Land unter in Tuvalu

Jeden Tag schlagen wir die Zeitung auf und die omnipräsenten Schlagworte springen uns förmlich in die Augen: Klimawandel, globale Erwärmung, Polschmelze, Anstieg des Meeresspiegels – angsterregende Vorboten einer menschgemachten, äußerst unerfreulichen Zukunft, an der die Erde letzten Endes zugrunde gehen wird.

Riskieren wir bedenkenlos unsere einzigartige Natur als Resultat grenzenlosen Wachstums? Fällt unser fragiles Ökosystem der unersättlichen Gier nach immer mehr zivilisatorischem Fortschritt zum Opfer? Versinken noch zu unseren Lebzeiten die ersten einsamen Inseln in den unendlichen Weiten des Pazifischen Ozeans auf ewig im Meer und werden so ungewollt zum ebenso traurigen wie entmythisierten Atlantis der Neuzeit? Oder sind diese dramatischen Umweltauswirkungen, mit denen wir tagtäglich medienwirksam konfrontiert werden, doch nur apokalyptische Meinungsmache, wie es von Wissenschaftsverklärern aus dem trump‘schen Lager postuliert wird? Was ist Fakt, was Wirklichkeit?

Um diesem ambivalenten Szenario auf die Spur zu kommen, reiste ich kürzlich nach Tuvalu, einem winzigen tropischen Inselparadies in den unendlichen Weiten der türkisfarbenen Südsee. Das Staatsgebiet Tuvalus umfasst nur eine Landfläche von 26 Quadratkilometern und ist nicht nur eines der kleinsten, sondern auch das mit großem Abstand am seltensten bereiste Land der Welt. Gerade mal 11.000 Menschen nennen Tuvalu ihre Heimat, die unter dem strengen Blick des britischen Staatsoberhaupts Elizabeth II. auf sechs Atollen und drei Inseln siedeln.

Anders als die farbenprächtigen Blumenkränze aus Hibiskus, die während des Hurricane Day Festivals im Oktober getragen werden, sieht die Zukunft Tuvalus nicht sehr rosig aus. Die Böden der Koralleninseln sind karg und die Humusschichten zu dünn, um nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben. Die übermäßige Entnahme von Grundwasser und manches hydrologisch problematische Bauprojekt führen dazu, dass salziges Meerwasser in die Aquifere drückt. Das erschwert die Nahrungsmittelproduktion und Erosion und Dürren gefährden zusätzlich die Trinkwasserversorgung.

Doch die Inselstaaten haben noch andere, ernsthaftere ökologische Probleme, die von außen drohen. Wirbelstürme und Springfluten werden immer häufiger und stärker. Die letzten haben die kleine Hauptstadt Funafuti wochenlang knietief überflutet und den ohnehin nährstoffarmen Boden für Monate unfruchtbar gemacht.

Grund dafür ist die besondere Topografie Tuvalus. Die höchste Erhebung des polynesischen Archipels liegt gerade mal vier Meter über dem Meer. Die Einwohner versuchen vergeblich, den Naturgewalten zu trotzen, doch keine Deiche schützen die schmalen Inseln, denn für Deiche und mühsam bepflanzte Dämme gibt es einfach nicht ausreichend Platz.

Wir alle haben Anteil an Tuvalus Schicksal. Warum? Die westlichen Industriestaaten verbrauchen zu viele fossile Brennstoffe, verursachen Treibhausgase und sorgen mit Ignoranz der Umweltverschmutzung für Klimaveränderung, mit dem Ergebnis, dass der Meeresspiegel dramatisch ansteigt. Dieses Phänomen zeigt sich im Südpazifik leider doppelt so schnell wie im weltweiten Durchschnitt.

Sollte der Meeresspiegel bis 2100 tatsächlich um einen ganzen Meter ansteigen, wie das extremste Szenario des Weltklimarats es beschreibt, könnte es für viele Inselstaaten wie Kiribati oder die Malediven gefährlich werden und bald schon könnten die ersten Atolle wie Tuvalu in den Fluten versinken. Es wäre das erste Land, das seit Menschengedenken von den Landkarten verschwinden würde.

