Las Vegas: Das Macau des Westens

Laut dem Online-Magazin Business Insider, hat Macau Las Vegas in Sachen Umsatz bereits 2006 überholt. Deshalb wird Vegas auch gerne spöttisch das Macau des Westens genannt. Historisch betrachtet liegt in Las Vegas jedoch der Ursprung der Casino- und Entertainmentkultur und deshalb gebührt der Stadt Ehre.

Aus meiner Perspektive geht das Votum eindeutig an Vegas. Macau ist für mich eine Edelversion dieser Stadt – nur leider fehlt der Spaßfaktor weitgehend. Macau ist nicht der Ort, an dem man zum Party machen oder für extravagantes Entertainment fährt; in den Casinos dort darf man nicht einmal Alkohol konsumieren. Das finde ich ehrlich gesagt gar nicht so schlecht, aber es zeigt auch, dass in Macau der Focus eindeutig auf dem Glücksspiel liegt. Las Vegas, umgeben von der wunderschönen Mojave-Wüste, spricht ein viel breiteres Publikum an. Die Casinos dort sind große Entertainmentkomplexe, die neben den eigentlichen Casinoflächen, Restaurants, Bars, Geschäften, Theater, Kunstgalerien, Wellnessbereichen, Kinos u. v. m. behausen. Selbst Familien mit Kindern wird zielgruppengerechtes Entertainment angeboten. In diesem Beitrag möchte ich euch eine ganz andere Seite von Las Vegas näher bringen, abseits der großen Casinos, und euch ein paar Tipps für ein alternativ-individuelles Las Vegas-Erlebnis mit kulinarisch- künstlerischem Focus geben.

Jetlag-Frühstück

2:53 Uhr, morgens. So ein Mist, ich bin plötzlich hellwach. Der Jetlag lässt grüßen. Nach einer kurzen Erfrischung im Pool machen wir uns auf den Weg zum Madhouse Coffee. 27 °C bei ca. 25% Luftfeuchte und wir brausen mit offenen Fenstern in unserem Honda CR-V die West Desert Inn Road runter, Richtung Café, eines der wenigen in Vegas, das abseits vom Strip 24 Stunden geöffnet hat. Der Strip ist DIE Touristenmeile schlechthin. Dort befinden sich die bekanntesten Casinos und Hotels wie das Mandalay Bay, das Bellagio oder das Venetian, außerdem zahlreiche Bars, Cafés, Restaurants und Fast Food-Schuppen, die rund um die Uhr aufhaben. Es ist noch dunkel und wir treten von der trockenen Wärme draußen, in das auf Kühlschranktemperatur klimatisierte Café. Das kennt man ja gut aus Hong Kong. Wir sind nicht die einzigen Gäste. Draußen sitzen ein paar junge Männer auf der Terrasse, trinken Cola und rauchen Shisha, die man sich im Café bestellen kann. Das Madhouse ist aber nicht nur Café, sondern auch eine kleine moderne Kunstgalerie – Wow, wir sind begeistert! Ausgestellt wird Pop-Art des lokalen Künstlers Recycled Propaganda mit sozio-politischer Botschaft. Kein Café für Republikaner! Wir werden sehr freundlich empfangen und bestellen erst mal einen Cappuccino. Uns wird vorsichtshalber erklärt, dass das Madhouse seiner Kundschaft ein „authentisches Kaffeeerlebnis“ bieten möchte und dass deshalb die Portionsgrößen etwas kleiner sind als bei Starbucks. Wir bekommen normale Tassen, keine Eimer, und stellen fest, dass der Kaffee sehr gut ist. Zu essen gibt es Muffins, französische Macarons und Croissants, die in einer Glastheke sehr ansprechend präsentiert werden. Außerdem kann man Sandwiches bestellen; ein paar Pastagerichte und vegane Alternativen gibt es auch. Das Kaffee- und Teesortiment ist so umfangreich wie das Essensmenü. Bewertung: Absolut empfehlenswert, kulturelles Angebot inklusive!

Eine Alternative zum Madhouse Coffee ist das Sunrise Coffee auf dem East Sunset Boulevard, nahe dem Flughafen (ab 6 Uhr geöffnet). Hier gibt es nur vegetarische und vegane Gerichte, aber die Burritos sind die Besten, die ich je gegessen habe – absoluter Favorit der Nom Nom Burrito. Ansonsten stehen verschiedene Bagels, Sandwiches, Süßteile und Müslivarianten mit Joghurt und Obst zur Auswahl. Fazit: Ein Geheimtipp ganz ohne Tourismusfaktor!

Wem das Sunrise Coffee zu „gesund“ ist, der kann sich auch die Kalorienkeule im Sunrise Café geben. Ab 7 Uhr bietet es typisch amerikanisches Frühstück. Hier gibt es riesige Portionen von Pancakes, French Toast, Bacon and Eggs usw. Es handelt sich nicht um eine Fast Food-Kette, sondern um einen Familienbetrieb und findet deshalb hier Erwähnung.

