In Hong Kong hat die Kunst ihre Zukunft noch vor sich

Dass Hong Kong die Stadt des Geldes ist, ist bekannt. Hier befinden sich die Headquarters großer Konzerne und Banken, von hier aus werden die Geschäfte für ganz Asien gemacht. Doch Hong Kong als Kunst-Hub? Wohl kaum – oder etwa doch? Bis vor wenigen Jahren war die Millionenmetropole künstlerisch eher unterbelichtet. Das aber hat sich geändert, und so lohnt es sich, die Szene unter die Lupe zu nehmen.

Zum Beispiel die Galerien. Von denen gibt es inzwischen jede Menge. Allerdings wird sie der Kunstinteressierte suchen müssen. Sie liegen eher verstreut im ganzen Stadtgebiet, in Central natürlich, aber auch in Kowloon, Aberdeen oder Chai Wan. Aber immerhin, es gibt sie, auch so namhafte wie Gagosian, White Cube und Perrotin. Einen umfassenden Überblick über die Galerien der Stadt bietet das Time Out-Magazin oder die Hong Kong Art Gallery Association.

Wie in anderen Großstädten wurden auch in Hong Kong ganze Gebäude, die zuvor anderen Zwecken dienten, zu künstlerischen Domizilen umgebaut. So beherbergt das ehemalige Schlachthaus in Kowloon unter dem Titel „Cattle Depot Artist Village“ Kunststudios, Galerien und Theatergruppen. Eine Mischung aus Veranstaltungsort und kleinen, individuellen (Design-)Lädchen bietet das PMQ an der Hollywood Road, ein ehemaliges Quartier für junge verheiratete Polizeioffiziere (Police Married Quarters). Im ehemaligen Munitionslager, das die britische Armee Mitte des 19. Jahrhunderts in Hong Kong gebaut hat, befindet sich die Asia Society, ein Ableger der in den 1950er Jahren in den USA von John D. Rockefeller gegründeten Asia Society, die sich als Bildungsinstitution versteht. Vorträge, Ausstellungen und Workshops prägen das Programm. Überhaupt gibt es in der Stadt eine Reihe von unter Denkmalschutz stehenden Gebäuden, die besichtigt werden können. Insgesamt sind es zurzeit 111, zu finden unter Hong Kong Heritage.

Eine besondere Form der Kunstpräsentation findet zwei Mal im Jahr, im Frühjahr und Herbst, im Conrad Hotel statt. Künstler aus aller Welt stellen über mehrere Etagen in den Hotelzimmern, auf den Betten und Toiletten, ihre Werke aus. Potenzielle Kunden können auf diese Weise mit den Künstlern in Kontakt kommen und dann die Bilder oder Skulpturen auch gleich kaufen. Asia Contemporary Art Show nennt sich das Ganze.

Einmal im Jahr wird die Stadt Nabel der Kunstwelt, wenn die Art Basel in Hong Kong einzieht. Es dürfte nicht zuletzt der ersten Art Basel 2013 zu verdanken sein, dass sich die künstlerische Szene seitdem so erfolgreich in der Millionenmetropole etabliert hat.

Übertroffen werden dürfte das Geschehen nur noch vom M+, einem Kunstmuseum, das (voraussichtlich) 2019 seine Pforten in West Kowloon öffnet; es gilt als erstes Museum Asiens, das es mit der Tate Modern in London aufnehmen kann. Ebenfalls gegenüber von Hong Kong Island, am Victoria Harbour, entsteht der „West Kowloon Cultural District“, ein ganzer Stadtteil, den die Stadt der Kunst und Kultur im öffentlichen Raum widmen will. Teile wie die Waterfront Promenade sind schon jetzt zugänglich. Umgebaut wird auch auf der Avenue of Stars und in den Museen dahinter, die nun länger – zum Teil bis 2019 – geschlossen bleiben.

Dass Kunst provoziert, ließ sich ebenfalls zuletzt in der Stadt beobachten, als der britische Bildhauer Sir Antony Gormley 27 lebensgroße Skulpturen, männlich und nackt, auf den Dächern der Stadt montieren ließ. Eigentlich war der Beginn der Art Installation schon im Frühjahr geplant, doch dann wurde das Projekt verschoben, weil sich ein junger Investmentbanker vom Dach der Bank JP Morgan gestürzt hatte. Der Sponsor der Ausstellung, Hongkong Land, dem das Bürogebäude gehört, zog sich daraufhin zurück, und es dauerte, bis neue Geldgeber gefunden waren. Die global tätige Organisation zur Verhinderung von Selbstmorden, die International Association for Suicide Prevention, warnte, die mehrmonatige Schau könne Selbstmorde auslösen und zusätzliches Leid bei Angehörigen, die einen Menschen durch Selbstmord verloren haben, verursachen. Jedes Jahr springen in Hong Kong 400 Menschen von Dächern und aus Apartmentfenstern in den Tod. Die Kunstshow startete trotzdem – und Sir Gormley erklärte, er wolle bewusst provozieren, und die Menschen sollten mal auf etwas anderes blicken als auf ihre Handys.

sba

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