Entsprechend gehört es zum fest etablierten Prozedere internationaler Klimakonferenzen, dass Präsidenten und Abgesandte von bedrohten Südsee-Inselstaaten auf die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels auf ihre Heimat hinweisen und den Mächtigen der Welt ins Gewissen reden. Tuvalus Premierminister Enele Sopoaga hat erst im November 2018 auf der Bonner Klimakonferenz wieder vorgetragen, wie sehr sein Volk „um seine Zukunft fürchtet, jeden einzelnen Tag“.

Mittlerweile hat sich der Begriff „Klimaflüchtling“ etabliert, wenn Bewohner versinkender Inseln umgesiedelt werden müssten. Viele haben bereits Asyl in anderen Staaten wie Neuseeland beantragt – bisher erfolglos. Die mit einer Umsiedelung auf andere, bislang kaum bewohnte Inseln, wie z. B. die Fidschi-Insel Kioa, verbundenen Kosten sollen die Industriestaaten als Verursacher der Klimaerwärmung übernehmen, was neue Diskussionen auslöst.

Der Untergang Tuvalus findet nach Meinung mancher Wissenschaftler gar nicht statt. Die neuseeländischen Geowissenschaftler Arthur P. Webb und Paul S. Kench zeigten anhand von bis zu 61 Jahre alten Luftbildern im Abgleich mit neuen Satellitenaufnahmen, dass 86 Prozent der 27 untersuchten Atolle im zentralen Pazifik entweder gleich groß geblieben oder sogar gewachsen sind. In Tuvalu sei der Meeresspiegel zwischen 1971 und 2014 mit rund 0,4 Millimetern pro Jahr zwar doppelt so schnell gestiegen wie im globalen Durchschnitt, zugleich habe die Landmasse der Inselnation aber um 2,9 Prozent (73,5 Hektar) zugenommen – wobei etwa drei Viertel der Inseln gewachsen, manche aber auch geschrumpft seien.

Das überraschende Wachstum ist auf verstärkte Anlagerung von Meeressedimenten an den Küsten der Inseln zurückzuführen. Riffgestein und Korallen werden von Stürmen zerschlagen und die zerkleinerten Bruchstücke in seichtem Wasser vor den Inseln wieder angespült. Infolgedessen ist die Veränderung der Küstenverläufe teils beträchtlich, die Verschiebung von Sandmengen nicht zu ignorieren und manche Inseln sind auf ihren Riffen regelrecht gewandert.

Die Wissenschaftler mögen in absoluten Zahlen recht haben. Vielleicht droht Tuvalu nie die Gefahr, von der Landkarte zu verschwinden. Die Untergangshysterie über rasch untergehende Inseln mag kontraproduktiv wirken, doch tatsächlich steht den hilflosen Tuvaluern als Folgen des Klimawandels das Wasser manchmal wortwörtlich bis zum Hals. Hohe Wellen überspülen die wenigen Orte der Insel permanent. Die Bewohnbarkeit ihrer angestammten Heimat ist nur noch eine Frage der Zeit. Nirgendwo auf der Welt hat man näher am Wasser gebaut und genau dieses Wasser wird ihnen nun zum Verhängnis.

Der tosende Pazifik auf der einen und kleine Inselchen auf der anderen Seite. Früher paddelten die Einheimischen Tuvalus noch zum Picknicken auf die kleinen Sand-Eilande in der Lagune. Heute ragen dort nur noch die Wipfel überschwemmter Kokospalmen aus dem türkisfarbenen Wogen. Und immer öfter schauen die Menschen besorgt aufs Meer – verzweifelt die Balance zwischen Traum und Albtraum suchend.

Ob Tuvalu nun irgendwann untergehen wird oder nicht, spielt eigentlich keine Rolle. Tatsache ist, dass sich Klimaforscher einig sind, dass der Meeresspiegel im Südpazifik beständig ansteigt. Die angestammte Heimat von 11.000 Menschen am anderen Ende der Welt ist in Gefahr, Opfer einer rücksichtslosen Lebensweise westlicher Industrienationen zu werden. Tuvalu ist ein Symbol für die geknechtete Natur und wir tragen daran die Schuld. Dafür sollten wir nun auch die Verantwortung übernehmen oder – besser – es gar nicht erst soweit kommen lassen.

Christian Rommel, ROX Asia, Hong Kong

Leave a comment