, unbarmherziges Gesicht. Uns steht eine anstrengende Etappe mit mehr als 1.500 Höhenmetern bevor. Und das am ersten Tag.

Urplötzlich verändert sich die Landschaft um uns herum und der schmale, dunkle, matschige Pfad geht in sehr steile Passagen der Bambuszone über. Es wird spürbar kälter und nebliger, denn wir haben die tiefhängende Wolkenschicht erreicht. Rechts und links von uns wuchern meterhohe armdicke Bambushalme. Teilweise können wir uns daran festhalten und hochziehen, wenn der Boden zu rutschig ist und den Stiefeln keinen Halt bietet.

Die Tage mit bis zu neun Laufstunden auf schwierigstem Terrain verlangen uns in puncto Balance, Trittsicherheit und Kondition alles ab. Die Nächte sind alles andere als komfortabel und bieten kaum wohlverdiente Ruhe und schon gar keinen Ausgleich für das anstrengende Tageswerk. Die Höhe macht uns zunehmend zu schaffen. Es ist ungemütlich, unbequem, bitterkalt und extrem zugig. Aber immerhin gibt es feste Unterkünfte. Abends lockt neben gekochtem Gemüse und Kartoffeln auch immer viel heißer, zuckersüßer Tee, bevor wir erschöpft in unsere klammen Schlafsäcke kriechen. Nachts rüttelt der Wind an den improvisierten Armeezelten und rudimentären Wellblechangars und läßt uns keine Ruhe.

Doch wir sind nicht wegen des Komforts und der lukullischen Verlockungen in den Ruwenzori gekommen, sondern wegen seiner fantastischen Biodiversität. Und die ist wahrlich einmalig! Jeder Tag bietet immer neue Aus- und Einblicke in die überwältigenden Naturschauspiele.

An einem Tag durchwandern wir einen unwirklich anmutenden Erika-Wald mit massiven, nie zuvor gesehen, Stämmen. Mit aufkommenden Nebelschwaden fühlen wir uns in eine mystische Geisterwelt versetzt. Die Fantasie entdeckt immer neue Formen und Figuren. Unmengen an riesigen Moospolstern bis in die Baumspitzen verleihen den knorrigen Ästen den Anblick von lebenden Fabelwesen. Teils meterlang von den Bäumen herabhängende, weiße Bartflechten verwandeln diese in flatternde Gespenster.

Stunden später beeindrucken uns links und rechts der sumpfigen Pfade überbordernde Blumenteppiche. Wir sind inmitten von tausenden bunter Blüten, darunter viele Orchideen und zahllose exotische Riesenschmetterlinge. Eine unbewohnte, unerschlossene, von westlicher Zivilisation unbeeinflusste Naturidylle. Man kann sich kaum satt sehen an dieser Üppigkeit.

In Höhen zwischen 3.500 und 4.000 Metern ist die Vegetation des Ruwenzori am wildesten, am ursprünglichsten, am beeindruckendsten! Die Pflanzen werden Schritt für Schritt gigantischer und die Vegetation undurchdringlicher. Wir kämpfen uns über einen kaum sichtbaren Pfad durch einen unglaublich dichten Senezienwald. Die Senezien werden hier bis zu 15 Meter hoch und bilden ganze Kolonien, die sich an steilen Berghängen festkrallen soweit das Auge reicht.

Am sechsten Tag erreichen wir ein Hochtal wie in einer vergessenen Fabelwelt – das „Kitandara Valley„. Allseits eingeschlossen zwischen himmelhohen abweisenden Bergmassiven liegen zwei wunderschöne kleinen Teiche. Wir durchlaufen den berühmten „Lobelien-Garten“ und der macht seinem Namen alle Ehre. Nirgends sonst auf der Welt gibt es eine solche Pflanzenpracht. Keine Geräusche und kein Wind stört diese besondere Stimmung. Es herrscht andächtige Stille. Und nur wir mittendrin. Es ist wie im Märchen.

Am beeindruckendsten sind die unglaublich dicken Moospolster. Die Farbvielfalt und -intensität der Teppiche ist überirdisch. Alles um uns herum ist saftig grün, leuchtend gelb-orange oder auch tiefdunkelrot überwuchert – und immer völlig vollgesogen mit Wasser. Bei jeder kurzen, unachtsamem Berührung läuft mir jede Menge kaltes Wasser in den Nacken oder in die Ärmel der Regenjacke. Doch ich spüre es kaum und berausche mich an dem Wunder der Natur inmitten bewachsener Felsen, moosmutierter Baumkronen und romantischer Wasserfälle.

