Naturkosmetik? Aus Hong Kong?

Ophelia Chan ist Autorin von drei Büchern, Holistic Health, Organic Botanical Beauty und Real Food, auf Chinesisch in Hong Kong und Taiwan veröffentlicht. 1993 gründete sie „Herbal Bliss”, den ersten Organic Personal Care Store” (in Central und in Tsim Sha Tsui). 2013 wurde sie bei den ersten „Spirit of Hong Kong Awards“ der South China Morning Post als eine von „100 Unsung Heroes of Hong Kong“ nominiert.

Was bedeutet bei Kosmetik eigentlich „natürlich”?
Ophelia Chan: Nichts. Es gibt keine offizielle legale Definition des Wortes. Egal, was drin steckt, jeder darf sein Produkt natürlich” nennen. Gut für die Werbung.

Woraus genau werden Hautpflegemittel denn gemacht?
Ophelia: Für die Produktion von Hautpflegemitteln können über 10.000 verschiedene Zutaten benutzt werden, aus den vier Bereichen Petroleum, Pflanzen, Mineralien, Tiere. Bei industriell hergestellten Mitteln sind petrochemische Produkte (Mineralöle, Paraffin, Propylen-Glykol etc.) die bei Weitem häufigsten Komponenten.

Und warum ist das wichtig?
Ophelia: Die Haut ist unser größtes Organ, und laut Umfragen tragen Frauen jeden Morgen durchschnittlich 11 verschiedene Pflegeprodukte auf (selbst bei Männern sind es sieben.) Die bleiben nicht nur auf der Oberfläche sitzen, sondern gelangen durch Poren und Haarfollikel in die Blutbahn. Da möchte man schon wissen, was drin ist, oder?

Aber gegen schädliche Komponenten ist man doch durch staatliche Vorschriften geschützt?
Ophelia: Die beziehen sich nur auf wirklich toxische Stoffe, wie Blei oder Quecksilber. Aber auch andere Ingredienzen können Ausschläge, Ekzeme, trockene Haut, allergische Reaktionen etc. verursachen. Selbst Tierversuche sind da keine Garantie.

Wer garantiert mir dann, dass meine Kosmetikmittel sicher sind?
Ophelia: Keiner. Keine Behörde, keine Firma. Nur du selbst. Aber deine Chancen sind gut: Außer bei Sonnencreme und Parfüm sind die Hersteller – jedenfalls in der EU, den USA und Australien – gesetzlich verpflichtet, auf den Etiketten alle Ingredienzen in der Reihenfolge ihres Volumens aufzulisten.

Und worauf soll man da achten?
Ophelia: Nehmen wir ein Beispiel: Produkte, die schäumen, wie Gesichtsreiniger, Shampoo, Duschgel oder Rasierschaum, enthalten Tenside. Die reduzieren die Oberflächenspannung des Wassers, damit Schmutzpartikel oder Öle leichter abgespült werden können. Die aggressiveren enthalten Ammonium Lauryl Sulfat, Sodium Lauryl Sulfat oder TEA Lauryl Sulfat. Das führt dazu, dass zu viele der Öle entfernt werden, die den Säureschutzmantel bilden, der für gesunde und immunabwehrfähige Haut nötig ist. (Der PH-Faktor sollte leicht unter sieben liegen.)

Bei organischen” Produkten passiert so etwas nicht? Wirklich?
Ophelia: Kosmetik aus Pflanzen (statt aus petrochemischen Produkten) ist hautverträglicher und trägt zur langfristigen Gesundheit bei, statt nur Symptome zu unterdrücken. Und wenn sie ohne Pestizide und chemischen Dünger aufwachsen, kommen auch später keine chemischen Restsubstanzen auf die Haut.

Was kann ich tun, um sicher zu sein, dass sie auch wirklich organisch” sind?
Ophelia: Erstens: Die Liste der Ingredienzen auf den Etiketten studieren. Meistens sind die allerdings auf Lateinisch, sodass man anfangs erst mal online nach Übersetzungen sehen muss.
Zweitens: In kleinen Geschäften kaufen, die ihre Ware direkt von kleinen Farmen, Destillateuren, Aromatherapeuten oder Kräuterkennern vor Ort beziehen, die sie persönlich kennen, und denen sie vertrauen. Mehr als den Public Relations- und Marketing-Abteilungen der großen internationalen Firmen.

Gibt es die denn? Ausgerechnet in Hong Kong?
Ophelia: Oh ja! Neben den offiziellen” chinesischen Kräutern aus Zentralchina und westlichen medizinischen Pflanzen gibt es die Lingnan Herbs” – Kräuter, die in Südchina besonders gut gedeihen und hier Tradition haben. Sie wachsen wild in den New Territories. Noch bis in die 90er Jahre kochten sich viele Hong Konger ihre Kräutergetränke zu Hause selbst, oder tranken sie im Herbal Tea Shop um die Ecke.

Welche Hautprobleme sind im subtropischen Klima besonders verbreitet?
Ophelia: Im Vergleich zu Deutschland ist es in Südchina milder und feuchter, es gibt mehr Sonnenschein. Gebraten und mit viel Öl zu essen, ist sehr beliebt. Das alles bringt größere Poren und öligere und dunklere Haut.
In Hong Kong ist da noch das hektischere Leben. Zum Arbeitsstress kommt, dass die meisten Menschen in klimatisierter Luft arbeiten und leben, nicht genug Schlaf bekommen. Die Luftverschmutzung ist in vielen Stadtteilen extrem.
All das verursacht trockene Haut, Hautallergien, Ekzeme, rote Flecken, Akne, Rosazea. In der chinesischen Medizin hat das mit zuviel Hitze im Körper und zuviel Giftstoffen im Blut zu tun.

Und was kann man tun, um vorzubeugen?
Ophelia: Kalte zuckerhaltige Softdrinks eliminieren die innere Hitze nicht. Aber es gibt mehrere Lingnan-Kräuter, die man kochen und heiß oder lauwarm als Tonic trinken kann, z. B. Tigergras (Gotu Kola) und chinesischer Eidechsenschwanz (Houttunynia cordata).

Das klingt auf Deutsch ja sehr exotisch! Gibt es auch Lingnan-Kräuter zur Behandlung?
Ophelia: Wenn Symptome auftreten, kann man zur Linderung heiße oder kalte Kräuterwickel mit Wandelröschen (Lantana camara), Beifuß (Artemsia vulgaris) oder Vogelmiere (Stellaria media) auflegen.
Am besten ist es aber, mehrere Lingnan-Kräuter mit chinesischen und westlichen Kräutern sowie Aromatherapie zu kombinieren. So eine East-meets-West-Behandlung wirkt holistisch-ausgewogen. Das passt doch gut nach Hong Kong!

Ophelia bietet auch Workshops (auf Englisch) zu „Read The Labels”, „Make Your Own Cosmetics”, „Natural Perfume Making” an.

Martin Bode

Leave a comment