Lai Chi Wo: Das 400 Jahre alte Hakka-Dorf

Hong Kong ist als pulsierende Metropole und Tor zu China weltbekannt. Wenn man bei Google mit dem Wort ‚Hong Kong‘ nach Bildern sucht, werden 214 Millionen Ergebnisse angezeigt. Die ersten 20 Seiten sind fast ausschließlich Aufnahmen von der Skyline oder dem Ausblick vom Peak. Es sind Fotos von atemberaubenden Wolkenkratzern und imposanten Lightshows. Doch als Bewohner lernt man schnell, dass Hong Kong noch viele andere Facetten hat. Die Berge, Wälder und Strände verleiten zu Ausflügen in die Natur. Dennoch ist es kaum vorstellbar, dass in einer Stadt wie Hong Kong, wo jeden Tag alte Gebäude abgerissen und anstelle dessen neue Hochhäuser gebaut werden, ein 400 Jahre altes Dorf noch immer existiert. Die Rede ist von einem traditionellen Hakka-Dorf namens Lai Chi Wo, das sich im Plover Cove Country Park befindet.

David Tsang, der dort aufgewachsen ist, erinnert sich gerne mit glänzenden Augen an seine Kindheit in Lai Chi Wo. Damals haben die ansässigen Familien ihren Lebensunterhalt als Fischer oder Reisbauern bestritten.
In den letzten Jahrzehnten hat sich die Umgebung dieses Dorf jedoch drastisch verändert. Als man Lai Chi Wo als Geisterstadt bezeichnete, war ein Tiefpunkt erreicht. Auf der Suche nach mehr Wohlstand und Reichtum ist die Generation von David Tsang mehrheitlich aus der ländlichen Umgebung weggezogen. Er selbst hat 1972 seine Heimat in Richtung Europa verlassen. Die Einwohnerzahl wie auch die Erträge aus der Landwirtschaft sind drastisch zurückgegangen.
Nach 25 Jahren in Europa, die er größtenteils in Deutschland verbracht hat, ist David Tsang vor fünf Jahren mit einer Vision nach Hong Kong zurückgekehrt. Er will den Wert seines Jahrhunderte alten Heimatdorfs erhalten. Die Revitalisierung soll durch Rekultivierung der Landwirtschaft erfolgen und Lai Chi Wo somit zu einem attraktiven Ausflugsziel machen. Dieses Vorhaben wird von der University of Hong Kong durch Freiwilligenarbeit bei der Landschaftsbearbeitung und –pflege sowie durch Sponsoren finanziell unterstützt.
Trotz Medienaufmerksamkeit und vielen positiven Rückmeldungen ist der Weg zum Ziel nicht ganz hürdenlos. Das ehemalige Landwirtschaftsland ist aufgrund des jahrelangen Brachliegens stark bewachsen und verwildert. Die Rodung der Flächen gestaltet sich daher als schwierig. Die schlechte Erreichbarkeit stellt ein weiteres Problem des Dorfes dar. Der gewünschte Fährhafen, der zu einer Verknüpfung mit Ma Liu Shui führen würde, wird von Umweltschützern momentan noch verhindert.
Der Anlegesteg soll ein massives Betonbauwerk werden, das eine Bedrohung für das Ökosystem darstellen würde; da er durch den flachen Küstenverlauf lang und weit ins Meer laufen müsste.
Weiter sind fehlende Lizenzen und übermässige Bürokratie verzögernde Faktoren auf dem Weg zu einem Touristenmagneten. David Tsang, der viele Jahre für die Deutsche Bahn gearbeitet hat, vermisst in solchen Momenten den deutschen Pragmatismus. Dennoch kann er auch die Sicht der Umweltschützer nachvollziehen. So steht es doch in beiderseitigem Interesse, die vielseitige Flora und Fauna vom Plover Cove Country Park sowie die Geschichte und Traditionen des Lai Chi Wo-Dorfes einem breiteren Publikum näherzubringen.
Momentan ist eine Wanderung noch der einzige Weg, die Spuren des Lai Chi Wo-Dorfes zu erkunden. Doch die überwältigende Anzahl und Vielfalt an Pflanzen, Vögeln und Reptilien sowie das beeindruckende Lai Chi Wo-Dorf sind die Mühen wert. Noch lange wird man sich beim Spaziergang durch die Häuserschluchten Hong Kongs an die Ruhe und die gute Luft im Plover Cove Country Park erinnern.
Nicht zuletzt fühlen wir uns deshalb in Hong Kong so wohl, weil wir hier den perfekten Mix aus Großstadt-Dschungel und Urwald erleben dürfen.

Isabelle Staub

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