Zwischen diesen sich ständig abwechselnden Natur-Highlights der Superlative liegen die berüchtigten Serpentinenwege des Ruwenzori. Sie fordern uns physisch das Letzte ab und bestehen aus gefährlich lockeren Steinen. Direkt neben einer fast senkrechten Felswand klettern wir zeitweise auf allen Vieren nach oben. Es ist sehr steil und überaus anstrengend – gespickt mit gefährlichen Passagen über Behelfskonstruktionen aus morschem Holz über gähnende Abgründe. Ein stetiges, nerviges Rauf und Runter. Die Motivationskurve steigt und fällt parallel dazu. Wir machen jeden Tag unendlich viele Höhenmeter, die wir kurz nachdem wir sie gemeistert haben, sofort wieder verlieren. Abgesehen von der Anstrengung ist das die perfekte Höhen-Akklimatisierung, die als Vorbereitung unseres Ziels, dem Mount Stanley auf über 5.000 Metern, auch notwendig ist.

Die Felsenpassagen wechseln sich nahtlos mit Morastwüsten ab, denn der Dauerregen verwandelt die Hänge in tückische Schlammrutschbahnen. Im Ruwenzori wird man zum Schlammfetischisten oder zum Schlammhasser. Der braune, weiche, kalte Modder ist überall. Auf der Kleidung, auf der Haut und sogar im Schlafsack. Man kann ihm nicht entrinnen.

Trotzdem lässt die Belohnung nie lange auf sich warten. Immer mal wieder reißt der Himmel auf und bietet auf über 4.000 Meter Höhe fantastische Ausblicke auf namenlose Bergseen und fruchtbare Ebenen tief unten im Tal.

Schließlich erreichen wir den Bamwanjara-Pass auf fast 4.500 Metern. Es ist kalt und sehr ungemütlich hier oben. Es regnet und die Laune ist auf dem Tiefpunkt. Die Zeltplätze sind in einem erbärmlichen Zustand und inmitten einer einzigen Schlammwüste. Kein Schlaf und keine Regeneration in Sicht, doch beides hätte ich jetzt dringend nötig.

Am nächsten Morgen um 4 Uhr beginne ich mit zwei Bergführern den Aufstieg zur Margherita-Spitze, dem höchsten Punkt im Ruwenzori. Es ist stockdunkel und unsere Stirnlampen leuchten nur wenige Meter. Wir stolpern über Geröllhänge und klettern über riesige Felsbrocken – eine kräftezehrende und ziemlich gefährliche Angelegenheit, wenn man quasi nichts sieht. Dann stehen wir plötzlich vor einem gähnenden, seelenlosen Abgrund, über den wir uns fast einhundert Meter tief abseilen müssen, um auf der anderen Seite den eigentlichen Gletscher zu erreichen. Ich habe Angst! Eine unglaubliche Überwindung, hier nicht abzubrechen. Doch es geht – irgendwie.

Mit Eisaxt, Gletscherbrille und Steigeisen bewaffnet, arbeiten wir uns anschließend in einer Dreier-Seilschaft mehr kriechend als laufend den 45-Grad Gletscher hoch. Ein Blick zurück und mein Herz rutscht mir schon wieder in die gefrorene Hose. Mein Gott, ist das steil und tief! Bei heulendem, eisigen Wind und minus zehn Grad erreichen wir mit Höchtsanstrengung den dritthöchsten Gipfel Afrikas auf 5.129 Metern. Ich bin fix und fertig. Ein Gipfelglück will bei der äußerst ungemütlichem Umgebung nicht aufkommen und ich will nur noch wieder heil unten ankommen. Ein gefährliches Unterfangen und wiedermal stoße ich an die Grenze meines Leistungsvermögens. Sieben Kletter- und Laufstunden später bin ich überglücklich, dass wir sicher das Camp erreicht und auch diese Herausforderung gemeistert haben.

Nach zehn atemlosen Tagen am Ausgangspunkt Kilembe im Tiefland sind wir uns einig: Der Ruwenzori ist absolut einzigartig! Doch wer diese mystische Landschaft wie „Alice im Wunderland“ erleben möchte, der sollte schon mal anfangen, zu trainieren.

Christian Rommel, ROX Asia, Hong Kong

1 comment

  • Whau !! Wenn nur der Schlamm nicht so tief wäre …. Super Tour.
    Der Autor durfte als Kind wohl nicht in Schlammpfützen spielen.

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