REISEN AM LIMIT: Mit der Masse auf den Hua Shan

ATEMBERAUBEND!

Der Hua Shan – einer der „Fünf Heiligen Berge des Daoismus“ – ist ebenso berühmt wie berüchtigt für seine senkrecht abfallenden Felswände und die kettengesicherten und in Felsen gemeißelten Treppenwege. Der Berg eröffnet chinesischen Pilgern eine wunderschöne Landschaft mit idyllisch eingebetteten daoistischen Tempeln und ist gleichzeitig ein Paradies für höhenangstresistente Wander- und Klettersteigfreunde. Diese einzigartige Kombination wollten Martin – mein langjähriger Freund und Wanderkumpel aus Hong Kong, mit dem ich bereits mehrere heilige Berge in China bestiegen habe – und ich uns nicht entgehen lassen.

Anreise ins „Reich der Mitte“
Von Hong Kong aus erreichen wir Xi‘An, die sechs Millionen Einwohner zählende Hauptstadt der Provinz Shaanxi, in knapp drei Stunden mit einer DC9 der „China Northern Airlines“. Ein röchelnder Überlandbus, der seine besten Tage schon hinter sich hat, fährt halbstündlich westlich des völlig überfüllten Bahnhofsvorplatzes ab und bringt uns in zwei Stunden für 25 Yuan, das sind knapp drei Euro, in das etwa 120 km östlich von Xi‘An im Kreis Huayin gelegene Örtchen Huashan am Fuße des Bergmassivs.

Um den Gipfel des Hua Shan, der auch Xi Yue, Westberg, genannt wird, zu erreichen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die schnelle, luxuriöse, für ältere Leute, junge Kinder und zeitknappe wie fußfaule Zeitgenossen praktische, aber mit 160 Yuan, also etwa 18 Euro, relativ teure Seilbahn hinauf zum Nordgipfel und die langsame, extrem anstrengende, aber kostenfreie Wandervariante. Da bekanntlich der Weg das Ziel ist und wir uns den Berg in all seiner Größe wortwörtlich erarbeiten wollen, wählen wir natürlich den mit etwa sechs Stunden angesetzten Fußweg, bei dem es über 1.000 Höhenmeter zu überwinden gilt.

Doch bevor wir wirklich starten können, müssen wir erst das obligatorische Eintrittsgeld zum Berg, stolze 100 Yuan, entrichten. Um zur höchsten Erhebung des Hua Shan, dem 2.100 Meter messenden Südgipfel (Lianhua Feng, also Lotosgipfel), zu gelangen, muss als Erstes der Nordgipfel (Bei Feng) erklommen werden. Der klassische Aufstieg beginnt am Westtor, am sogenannten „Garten der Jadequelle“ (Yuquan Yuan). Hier wurde ein kleiner Gedenktempel für den Eremiten Xi Yi errichtet, der einst fluchtartig den Staatsdienst verließ und sich in die Einöde zurückzog.

Von unserem romantisch verklärten Bild eines antiken Fußpfads haben wir uns schon nach wenigen Minuten verabschiedet. Wir stapfen nicht über einen natur belassenen Waldpfad, sondern laufen über einen breiten, vorbildlich restaurierten, durchweg gepflasterten Wanderweg. Dieser führt uns in zunächst mäßigem Anstieg an sehenswerten Felsformationen, pittoresk-knorrigen Pinien und blaugrauen Gießbächen vorbei. Jede Wegbiegung eröffnet uns einen neuen herrlichen Blick auf die eindrucksvolle Berglandschaft. Weg und Wegesrand sind erstaunlich sauber, wozu auch die in schöner Regelmäßigkeit aufgestellten originellen Mülleimer in Form nachgebildeter Baumstümpfe beitragen.

Verdiente Pausen unterwegs
Der Schönheit des Weges und der Landschaft zum Trotz, die sportliche Komponente unserer Pilgerreise fordert mit verrinnenden Stunden und erfolgreich absolvierten Höhenmetern ihren Tribut. Mein Freund und Wegbegleiter Martin, er zählt im Gegensatz zu meiner eher stämmigen Anatomie zu den sehnigen Typen, tupft sich lediglich, ab und zu, dezent die Schweißperlen von der Stirn. Wie macht er das nur? Ich bräuchte eigentlich ein großes Badetuch, denn bei mir läuft der Schweiß ununterbrochen in kleinen Rinnsalen den Körper hinab und sammelt sich zielgerichtet zwischen meinen wundgescheuerten Pobacken. Dabei sind wir erst seit drei Stunden unterwegs und mindestens sechs Stunden liegen bis zur höchsten Erhebung des Hua Shan noch vor uns. Bergauf wohlgemerkt!

