Mein Auslandspraktikum in Hong Kong

Als Studentin der Soziologie im Master an der Goethe Universität in Frankfurt am Main war ich auf der Suche, meine theoretischen Studieninhalte mit der Praxis zu verbinden. Eher durch Zufall entschied ich mich, bei der Society for Community Organization (SoCO) in Hong Kong ein sechswöchiges Praktikum zu absolvieren.

Nachdem alle erforderlichen Unterlagen beim Immigration Department eingereicht und geprüft worden, konnte ich mein Praktikum am 1. März 2019 starten. Die SoCO ist eine Nichtregierungs- und Menschenrechtsorganisation (NGO), die Anfang der 1970er gegründet wurde und ihre Aufgabe darin sieht, die prekären Lebensbedingungen der Randgruppen (homeless people, cage people u. a.) zu verbessern, indem sie die Öffentlichkeit für die Problematik sensibilisiert und die Politik zum Handeln auffordert. Es gibt Arbeitsgruppen für die verschiedenen Projekte. Ich wurde aufgrund meiner beruflichen Biografie dem Projekt „Prison reform in Hong Kong“ zugewiesen. Meine Aufgabe bestand darin, eine „kleine Umfrage“ über den Haftraum zu erheben. Hierzu befragte ich ehemalige Gefangene und derzeitige Insassen. Die Interviews fanden an verschiedenen Orten statt, mal im Café, im Büro der SoCO oder auch in den Justizvollzugsanstalten. Die Straftaten der Befragten waren sehr unterschiedlich und reichten vom einfachen Eierdieb bis hin zum Schwerverbrecher. In den Interviews kamen interessante, aber auch erschreckende Details der Haftbedingungen ans Licht. Beispielsweise erwähnten mehrere Interviewpartner die Ratten- und Mäuseproblematik, die auch in den Hafträumen grassierte.
Ziel meiner Forschungsarbeit ist es, eine Empfehlung für bessere Ausstattungsmöglichkeiten im Haftraum auszusprechen, die der SoCO bei dem Projekt behilflich sein soll.

Ich nutzte auch die Gelegenheit, als stille Beobachterin im Projekt „Cage people and subdivided flats“ dabei zu sein. Zwar kannte ich die Wohnverhältnisse aus den verschiedenen Medien, aber in der Realität wirkt das Ganze anders.
Besucht wurden die betroffenen Personen immer am Abend, wenn sie von ihrer Tätigkeit nach Hause kamen. Die Sozialarbeiterin der SoCO, Lai Shan Sze, ist die Ansprechpartnerin. Sie erklärte mir die Lage der Hong Konger Wohnverhältnisse und wie lange man hier auf eine Sozialwohnung warten muss. Wir besuchten mehrere cage people in ihrem Wohnumfeld und ich bekam einen Einblick in die unterschiedlichen Wohnverhältnisse. Besonders beeindruckt hat mich hier der respektvolle Umgang untereinander, obwohl viele Menschen mit ihrem gesamten Hab und Gut auf kleinem und engstem Raum zusammenleben und Bad und Küche miteinander teilen müssen.

Oft dachte ich über beide Projekte nach und stellte Vergleiche mit Deutschland her. Die Haftbedingungen und die Wohnsituation unterscheiden sich natürlich wesentlich gegenüber Deutschland. In Deutschland dürfen die Gefangenen Beschwerden erheben und müssen sich keine Sorgen über Sanktionen machen. Die Kinder in prekären Wohnsituationen in Hong Kong haben wenig oder kaum Platz, um in der Wohnung/Zimmer zu spielen.
Basierend auf praktischen Situationen fielen mir viele Fragen ein, die ich meinen Praktikumsleitern Richard Tsoi und Lai Shan Sze stellte. Ich besuchte mehrere Male den High Court, und da mir das Justizsystem in Hong Kong noch unbekannt war, fragte ich, wie ein Gericht aufgebaut ist und nach welchen gesetzlichen Bedingungen sich ein Strafmaß gliedert. Geduldig und mit anschaulichen Praxisbeispielen beantworteten beide meine Fragen und ich erhielt zusätzliche Informationen über die Hong Konger Gesellschaft. Ich erfuhr, dass das Thema cage people seit den 1950er Jahren ein Problem ist, wieviel Geld diese Menschen im Monat zur Verfügung haben und welche Kosten im Monat anfallen. Fakt ist, dass die überwiegende Mehrheit über zu wenig Geld verfügt, um sich z. B. drei Mahlzeiten am Tag zu leisten. Einige Mitarbeiter der SoCO waren sehr daran interessiert zu erfahren, wie die sozialen Hilfssysteme z. B. Resozialisierungsprogramme nach der Haft, Sozialwohnungen und Krankenversicherungen in Deutschland funktionieren.

Resümee:
Hong Kong kannte ich in der Vergangenheit durch den Familienurlaub und hatte daher eher als Touristin die Stadt erlebt. Diesmal war mein Aufenthalt studienbedingt und ich hatte meine soziologischen Aufgaben als Praktikantin zu erfüllen. Durch das Praktikum konnte ich Wissenswertes über die Hong Konger Gesellschaft erfahren.
Auf der einen Seite ist Hong Kong technisch in digitaler Hinsicht sehr fortschrittlich und die öffentlichen Verkehrsmittel sind ausgezeichnet vernetzt. Die Gesellschaft ist bunt gemischt, mit vielfältigen Nationalitäten, Ethnien und Religionen, die wahrlich gut auf diesem kleinen Fleck der Erde miteinander auskommen. Auf der anderen Seite könnte das Gefälle zwischen arm und reich nicht größer sein. Gerade bei den Armen ist der Handlungsbedarf groß, da sie kaum Möglichkeiten haben, ihre Situation eigenständig zu verbessern. Die SoCO ist eine erfahrene NGO, die ihr Potenzial nutzt, Unterstützung bei betroffenen Bürgern anbietet, aber auch gleichzeitig mit verschiedenen Aktionen auf die Randgruppenproblematik aufmerksam macht. Ich bin dankbar, dass ich mein Auslandspraktikum in Hong Kong absolvieren durfte und dabei berührende und beeindruckende Einblicke in eine andere Welt bekommen habe, die mich noch lange in Deutschland beschäftigen werden.

Amira Niemeyer

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