Nan Madol: Das steinzeitliche Venedig der Südsee

Die Sonne brennt gnadenlos vom Firmament, wenn es nicht wieder Mal in Strömen regnet. Doch Hitze und Regen machen mir nichts aus, denn das geheimnisvolle Ziel meiner außergewöhnlichen Reise, eine untergegangene Megalith-Kultur in den unendlichen Weiten der Südsee mit dem mystischen Namen Nan Madol, liegt zum Greifen nah. Unter Fachleuten gilt das mächtige, auf weißem Korallengrund errichtete Bauwerk, nicht weniger als das achte Weltwunder. Und doch ist es kaum jemandem bekannt.

Ich trete aus dem grünen Zwielicht des dampfenden Dschungels von Temwen Island ins Freie und alle Strapazen der letzten Stunden sind vergessen. Meine Augen haben anfangs Probleme, sich an das grelle Licht zu gewöhnen. Doch das ist nichts im Vergleich zu dem Anblick, der so spektakulär ist, dass er mir den Atem raubt. Das hatte ich nicht erwartet. Unmittelbar vor mir türmen sich gewaltige Steinstrukturen auf – mysteriöse Relikte einer untergegangenen Hochkultur. Ich habe es geschafft!

Nan Madol liegt, von Europa aus gesehen, wortwörtlich am anderen Ende der Welt. Wer einmal dorthin gereist ist, der weiß, wie groß unser Erdball wirklich ist. Aber die rund 22.000 Kilometer Anreise lohnen sich! Auf der Suche nach dieser uralten Ruinenstadt war ich, vom chinesischen Festland kommend, viele Tage auf einem Schiff unterwegs, um das kleine Eiland Temwen zu erreichen. Es liegt südöstlich der Insel Pohnpei, früher auch Ponape genannt – man kann es mit „auf einem steinernen Altar“ übersetzen – im Archipel der Karolinen. Diese abgelegene Inselgruppe zählt politisch zu den Föderierten Staaten von Mikronesien und ist fast dreitausend Kilometer vom nächsten Kontinent entfernt. Doch jetzt liegt es unmittelbar vor mir – Nan Madol – und ich kann mir einen archäologischen Kindheitstraum erfüllen.

Nan Madol, wörtlich übersetzt „Herr von Deleur“, benannt nach einem bedeutenden Stammesfürstentum auf Pohnpei, ist ein dichter Komplex von 92 künstlichen, von Menschenhand angelegten Inseln, die auf einem Korallenriff im türkisfarbenen Wasser errichtet wurden. Es war keine Stadt im heutigen Sinne, sondern primär ein abgegrenztes Ritualzentrum und Wohnstätte einer politisch-religiösen Dynastie und Elite, die sich Saudeleur nannte.

Auf der Insel Pohnpei finden sich noch heute hunderte Überreste von Statusbauten wie Häuptlingsgräber und umhegte Residenzen, Häuser und Zeremonialanlagen. Doch das mächtigste und besterhaltene Hauptbauwerk ist Nan Dauwas („Im Mund des Hohen Häuptlings“), eine gigantische Grabplattform der Saudeleurs im östlichen Stadtteil. Hier wurden die ersten Herrscher von Nan Madol, darunter der sagenhafte Eroberer Isokelekel, feierlich in bunkerartigen Grüften bestattet, und hier soll einst die Gottheit Nahnisohnsapw verehrt worden sein. Jene Auserwählten sollen noch Kontakt zu den himmlischen Lehrmeistern gehabt haben, die in der Südsee als reale Wesen angesehen wurden und nicht als geistige Prinzipien oder Verkörperung von Naturgewalten.

Zunächst wurde bei Ebbe ein Fundament aus tonnenschweren Steinbalken gelegt – unter Wasser! Ob der enormen bautechnischen Leistung kann man nur staunen! Hatte man erst einmal eine Grundmauer errichtet, so wurde sie hauptsächlich mit Steinmaterial, Korallenstücken und Erde aufgefüllt. Auf dieser Basis wurde eine fast neun Meter hohe und stolze drei Meter dicke Mauer im Blockhausstil aus überkreuzten Basaltsäulen aufgetürmt. Genau vor dieser grandiosen, noch völlig intakten Mauer stehe ich nun staunend, als ich den Urwald hinter mir zurücklasse.