Glücklicherweise werden, wie an jeder großen Sehenswürdigkeit in China, auch am Hua Shan alle paar hundert Meter Erfrischungsgetränke und Pausensnacks für extrem überteuerte Preise verkauft.

Ich kann nicht mehr, der Puls rast und nur noch ein kleines Stückchen und ich würde einfach umfallen. Mit einem Ächzen lasse ich mich an einem kleinen Verkaufsstand auf einen niedrigen Stuhl mit verbogenen Metallrohrrahmen und weißem Kunststoffgeflecht fallen. Ich fühle mich wie ein nasser Sack.

Zum wiederholten Male schütte ich nun einen eiskalten Zitronentee in mich hinein, was gesundheitstechnisch wenig sinnvoll, aber wohlfühlmäßig unvergleichbar herrlich ist. Währenddessen wandert mein Blick über die aus grauen Backsteinen errichtete Bergklause mit seinen grün bemoosten ornamentalen Dachziegeln. Vor der rot bemalten, klischeegerecht drachenverzierten Holztür sind Berge von Coca Cola-, Grüntee- und Wasserflaschen aufgestapelt. Es werden aber auch wenig ansehnliche, dafür leckere Tee-Eier, salzige Fertignudelsuppen aus quietschgrünen Kunststoffschüsseln, frische Äpfel und krumme Gurken, über die immerhin kühles Wasser aus Plastikschläuchen läuft, angeboten. Die stattlichen Preise für diese Annehmlichkeiten steigen proportional zum zurückgelegten Weg an. Uns ist es das trotzdem allemal wert, denn wir haben schon genug mit dem Kampf gegen uns selbst und den wechselnden Phasen der körperlichen oder mentalen Erschöpfung zu tun.

Die Chinesen spucken selbst beim Bergsteigen dauernd aus und holen sich den Flüssigkeitsverlust mit Vorliebe aus goldglänzenden Dosen mit wässrigem Red Bull zurück. Dazu kauen sie mit offenem Mund undefinierbares Trockenfleisch und haben gleichzeitig den unverzichtbaren Glimmstengel der Marke „Hongtashan“ (roter Pagodenberg) im Mundwinkel. Doch es sind nicht nur die kunterbunten Imbissstände und die bisweilen merkwürdigen Konsumgewohnheiten der Wanderer, die unsere Blicke auf sich ziehen. An den Souvenirtischen herrscht ein wahrer Run auf Memorabilia und Devotionalien aller Art. Protzige Medaillen prangen auf stolzgeschwellten Brüsten, obwohl der Berg noch gar nicht bestiegen wurde, seltsame verdrehte Wanderstöcke, billige hellgrüne Jadeanhänger und teure Souvenirs wie Wimpel, Schnitzereien oder kitschiges Plastikspielzeug wechseln den glücklichen Besitzer.

Poesie des Berges
Zum Glück hat nach einigen Stunden des Wanderns ein gewisser Laufautomatismus eingesetzt und wenn mich nicht gerade wieder eine lärmende Gruppe Jugendlicher überholt, hänge ich meinen stillen Gedanken nach. Berge und Täler bilden eine harmonische Einheit, ein Paar, das gegensätzlicher kaum sein kann. Sie gehören zusammen wie Yin und Yang und bilden nur in der Kombination ein einheitliches Ganzes.

Auf einem Berg stehend, genießt man das ungetrübte Licht, die frische Luft und die unglaubliche Weite. Man fühlt sich dem weiten Himmel so nah. Auf den Bergen herrscht der Wind, aber auch die Einsamkeit. In der Enge des Tales, unten, herrscht Schatten, Dunst und Kühle, aber auch der Schutz der Mauern und das Wasser des Lebens.

In früheren Zeiten glaubten die Menschen an überirdische Gottheiten, die auf den himmelsnahen Berggipfeln wohnten. Nur die Verwegensten, die Stärksten und die Beharrlichsten erklommen die Gipfel und ließen sich auf Jahre hin in engen Felsspalten oder Höhlen als Einsiedler nieder. Der mühsame Weg, den sie beschritten, nannten Sie „dao“. Dafür nannten die Menschen sie Daoisten.

Der Hua Shan ist den Chinesen heilig. „Hua“ bedeutet Blume und bezieht sich auf die fünf Gipfel, die in der Literatur mit einer fünfblättrigen  Lotusblüte verglichen werden, die sich zum Himmel hin öffnet. Seine charakteristischen steilen Felsklippen, bizarren Steinsäulen und seine das Wolkenmeer überragenden Klippen werden seit Jahrhunderten von Pilgern bewundert und in zahlreichen Versen beschrieben. Diese spektakuläre Naturkulisse avancierte zu einem wahren Kultobjekt traditioneller chinesischer Poesie und Malerei.

