Jobsuche in Hong Kong – Ein Leidensbericht

Vor einiger Zeit ging meine elektrische Zahnbürste kaputt. Sie war noch fast neu.
Keine Reparatur, kein Umtausch. Der Verk
äufer schaute die Bürste und mich verständnislos an. „Cannot“, murmelte er schlecht gelaunt. Unsachgemäßer Gebrauch, irgendwas mit Wasserschaden. Ich war verärgert und fühlte mich entthront. Der Kunde ist König, bravo. Genau dieses Gefühl respektloser Behandlung erlebte ich bei meiner letzten Jobsuche.  

Fast ein Jahr lang habe ich alles versucht, mich möglichst gewinnbringend zu verkaufen: Ich bin auf die modernsten Arbeitssuchmaschinen hereingefallen, habe wochenlang den Lebenslauf optimiert, die Anschreiben individualisiert und das getan, was einem die unendlichen Lebenshilfevideos auf YouTube so alles empfehlen.

Die Erniedrigung beginnt auf den Jobportalen der Firmen. Mit Herzblut gefüllte Lebensläufe müssen mühsam in vorgefertigte Masken kopiert werden. An schlechten Tagen stürzt auch gerne das System mal ab, oder der „Senden“-Knopf funktioniert nicht und die ganze Tipperei war umsonst. „Wir wollen dich nicht!“, schreit es einem entgegen, man ignoriert es – macht weiter. Bewirbt sich auf Jobs, deren Namen man nicht aussprechen kann, und wundert sich über die kreative Vielfalt an Abkürzungen und Arbeitsinhalten, von denen man keine Ahnung hat. Wer solche Leute sucht, scheint ein größeres Problem zu haben. Und schon die seltene Eingangsbestätigung der Bewerbung in der Inbox macht für wenige Augenblicke glücklich. Die Hoffnung lebt.

Eines Morgens war sie dann da. Die erste, von Menschenhand gezauberte Antwort auf eine Bewerbung, die ich schon fast wieder vergessen hatte: „Please repy with your salary expetation“. Wow. Sechs Wochen warten, für sechs liebevoll getippte Worte, mit immerhin nur halb so vielen Schreibfehlern. Ich bin ratlos. Was will ich verdienen? Was bin ich wert? Ich zögere, wäge ab, rechne die Miete hoch und gebe einen Wert ein. Minus 10%. Schließlich ist Geld ja nicht alles und vielleicht erhöht das die Chancen. Wieder wochenlange Stille. Dann die erste Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Kurze Feier, dann die Vorbereitung: Informationen sammeln, Fragen formulieren, Interesse zeigen. Schon nach wenigen Fragen weicht die Motivation einem Fragezeichen: „Sprechen Sie Mandarin?“ What? Natürlich spreche ich KEIN Mandarin, sonst hätte ich es in goldenen Wasserfarben auf den Lebenslauf gepinselt!

Jobsuche ist frustrierend. Besonders in Hong Kong. Die Konkurrenz ist groß – ein Vorteil den Firmen gerne ausnutzen. Für gewisse Branchen ist man erst interessant, wenn man zwei asiatische Sprachen fließend spricht und in der dritten wenigstens kochen kann – es sei denn, man kann mit bestehenden Businesskontakten punkten (ein eher seltener Umstand, wenn man aus Europa kommt). Ein Karrierewechsel in eine neue Branche ist doppelt schwierig. Eine verbrachte Auszeit stößt auf Unverständnis. Getrimmt auf maximale Produktivität, fehlt die Geduld für längere Einarbeitungszeiten. Dann die Sache mit dem Arbeitsvisum. Wohl dem, der eines besitzt. Nicht, dass es kompliziert wäre, eines zu bekommen, aber nur wenige Arbeitgeber wollen sich dem bürokratischen Aufwand aussetzen: „Tut uns leid, wir brauchen sehr dringend jemanden.“ Auch die Vermittlungsindustrie ist selten hilfreich und erinnert mehr an Partnervermittlungen. Der gemeine Rekruiter wartet lieber auf den richtigen Kandidaten, anstatt ihm aktiv bei der Suche zu helfen. Ironischerweise werden viele zum Personalvermittler, nachdem sie selbst vergeblich auf Jobsuche waren.

Trotz des Frusts war die Jobsuche aufschlussreich. Wie Firmen sich ihren Kunden gegenüber verhalten, steht oft im Einklang mit ihrer „Personalbeschaffung“. Dabei wäre es so einfach anders zu sein, dazu noch wirkungsvoller als jede PR-Kampagne. Besser noch: Man würde potenzielle neue Mitarbeiter nicht schon bei der Bewerbung demoralisieren. Am meisten aber habe ich über mich gelernt. Sich seiner Stärken und Schwächen bewusst zu werden, ist ein schmerzhafter und auch reinigender Prozess. Den Mut und das Selbstbewusstsein nicht zu verlieren, ein ganz anderer. Durchhaltewillen und Ausdauer bekommt man gratis dazu. Arbeiten in China ist nicht einfach, umso besser, wenn man sich an diesen Umstand schon vor seinem ersten Arbeitstag gewöhnt.

Ich habe dann doch noch einen Job gefunden. Nicht durch Jobbörse, Jobvermittler oder Stellenausschreibung – sondern über unschätzbare Kontakte, die ich im Laufe meines Berufslebens aufgebaut habe. Manchmal ist manuell eben besser. Auch meine Zähne putze ich wieder ohne Strom. Und wenn die Bürste kaputt ist, kaufe ich einfach eine neue – unabhängig von der Stimmung des Verkäufers. Denn ich habe eine Idee, warum seine Motivation im Keller ist. 

Daniel Eckmann

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