Die bis zu neun Meter langen, sechs- und achteckigen natürlichen „Steinbalken“, wovon einige bis zu fünfundzwanzig Tonnen wiegen, sind millimetergenau aufeinandergesetzt. Aufgeregt umlaufe ich den riesigen, quadratisch angelegten Gebäudekomplex mit mehreren breiten Durchlässen. Jede Seite misst neunzig Meter. Vorsichtigen Schätzungen zufolge wurden allein hier schon 25.000 Basaltsäulen verarbeitet!

Selbst euphemistische Umschreibungen wie „unglaublich“ oder „einzigartig“ sind viel zu ausdrucksarm, um hinreichend zu beschreiben, was die genialen Konstrukteure Nan Madols hier mit amorphen Basaltblöcken und korallenem Material einst vollbracht haben! Auch noch so gute Fotos können die unglaublichen Leistungen der alten Südseebewohner nicht ausreichend würdigen.

Tatsächlich war der Zweck des riesigen Bauwerkes ein rein repräsentativer, um die Macht der Saudeleurs zu unterstreichen. Besonders beeindruckend ist das detailliert überlieferte Ritual des Schildkrötenopfers. Priester holten die Schildkröte ab und brachten sie zum Strand, um sie rituell zu waschen und mit geweihtem Kokosöl zu salben. Aufrecht in ein Kanu gestellt, geschmückt und von Adepten eskortiert. Dort wurde das Opfer hochgehoben und auf einen heiligen Basaltstein geschleudert. Danach zerschmetterte man ihr auf dem Hügel aus Korallenblöcken den Kopf mit einer geweihten Keule. Der oberste Priester zerschnitt den Bauchpanzer mit einer scharfen Muschelschale und weidete das Opfer aus. Anschließend wurde das Fleisch in einem Erdofen gekocht. Unter Rezitieren von Beschwörungsformeln lockten die Priester die heilige Muräne aus ihrem Loch und fütterten sie mit den gekochten Innereien. Der Rest des Fleisches wurde an die Priester und die Saudeleurs verteilt. Dem Opfer durften nur die höchsten Priester und der Herrscher beiwohnen. Alle damit verbundenen Orte, Zeremonien und Gerätschaften waren für das gewöhnliche Volk tabu.

Diese beeindruckenden Geschichten und Legenden im Kopf, fühle ich mich wie Indiana Jones auf der Suche nach unentdeckten Tunneln und Grabeingängen. Die rätselhaften Bauten wirken märchenhaft schön. In üppigem Pflanzengrün sind oft massive Mauerbauten nur noch zu erahnen. Selbst in den besterhaltenen Gebäudeteilen breitet sich stetig die Natur aus. Die mächtigen Wurzeln der Palmen durchdringen die Fundamente von Steinmauern und drohen sie zum Einsturz zu bringen. Mangrovenbäume wachsen direkt im Gemäuer und sprengen Steinblöcke auseinander. Andere wiederum sind fast vollständig von tropischem Blattwerk zugewuchert.

Die künstlichen Inseln, verbunden durch kanalartige Seewege anstelle von Straßen, werden auch als „Ort der Zwischenräume“ bezeichnet und trotzen seit unzähligen Jahrhunderten den Gewalten des tosenden Meeres. Es ist ein faszinierendes Erlebnis, sich vorsichtig per Boot in jenes Kanallabyrinth hineinzuwagen. Im grünen Dickicht ragen hohe Pfahlwurzeln weit aus dem brackigen, manchmal faulig riechenden Wasser heraus, verzweigen sich oberhalb des Wasserspiegels zu bizarren gewachsenen Kunstwerken.

So gut einige Teile der Außenmauer auch noch erhalten sind, so sehr haben furchteinflößende Kräfte gewaltigen Ausmaßes anderen Bereichen Nan Madols zugesetzt. Die imposanten Basaltsäulen, die heute nur mit starken Kränen bewegt werden könnten, wurden umhergewirbelt, so als handele es sich um ein überdimensionales Mikado-Spiel. Wer oder was brachte diese monumentale Konstruktion teilweise zum Einsturz? Ein Erdbeben? Ein Orkan? Eine Riesenwelle? Oder fielen sie von Menschenhand in einem Krieg?

Viele unbeantwortete Fragen machen das in den Weiten der Südsee verlorene Nan Madol bis heute zu einem Mysterium besonderer Art. Warum wurden diese steinzeitlichen Monsterbauten unter kaum vorstellbarem Aufwand ausgerechnet im Meer vor Temwen Island geschaffen? Warum geschah dies nicht auf der Hauptinsel von Pohnpei selbst? Etwa im Norden, im Distrikt Sokehs, denn hier wachsen die vieleckigen Steinsäulen, erstarrte Lava, wie monströse Haare aus dem Boden. Warum wurden diese natürlichen Riesenbalken abgeschlagen und wie auch immer über weite Distanzen zur eigentlichen Grabanlage transportiert?