Das chinesische Altertum erlebte in seiner Hingabe zu den heiligen Bergen einen wahren Glaubensboom, doch in der Neuzeit sind nur jeweils fünf heilige Berge des Buddhismus und des Daoismus geblieben. Diese zehn Berge wollte ich so nach und nach selbst besuchen, erwandern, besteigen, erklimmen. Ich wollte die Schönheit der Natur sehen und die Seele der Berge erkunden und verstehen, was diese Berge für die Chinesen so besonders macht. Ich wollte damit auch mich selbst besser verstehen lernen, denn der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum.

Ausnahmezustand am Berg
Über allen Gipfeln ist Ruh – schrieb Johann Wolfgang von Goethe im Jahre 1780 in seinem bekanntesten Gedicht, dem „Nachtlied des Wanderers“. Das kann man leider vom Hua Shan nicht behaupten.Beim Aufstieg vom Nordgipfel, wo die Seilbahn ankommt, zu den übrigen Gipfeln, wird einem schnell klar, dass die Idee vom einsamen Wanderer in der Natur in China extrem fehl am Platze ist. Wie alle großen Attraktionen in China ist auch der Hua Shan selbst an einem Wochentag komplett überfüllt, sodass man sich häufig in einer riesigen Menschentraube befindet und sich einer windenden Wandererschlange anschließen muss, um im Schneckentempo den Berg hinauf zu stapfen. Dabei darf man sich nicht von den endlosen Staus verrückt machen lassen, sondern sollte die Gelegenheit nutzen, um sich herum das rege Treiben genauestens zu beobachten.

Das für europäische Verhältnisse besonders Verwundernde, ist die Tatsache, dass die Leute, die da energisch vor einem her klettern oder  keifend zum schneller gehen auffordern, altersmäßig häufig jenseits der sechzig sind. Teilweise scheinen die Bergfexe sogar schon weit in ihren Siebzigern zu sein. Während man in Europa nur hört „Dazu bin ich zu alt“, scheint das Alter hier in China gar keine Herausforderung und erst recht kein Hinderungsgrund zu sein. Respekt!

Modisch betrachtet bietet der Hua Shan ein verhaltensbezogenes Studierfeld par excellence, beispielsweise in Bezug auf die Fußbekleidung. Turnschuhe überwiegen zwar, jedoch trifft man auch auf unprätentiöse Wanderfrauen in Leinen-Slippern, Gummi-Badelatschen oder auch hochhackigen Lackschuhen.

Man geht modisch in Pink oder dezent im schwarzen Anzug als ob man gerade frisch aus dem Büro käme. Riesige Sonnenbrillen, extravagante Hüte und überdimensionale Handtaschen – kein Accessoire ist zu exotisch als dass man es nicht für eine mehrstündige Bergwanderung dabei haben könnte. Die Hemden der Herren sind ungeniert bis zur Brust hochgeschoben und die Hosenbeine sind bis weit über die Knie aufgerollt. An skurrilen Anblicken mangelt es nicht.

Wir stecken hoffnungslos fest in dem Trubel und farbenfrohen Gewusel aus gelben Mützen, roten Fahnen, grünen Sonnenschirmen und blauen Regenumhängen. Von sorgloser oder gar respektvoller Stille keine Spur. Es wird gerufen, gelacht, ins Handy gequasselt und ständig laut Radio gehört. Es dominiert die Hektik und lärmende Gruppenreisende hecheln wie eine Meute  junger Hunde, die sich rücksichtslos ihren Weg nach oben bahnen. Es wird gedrängelt, geschubst und gemeckert. Man versperrt sich Fächer schwingend, stöckelnd, Kinder tragend, wackelig, schwankend, genervt, erschöpft und nonstop Kamera klickend gegenseitig den fantastischen Panoramablick. Jeder denkt nur an sich selbst und sein Foto zum stolzen Vorzeigen bei den Daheimgebliebenen.

Wo ist der ursprüngliche Dao-Gedanke geblieben? Wollte man ihn etwa hier finden, weil er in der Enge und dem Stress der vollgestopften Vorstädte abhanden gekommen ist? Jeder scheint irgendwie auf der Suche nach irgendetwas zu sein. Aber wonach?

Die Ambivalenz zwischen Massentourismus und den Anstrengungen der wahren Pilger wird nirgends deutlicher als hier am Hua Shan. Um dem heiligen Glanz längst verflossener Zeiten nachzuspüren ist man hier am falschen Platz. Tiefere Erkenntnis? Hier und jetzt eine Fehlanzeige – zumindest in Bezug auf ungetrübtes Naturerlebnis!

