My home is my castle: Togo

Auf der Suche nach fremden Völkern und Kulturen, alternativen Lebensformen und architektonischen Besonderheiten reise ich seit 30 Jahren um die Welt. In diesem Jahr führte mich die Forscher- und Abenteuerlust in den Norden der ehemaligen deutschen Kolonie in Westafrika, nach Togo.

Gut fünfhundert Kilometer nördlich der Hauptstadt Lomé, im Grenzgebiet zu Benin, haben wir die ursprüngliche Lebensweise des togoischen Volkes der Tamberma erkunden können. Dank seiner geografischen Isolation in den Atacora-Bergen haben die Tamberma ihre jahrtausendealten Traditionen gegen alle Einflüsse der modernen westlichen Welt erfolgreich verteidigt.

Das außerhalb Togos Batammariba (zu deutsch „Lehmmauer“) genannte Volk der Tamberma ist vermutlich im 17. Jahrhundert von Burkina Faso in die Region Koutammakou, einer etwa 50.000 Hektar großen Kulturlandschaft in Togo migriert.
Die Tamberma haben dort als Clan-Allianzen charakteristische Bauwerke angelegt, die 2004 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurden und zu den interessantesten Sehenswürdigkeiten des kleinen Landes zählen. Die aus Holz, Lehm und Stroh mit einer Imprägnierung aus Dung und Kuhmilch erbauten burgartigen, wulstigen, fast fensterlosen Behausungen sind den Baobab-Bäumen nachempfunden, in dessen hohlen Stämmen das Volk früher wohnte. Diese urigen Trutzburgen werden Tatas genannt, was sich von „Takienta“ („befestigte Häuser“) ableitet. Sie gleichen mit ihren Ecktürmen und Mauern kleinen Festungen, die früher die Bewohner vor wilden Tieren und Angreifern, vor allem vor den Sklavenjägern der Könige von Benin, schützten.

Tatas sind immer gleich zweistöckig aufgebaut. Im unteren Stock leben die Haustiere wie Geflügel und Ziegen. Dort befinden sich Küche und Wohnlager älterer Menschen,  da sie die steile Holzleiter in den zweiten Stock nicht mehr hinaufklettern können. Im Obergeschoß, auf der ummauerten Dachterrasse, von der die Schutzhöfe früher verteidigt wurden, werden vor den Haustieren geschützt, Früchte und Gemüse getrocknet. Dort liegen auch die Schlafräume und Vorratskammern. An der Südseite des Hauses sind die Zimmer des Familienoberhaupts, seiner Frau und Kinder. Daneben steht ein großer Getreidespeicher für Mais und Hirse. Das Leben am Tage spielt sich vorwiegend auf der Zwischenterrasse ab.

Die Tatas bilden den ökonomischen und religiösen Mittelpunkt einer Großfamilie und spiegeln auch die soziale Strukturen der Tamberma wider. Aus dem Baumaterial Lehm wächst das Leben und in ihm sind die Ahnen allgegenwärtig. Im Wissen um diese Zusammenhänge liegt ihr harmonischer Umgang mit der Natur begründet. Die Häuser haben dabei auch symbolischen Charakter: Die Tür ist der Mund, die Fenster sind die Augen und der Getreidespeicher ist der Bauch. 

Vor jedem Tata befinden sich den Voodoo-Geistern gewidmete, teils mannshohe Schutz-Fetisch-Altäre aus Lehm zur Abwehr des Bösen und als Verehrung für die Ahnen. Über dem Eingang hängen geopferte Affen- und Kuhschädel und ein Schweineschwanz. Im Innern ist eine ganze Frontwand mit Tierschädeln bedeckt. Diese speziellen Hauswächter beschützen die Lebenden, müssen jedoch von diesen regelmäßig durch entsprechende Opfergaben wohlgesonnen gestimmt werden. Die besondere Verehrung einer Antilopengöttin drückt sich im Antilopengehörn an den Seiten der Kopfbedeckung der Frauen und in den wilden, schnellen Sprüngen beim Tanz aus.

In Koutammakou hat sich seit Jahrhunderten kaum etwas verändert. Gleich hinter dem zwischen riesigen Baobab-Bäumen gelegenen Dorf beginnt der heilige Wald. Es ist der Ort für die Initiationsriten der jungen Männer. Stapel aus hunderten frischer Holzstäbe bezeugen, dass die Bräuche heute noch gefeiert werden.

Für Trinkwasser müssen die Menschen oft kilometerweit laufen. Trifft man sich am Brunnen, findet ein Trinkritual statt: Man trinkt gemeinsam aus einer Schale. Das Ritual zeigt, dass sie sich das Wasser gegenseitig gönnen und es keiner vergiftet hat.
Während die Männer die Ernte vor den Stürmen der aufziehenden Regenzeit in die Vorratstürme in Sicherheit bringen, brauen die Frauen im Hof das traditionelle Hirsebier tchouc. Bevor es getrunken werden darf, opfern sie einen Teil davon auf den Altären der Ahnen. Welcher Vorfahre gnädig zu stimmen ist, wird mit dem Holz-Stab-Orakel ermittelt.

Es gibt weder Strom noch Generatoren für elektrische Gerätschaften. Gerade die Abwesenheit von Fernseher, Radio, Internet und Mobiltelefon macht den Aufenthalt bei den Tamberma zu einer wohltuenden Reise in die medienfreie Vergangenheit.
In der Kühle des Abends sitzt die ganze Familie gerne ums Feuer vor dem Tata-Eingang oder oben auf der Terrasse ihrer turmbewehrten Burg. Der Clanchef erzählt die Geschichte, wie die Batammariba einst auf die Erde kamen. Von Generation zu Generation werden Geschichten mündlich überliefert und vor allem die Kinder lauschen andächtig, während über ihnen ein fantastischer Sternenhimmel seine Magie entfacht.

Koutammakou ist lebendiges Kulturerbe und eines der letzten Beispiele für eine afrikanische Gesellschaft, die noch im Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen der Menschen und der Natur wirtschaftet. Leider werden die mittelalterlich anmutenden Lehmburgen aufgrund der aufwändigen Konstruktion und Reparaturanfälligkeit kaum mehr gebaut. Umso lohnender und wertvoller empfanden wir unseren Besuch bei den Tamberma, in ihren einzigartigen Behausungenen, in dieser so abgelegenen Region unserer Erde.

Christian Rommel, ROX Asia, Hong Kong

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