Das Verschiffen und Verbauen dieser gewaltigen Blöcke muss den Einsatz von Zehntausenden von gut organisierten Arbeitern bedeutet haben. Und die müssen alle gekleidet und ernährt worden sein. Das aber, so die einhellige Meinung der Gelehrten, war eigentlich unmöglich. Für ein auch nur annähernd so großes Heer von Arbeitern gab es weder Platz noch hinreichende Nahrungsmittel. Überzeugende Antworten vermögen die Archäologen bis heute nicht bieten!

Fazit: Eigentlich dürfte es die monumentalen Anlagen von Nan Madol gar nicht geben. Sie existieren aber – und lassen viel Raum für Spekulationen und Fantastereien, die bis zur baulichen Unterstützung durch Aliens reichen.

Die Besiedlung der Insel Pohnpei liegt, wie aus Funden von Lapita-Keramik ersichtlich ist, mindestens 3.000 Jahre zurück. Nan Madol selbst begann seine Rolle als rituelles Zentrum des Stammesfürstentums von Madolenihmw um etwa 500 n. Chr. mit dem Aufstieg der Dynastie der Saudeleurs. Deren Megalithbauten, ein Werk ihres Donnergottes, wurden laut Uran-Thorium-Datierung, der beim Bau verwendeten Korallenbruchstücke, ab 1180 n. Chr. errichtet. Das zentralisierte Reich kollabierte um 1650. Die Gründe sind nur schwer nachzuvollziehen. Als das Reich wieder in Stammesfürstentümer zerfiel, wurde Nan Madol weiterhin als religiöses Zentrum genutzt, wenn auch in bescheidenem Umfang. Noch 1910 residierte ein Stammeshäuptling auf einer der Inseln.

Erst anno 1828 entdeckte der russische Kapitän Fedor Lütke die fantastischen Zeugnisse der insularen Hochkultur. Ihm folgte ab 1869 der Forscher und Abenteurer Johann Stanislaus Kubary, der auf Pohnpei eine Plantage bewirtschaftete und für das Museum Godeffroy ab 1870 Relikte aus Nan Madol sammelte. Die erste Grabung nahm der damalige deutsche Vizegouverneur Victor Berg im April 1907 auf Wunsch des Leipziger Völkerkundemuseums vor. Seine Aufzeichnungen gingen aber leider verloren. Er starb nur einen Tag, nachdem er das Grab von Isokelekel öffnen ließ, nach dem ärztlichen Befund an einem Sonnenstich und „totaler Erschöpfung“. Die Einheimischen glaubten jedoch an die Vergeltung der Götter für die Entweihung des geheiligten Königsgrabes.

Die erste Untersuchung unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten unternahm der Ethnologe Paul Hambruch, der im Rahmen der Hamburger Südsee-Expedition von 1908 bis 1910 Nan Madol sorgfältig vermaß und eine genaue Beschreibung sämtlicher Inseln vorlegte. Er zeichnete eine exakte Karte, die heute noch als Grundlage archäologischer Arbeiten herangezogen wird.

Viel zu kurz ist meine Zeit vor Ort, um weitere Geheimnisse von Nan Madol zu lüften. Wer einmal hier war, ist vom geheimnisvollen, friedlich-idyllischen Zauber der Anlage gefangen und möchte immer wieder in dieses weltentrückte Paradies zurückkehren. Es sind nicht die erstaunlichen Ruinen allein, die faszinieren. Es ist auch nicht die üppige Pflanzenpracht, die es auf anderen Südseeinseln in bunteren Variationen gibt, die den Besucher fesselt. Es ist die dichte Atmosphäre, die von begabten Hollywood-Regisseuren mit noch so vielen Dollars nicht realisiert werden könnte, die den Besucher in ihren Bann zieht: Hier sind Mythen und alte Sagen förmlich greifbar. Man spürt sie geradezu körperlich, ohne sie zu verstehen.

Ich blicke zurück auf die Mauern im Meer, die im Dunst der untergehenden Sonne langsam schemenhaft verschwinden. Zurück bleibt die Erinnerung an die märchenhaft schöne, verträumte Zauberwelt von Nan Madol, dem steinzeitlichen Venedig der Südsee.

Christian Rommel, ROX Asia, Hong Kong

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