Wir suchten nach Einblicken und Ausblicken, die wir uns hart erarbeiten wollten. Doch erst als der Tag zur Neige geht und die lärmenden Tagesausflügler zur Bergbahn beim Nordgipfel zurückgelaufen sind, kehrt langsam die erwünschte Stille ein. Die brennende Sonne hat sich hinter den dunstigen Wolkenvorhang zurückgezogen und taucht die wunderbaren Felsformationen in pastellfarbenes Licht. Die Dauerbeschallung und die Anstrengung des Tages weicht einer fast mystischen Atmosphäre und erstmals kommen wir nicht nur körperlich, sondern auch geistig zur Ruhe.

Allein auf den Steinhockern des kleinen „Pavillons der Schachspieler“ sitzend, genießen wir das unglaubliche Privileg der Einsamkeit und bekommen zum ersten Mal einen kleinen Einblick in die Seele des Berges.

Nacht am Hua Shan
Auf dem Berg zu übernachten ist erfahrungsgemäß ziemlich teuer und die Möglichkeiten des kostenbewussten Reisenden sind begrenzt. Wir entscheiden uns für ein kleines Kloster unterhalb des Westgipfels nahe der Wetterstation und nehmen das günstigste Bett, das zu kriegen ist. Ein ungeheizter, kahler Raum mit mehreren Doppelstockbetten wird unser Übernachtungsdomizil. Natürlich hat dieser auf Funktionalität reduzierte Luxus mit 70 Yuan pro Kopf und Nacht aufgrund seiner prädestinierten Berglage seinen Preis.

Nach dem Dauerschwitzen des Tages wird es am späten Nachmittag schnell kühl. Da es warme Duschen genauso wenig gibt wie kalte, müssen wir unser Aufwärmprogramm auf das Schlürfen einer heißen Nudelsuppe beschränken.

Mangels Alternative ist das Sichten und Strukturieren der Fotos wesentlicher Teil unseres Abendprogramms. Ebenso originell wie vielfältig sind die von uns abgelichteten Schilder in einheitlich deutscher, englischer, koreanischer und natürlich chinesischer Beschriftung – vermutlich das Ergebnis eines interkulturellen Entwicklungshilfeprojekts. Sie warnen vor Glätte, Nässe und Steinschlag und appellieren an den gesunden Menschenverstand wie an dessen Ordnungssinn. Man soll weder Bäume noch exponierte Felsen erklettern, nicht rauchen, kein Feuer machen und keinen Müll in die Gegend werfen. Im Gegensatz zu vielen anderen Teilen Chinas scheinen diese Hinweise auf fruchtbaren Boden zu fallen.

Ein weiteres Phänomen am Hua Shan, das zu einer wahren digitalen Bilderflut des ersten Tages führte, sind die Glücksschlösser. Abertausende von kleinen Vorhängeschlössern zieren die Glieder der kettengesicherten Stiege und Zäune und säumen den Weg nach oben zu den einzelnen Gipfeln.

Hier lassen sich Händchen haltende junge Liebespaare auf goldfarbene Messingschlösser schwülstige Botschaften wie Treueschwüre, Gesundheitswünsche und Langlebigkeitsverheißungen eingravieren – Beweise ewiger Liebe und Freundschaft. Das glückbringende Schloss wird dann an einer der wenigen freien Stellen an einem Eisenkettenglied befestigt und einem kindlichen Ritual gleich wird unter Lachen, Jubel und Blitzlichtgewitter der Schlüssel auf immer und ewig in den Abgrund geworfen. Die Wegwerfgesellschaft als Teil des chinesischen Kulturgutes.

Es gibt kaum ein Geländer oder eine Öse, die nicht mit dutzenden von Schlössern verziert und zusätzlich mit roten Bändern dekoriert wurde. Der Höhepunkt dieses Rituals wird am „Pass der goldenen Schlösser“ erreicht, wo man tatsächlich mit abertausenden von Vorhängeschlössern als Symbol der Unzertrennlichkeit konfrontiert wird. Ein ebenso überwältigender wie farbenfroher aber auch seltsamer Anblick hoch auf dem Berg.

Die Helden des Berges
Am nächsten Morgen lassen wir uns nicht vom frühen Weckerklingeln aus den warmen Decken locken. Dem angeblich so überwältigenden Schauspiel des Sonnenaufgangs über dem Wolkenmeer am Ostgipfel haben wir zugunsten der verlängerten Nachtruhe entsagt. Der frühe Vogel kann uns mal! Es mag sein, dass uns dadurch die Gelegenheit eines weiteren unglaublich schönen Anblicks entgangen ist, aber als bekennende Nicht-Frühaufsteher kann man nun mal nicht alles haben. Zumal heute noch eine ganz besondere Attraktion auf unserem Programm steht, für die wir unsere ganze Kraft und uneingeschränkte Aufmerksamkeit benötigen.