Auch zu empfehlen für Freunde des real American food ist das Squeeze In. Eine kleine Kette mit acht Restaurants in den USA, wovon zwei in Las Vegas sind. Die Spezialitäten dort sind Omelette und Eggs Benedict in allen erdenklichen Variationen und gefühlt mit 10 Eiern pro Portion gemacht. Es gibt auch Pancakes, Burger, Sandwiches, Suppen, Salate und vegane Speisen.

Ein Abend in und um den Las Vegas Arts District

Wenn man die südlichen Staaten der USA bereist, sollte man auf jeden Fall mexikanisch essen gehen, denn dort gibt es authentische mexikanische Küche, die ein bisschen anders ist als die bei uns übliche europäische Variante. Salatbeilagen, sowie Guacamole und Sourcream zu allen Gerichten bekommt man hier nicht, auch keine harten Tacoschalen. Hingegen sind Reis, schwarze Bohnen oder refried beans (Bohnenpüree) und Pico de Gallo (Tomatensalsa) fast immer mit dabei. Auf der South Main Street gibt es das Casa Don Juan Restaurant. Es handelt sich um einen Familienbetrieb, der alle Speisen frisch und nach traditionellen Rezepten herstellt. Selbst die Tortillas und Tortilla Chips sind hausgemacht und man kann sogar dabei zusehen, wie sie hergestellt werden. Das Restaurant ist ab 7 Uhr morgens durchgehend bis 22 bzw. 23 Uhr geöffnet. Ich empfehle die Tamales. Sie wurden schon von den Azteken hergestellt und bestehen aus Maisgries vermengt mit verschiedenen Zutaten wie Fleisch, roter oder grüner Salsa, Bohnen und Käse. Das Ganze wird in Maisblätter gewickelt und gedämpft. Wer noch nie mexikanische Mole-Soße probiert hat, sollte Chicken Mole probieren. Für diese traditionelle Soße gibt es viele Geheimrezepte, allerdings beinhaltet sie immer verschiedene Gewürze, etwas dunkle Schokolade, Chilis und Nüsse. Für Fisch- bzw. Sushi-Liebhaber gibt es auch Ceviche.

Wer noch keine hausgemachte Margarita im Casa Don Juan getrunken hat, oder noch Cocktaildurst hat, der kann im Velveteen Rabbit diverse Craft Cocktails probieren. Diese trendige Einheimischen-Bar ist nur einen Katzensprung vom Casa Don Juan entfernt und bietet qualitativ exzellente, sehr ausgefallene Cocktails in künstlerischem Ambiente an. Die Getränkekarte ist ein kleines Büchlein, das neben den Getränken auch Bilder und Gedichte von Künstlern aus Las Vegas enthält. Es ist für einen Dollar käuflich zu erwerben und das Geld kommt den Künstlern zugute.

Lieber ein Bierchen gefällig? Gegenüber dem Velveteen Rabbit liegt die sehr ausgefallene ReBar. Der Laden ist eine Mischung aus Bar und Trödelladen, d. h. man kann fast alles dort käuflich erwerben. Vielleicht findet ihr ja dort ein ungewöhnliches Souvenir … Neben einer großen Auswahl an Bier gibt es auch so genannte charitable Cocktails und Hotdogs, deren Erlös an verschiedene wohltätige Organisationen gespendet wird.

Als letzte Station des Abends empfehle ich Dino’s Lounge auf dem South Las Vegas Boulevard (nahe dem Stratosphere Tower). Hier gibt es donnerstags, freitags und samstags ab 21 Uhr Karaoke und extrem günstige Drinks. Auch unter der Woche kann man natürlich hier abhängen, Billard spielen und Einheimische beobachten. Uns wurde die Bar bzw. die Karaokeveranstaltung von einem Freund aus LA empfohlen, der meinte, dass die meisten Sänger dort unglaublich gut seien. Und ja, das würde ich auf jeden Fall bestätigen; qualitätsmäßig eher Voice of Germany als DSDS.

Die South Main Street und Umgebung sowie das Künstlerviertel von Las Vegas möchte ich denjenigen von euch ans Herz legen, die gerne Second Hand und Vintage-Klamotten shoppen, Antiquitäten- und Kuriositätenläden lieben und sich für zeitgenössische Kunst interessieren. Man kann locker einen Tag damit verbringen, durch diese Läden zu streifen und das ein oder andere Schnäppchen ergattern.

Die Arts Factory auf dem East Charleston Boulevard ist definitiv einen Besuch wert. Dort kann man kostenlos diverse Galerien und Shops besichtigen und kostengünstige, qualitativ hochwertige Kunst erstehen. An jedem ersten Freitag im Monat findet in der Nähe der Arts Factory am Abend ein Markt mit street food, Kunsthandwerk und street performances statt.

Heike Kluger

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