Wir laufen schnaufend, aber frohen Mutes los und versuchen, unsere müden Knochen, geschundenen Fußsohlen und verkrampften Schulter- und Rückenmuskeln wieder zu neuen Höchstleistungen zu animieren. Das fällt ganz plötzlich unendlich leicht, als uns eine kleine Gruppe von schwer bepackten Lastenträgern überholt. Erschreckend dabei ist, dass diese Arbeiter bisweilen deutlich älter sind als ich selbst.

Der Anblick dieser hageren Menschen mit nacktem Oberkörper, hochgekrempelten Hosenbeinen und abgewetzten, olivgrünen Turnschuhen ist tief beeindruckend. Sie sind von Kopf bis Fuß durchtrainiert und bei jedem Tritt zeichnen sich ihre Muskeln klar konturiert auf Nacken, Schultern und Waden ab. Kaum vorstellbar, dass sie zu ihrem eigenen Gewicht auch noch auf beiden Seite der hölzernen Jochstange dutzende von Wasserflaschen, Baumaterial, säckeweise Abfälle oder gar ganze Bettgestelle auf den Berg tragen. Dazu gibt es aber mangels Straßen gar keine Alternative. Die Waren sind in bunte Plastikplanen gehüllt und mit altem Tauwerk kunstvoll verschnürt und müssen zentnerschwer sein. Eine Besonderheit stellen die Personenträger dar. Auf langen Bambusunterkonstruktionen sind Stühle befestigt, in denen sich reiche, alte oder schwache Pilger mit wippendem Schritt die Berge hinauftragen lassen.

Die Männer laufen langsam, aber ohne Pause, bedächtig, sicher, wiegenden Schrittes, den Oberkörper gleichmäßig hin und her pendelnd, scheinbar mühelos und ohne zu schwitzen mit schlafwandlerischer Trittsicherheit über die schmalen, steilen, ausgetretenen Pfade. Wie machen sie das bloß? Was ist das Geheimnis ihrer Kraft und Kondition? Mit einer Mischung aus Mitleid, Unglauben und Faszination beobachten nicht nur wir diese in unserer Spaß- und Freizeitgesellschaft wie archaische Wesen einer längst vergangenen Zeit anmutende Spezies Mensch. Für diese harte Schufterei erhalten sie umgerechnet gerade mal eine handvoll Euro – pro Tag!

Die wahren Helden am Hua Shan sind neben den Material- und Personenträgern eigentlich die furchtlosen Männer, die diese abenteuerlichen Wege überhaupt erst angelegt haben. Vor hunderten von Jahren in den harten Fels gehauen – welch ein unvorstellbarer Kraftakt – gebührt ihnen der eigentliche Dank und ich zolle ihnen in Gedanken grenzenlosen Respekt.

Wege und Treppen
Nicht nur der Gedanke an den überaus beschwerlichen Bau der Wege auch die abenteuerlichen Treppen an sich, rauben mir zum wiederholten Male den Atem. Fast senkrecht verlaufen die schmalen engen Stiegen, die – direkt aus dem Fels gehauen – im Laufe der Jahrhunderte schief und gefährlich glatt geworden sind. Nicht nur die abgebrochenen Ecken sind lebensgefährliche Stolperfallen. Man muss sich trotz der spektakulären Aussichten dazu zwingen, auf jeden einzelnen Schritt zu achten, da es an beiden Seiten steil nach unten in die endlose Tiefe geht. Auffällig sind die für Europäer quasi nicht-existenten Sicherheitsvorkehrungen, abgesehen von seltenen Eisenstangen, die einen beim Festhalten vom Sturz in den sicheren Tod abhalten würden.

An besonders steilen Passagen säumen allerdings dicke Eisenketten beide Seiten der ausgetretenen Trittmulden. Jetzt wird uns auch der Zweck der weißen Baumwollhandschuhe klar, die uns bereits im Ort zu Beginn unserer Wanderung zum Kauf angeboten wurden und die sich nach wenigen Minuten des krampfhaften Festhaltens  an den rostigen Eisengliedern schnell braun färben. Diese Sicherungen, entlang unendlich scheinender zerklüfteter Grate, schroffer Felsnasen und abweisender Einschnitte, sorgen zumindest für rudimentäre Beruhigung.

Heilige Berge in China sind den Chinesen nicht besonders heilig. Sie meißeln und zementieren Treppenstufen von oben bis unten in die Felsen und beschreiben diese dann auch noch wo immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Viele dieser Felsgravuren haben regelrecht Berühmtheit erlangt. Zwei Schriftzeichen im Fels mahnen den Wanderer mit »Kehr um!« zur Hinterfragung seiner Besteigungsmotive.  Später kommen wir vorbei an der „Stelle, an der das Ohr den Felsen streift“ (Ca Er Ya). Und an einem exponierten Plateau unterhalb des Südgipfels stoßen wir auf eine riesige Gravur, die uns sinnbildlich mitteilt „Wasser und Himmel mögen verfließen“.

Unsere Blicke finden immer wieder Halt an interessanten Ein- und Ausblicken. Zusätzlich hören wir in bestimmten Tal-Einschnitten oder Durchgängen den Schall unserer Tritte. Oder war das vermeintliche Echo nur unser eigenes Röcheln, Rasseln, Schnaufen und Pfeifen? Die richtige Atemtechnik scheint jedenfalls genauso entscheidend zu sein wie die richtige Schritttechnik. Und beides kann ich jetzt wirklich brauchen.

Der Blick in die Ferne
Unser Weg führt uns immer höher in Richtung der ersehnten Gipfel an einem imposanten Steintor vorbei durch die sogenannten „18 Kurven“ und endet am sogenannten „Wolkentor“, dem Yun Men. Schon während unseres Aufstiegs zeichnet sich ab, dass uns der perfekte Gipfelblick verwehrt bleiben wird, denn wir werden von einer dichten Nebelwand begrüßt. Trotz fehlender Sicht erkunden wir die Gipfelregion und wandern entlang des dramatischen „Grates des grünen Drachen“, dem Cang Long Ling, weitere 600 Meter bergauf. Links und rechts des schwindelerregenden Felsenpfades geht es abwärts – absolut nichts für höhenangstgeplagte Zeitgenossen. Dadurch waren früher die höher gelegenen Klöster – sofern notwendig – auch leicht gegen Feinde zu verteidigen. Später wird es noch mal so richtig steil, als die „Schlucht der 1000 Tritte“ beginnt.

Doch plötzlich bricht der Himmel auf und einzelne Sonnenstrahlen erwärmen Körper und Seele. Das bringt Farbe in die sonst nebelverschleierte Landschaft und sorgt mit Blick auf die typisch windschief geformten Bergkiefern und knorrigen Pinien vor pittoresken Felsnadeln für beliebte Fotomotive für uns und all die anderen Wanderer.

Irgendwann haben wir uns erfolgreich von den Horden lösen können und uns zum höchsten Punkt des Hua Shan, dem auf 2.154 Metern liegenden Südgipfel, vorgekämpft. Hier bietet sich uns ein absolut unvergesslicher Anblick über das fast unwirklich erscheinende Bilderbuch-Bergpanorama, das uns ein weiteres Mal bestätigt, dass es die endlosen Stunden der Schwitzerei und Quälerei bergauf definitiv wert waren. Minutenlang stehen wir schweigend auf dem exponierten, mit riesigen Gravuren verzierten Felsrücken und starren gedankenverloren auf die wolkenverhängten Gipfel, deren blaugraue Konturen in der Ferne verschwimmen. Kein noch so talentierter Maler könnte seiner Fantasie ein perfekteres Abbild der Natur entlocken. Es ist einfach nur grandios!

Natürlich vergessen wir nicht, einen glückbringenden Yuan-Schein in das grünlich veralgte Natursteinbecken auf dem Gipfel zu werfen, denn schon auf unserer Eintrittskarte stand eindeutig – original auf Deutsch wohlgemerkt – „Wenn Sie den Tempel auf dem Berg salutieren, werden Sie reich und gesund“. Diese Zukunftsperspektive wollen wir uns auf keinen Fall entgehen lassen.

Am Klippenpfad
Auf der Südseite dieses „Lotusgipfels“ genannten Lianhua Feng erwartet die Waghalsigsten der Bergwanderer eine Mutprobe ganz besonderer Art. Entlang einer über 800 Meter senkrecht abfallenden Felswand windet sich schlangengleich ein schmaler Plankenweg zu einem nicht anders erreichbaren Plateau, wo früher ein daoistischer Einsiedler wie in einem verborgenen Adlerhorst lebte.

Im Vorfeld unserer Tour sah ich auf YouTube ein kurzes Video dieses Klippenpfads und war gleich Feuer und Flamme. Ich sah mich schon als unerschrockenen Helden auf den nur zentimeterbreiten Brettern todesmutig über dem Abgrund tänzeln. Doch jetzt stehe ich direkt vor dem Einstieg und allein der Anblick des Einstiegs lässt mein Herz ganz tief in die Hose rutschen. Mein ganzer Mut ist dahin und ich habe nur noch Angst. Zum wiederholten Male sage ich mir, dass ich niemandem etwas beweisen muss. Und doch ärgere ich mich insgeheim, dass ich jetzt kneife. Soll ich oder soll ich nicht? Je länger ich warte und zögere, desto schwerer fällt mir die Entscheidung. Geordneter Rückzug oder Flucht nach vorn? Ich bin innerlich zerrissen, doch letztlich siegt die Unvernunft über den inneren Schweinehund. Ich lasse meinen Tagesrucksack bei Martin, der seine Beteiligung an dem Kletterkommando gleich dankend abgesagt hat.

Für eine handvoll Euro erhalte ich einen alten, abgewetzten Klettergurt, der mir unter den Armen um die Brust gelegt wird. Keine Sicherheitseinweisung, keine Belehrung, keine Hinweise. Der eher gelangweilt wirkende Vermieter der Basis-Ausrüstung zeigt einfach nur lakonisch auf ein Schild, auf dem steht „no jumping“. Ich lächele innerlich gequält und übersteige die niedrige Betonbarriere. Ab hier sollte man sich mittels Karabiner in die seitlich in den Fels befestigten dicken Drahtseile einhaken, bevor man sich weitertastet. Einen Schritt weiter weiß ich auch warum: Ein schmaler Kamin führt senkrecht etwa zehn Meter hinunter. Kreuz und quer sind völlig planlos Metallstangen in den Fels getrieben worden, über die man affengleich hinunter klettern muss. Ich bewege mich wie ein Igel bei der Liebe: Gaaanz langsam und vorsichtig. Jeder neue Griff und jeder noch so kleine Schritt wird vor der Gewichtsverlagerung durch doppelt abgesichertes Tasten und Probieren abgesichert. Ich bewege mich rückwärts in gefühltem Zeitlupentempo und bin plötzlich am Ende der Stangen angelangt.

Es geht scheinbar nicht weiter, doch das Drahtseil führt um die Felswand herum und zeigt mir den weiteren Wegverlauf an. Ich mache mich ganz schmal, drücke meinen Körper wie ein Gummimensch an die nackte Wand und winde mich auf einem winzigen Steinsockel stehend um die Ecke. Der Blick raubt mir den Atem! Direkt vor mir beginnt der eigentliche Klippenpfad – ein abenteuerliches Konstrukt aus zwei nebeneinander liegenden Holzplanken, von jeweils gerade mal 15 Zentimetern Breite. Sie liegen auf Metallwinkeln, die waagerecht in der tatsächlich senkrecht abfallenden Felswand verankert sind. Verbunden sind sie mit dickem Draht und völlig verbogenen Krampen. Ich stehe wortwörtlich mit dem Rücken an der Wand und bewege mich keinen Millimeter. Der Puls hämmert und ich merke wie mir der Schweiß den Rücken hinunter rinnt. Das Adrenalin durchströmt meinen Körper und in meiner Aufregung führe ich laute Selbstgespräche. Ich zwinge mich dazu, erst mal mehrere Minuten tief durchzuatmen, um meinen Herzschlag auf ein Normalmaß zu bringen.

Nicht überlegen, nicht stehenbleiben, einfach weitergehen. Das ist leichter gesagt als getan, denn ich muss meine schiere Angst erstmal überwinden. Dann setze ich laut Luft ausstoßend Fuß vor Fuß. Es quietscht und knarzt unter meinen Füßen, aber die Planken scheinen erstaunlich stabil zu sein, wenngleich ihr Anblick das absolute Gegenteil vermuten lässt. Alle zwei Meter steigt man auf neue Bretter, die der natürlichen Felsführung folgend gute fünfzig Meter in Windungen weitergehen. Abwechselnd nach unten auf schweißtreibende Bretterlücken schauend und seitlich nach den neuen Sicherheitsseilabschnitten für den Karabiner suchend, habe ich kaum Zeit für die dramatische Kulisse, die sich vor und vor allem unter mir auftut: Ein bodenloser Abgrund, in dem sich schemenhaft ein reißender Wildbach abzeichnet; darüber in Schichten dunkelgrüne Baumkronen vor braun-grauen Felsnasen; enge Schluchten wechseln einander mit langgestreckten Schotterhalden ab und über alledem thronen die zahllosen wolkenumrankten Gipfel des Bergmassivs. Abgesehen vom gelegentlichen Säuseln des Windes ist kein Laut zu hören und ich bin allein in dieser exponierten Lage verharrend den Elementen der Natur ausgesetzt. Es ist ein wahrer Genuss!

Ich bewege mich zunehmend sicherer auf diesem eigentümlichen Provisorium, das nicht nur jedem TÜV-Prüfer in den Wahnsinn treiben würde. Vertrauenerweckend wäre ein unberechtigter Euphemismus, aber sowohl Klettergurt als auch Karabiner, Drahtseile und Holzplanken scheinen ihre Aufgabe zu erfüllen. Jetzt beginnt die Genussphase des Klippenpfades, die seinesgleichen sucht. Selten in meinem Leben fühlte ich mich der unbeherrschten Natur körperlich so nah. Am tödlichen Abgrund stehend sauge ich diese unglaubliche Atmosphäre förmlich in mich ein und empfinde eine unbeschreibliche Intensität des eigenen Körpergefühls. Diese Eindrücke haben selbst jetzt noch beim Schreiben den Effekt, dass ich kalte Schweißausbrüche bekomme und sich mir die Nackenhaare sträuben.

Der Weg zurück
Noch ganz benommen von dem körperlichen und mentalen Kraftakt kehre ich nach einer Dreiviertelstunde auf festen Boden zu Martin zurück. Wie soll man dieses verrückte Erlebnis beschreiben? Ich versuche es also gar nicht erst und so machen wir uns einfach wieder auf den Weg nach unten.

Wir wandern entlang des höchstgelegenen Klosters am Hua Shan, der den ebenso poetischen wie treffenden Namen „Palast der leuchtenden Wolken“, Cui Yun Gong trägt. Durch eine buddhistische Sage erlangte er unsterbliche Berühmtheit. Eine wunderschöne Fee verliebte sich in einen Schüler. Doch ihr Vater, der außerirdische Jadekaiser, wollte diese Liaison nicht gutheißen und schickte einen daoistischen Mönch auf die Erde hinab, um die unselige Verbindung zu lösen. Doch zu spät. Des Kaisers dritte Tochter hatte bereits einen Sohn geboren. Aus Rache lockte der Mönch die Fee unter einen verhexten Felsen, der sie einschloss. Dann trachtete er dem Scholaren und dessen Sohn vergeblich nach dem Leben. Der Sohn wuchs heran und befreite die Mutter mit dem gewaltigen Hieb einer heiligen Axt aus dem Banne des Felsen. Die Mönche erzählen bis heute gerne diese Geschichte und zeigen stolz die Axt vor, die hinter dem Kloster zu besichtigen ist. Ich liebe solche Legenden, denn wie immer steckt ein Körnchen Wahrheit in ihnen.

Beschwingt folgen wir den Schildern abwärts und es geht sich scheinbar wie von selbst. Wir wählen den sogenannten „Soldatenpfad“ und folgen den Menschengruppen, die sich nicht zwei Stunden anstellen wollen, um vom Nordgipfel aus wieder die Seilbahn ins Tal zu nehmen. Wir marschieren zwangsläufig im vorgegebenen Rhythmus – im Gänsemarsch. Es ist schon wieder eine große Herausforderung, sich zu zügeln. Es fällt mir enorm schwer, mich zurückzuhalten. Ich werde ständig ausgebremst und finde mein Idealtempo beim Laufen nicht. Und zusätzlich stört uns das lästige Gehabe der Massen, symbolisiert durch das nervige Dauergebimmel der Mobiltelefone.

Doch langsam lösen sich die Staus auf und wir haben tatsächlich auf vielen Passagen die Natur einzig und allein für uns. Wir laufen locker, gleichmäßig und bedächtig. Es strengt uns nicht mehr an. Wir haben unsere innere Balance gefunden. Muskelkater und Knöchelschmerzen scheinen sich ebenfalls zu relativieren. In der Ruhe liegt die Kraft. Das Schriftzeichen „dao“ ist schließlich eine Verschmelzung aus dem Zeichen für „Kopf“ und „gehen“. Das Geheimnis liegt also nicht nur in der Muskelkraft der Beine. Die richtige Geisteshaltung ist ein elementarer Teil des Erfolges unserer Mission. Haben wir tatsächlich irgendwo am Berg einen kleinen Schlüssel zum Erfolg gefunden?

Wir suchten ja weder nach Erleuchtung noch nach dem Nirwana. Natürlich mussten wir erkennen, dass eine Besteigung des Hua Shan heutzutage weit entfernt ist von der romantischen Vorstellung einer harmonischen Pilgerreise auf einen heiligen Berg im Einklang mit der Natur. Und doch gibt es sie noch, diese magischen Momente, wo Raum und Zeit sich zu vereinen scheinen. Wir haben diese unvergesslichen Momente in einer unerwarteten Reinheit erleben dürfen und die Erkenntnis gewonnen, dass dies nur durch die scheinbar unvereinbare Gegensätzlichkeit zwischen Zivilisation und Natur möglich war.

Christian Rommel, ROX Asia, Hong Kong

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