Ikara Flinders Ranges National Park

Ich liebe Australien. Es ist diese scheinbar unendliche Weite der offenen Buschlandschaft mit der charakteristischen roten Erde, dem typischen Quietschen eines trägen Windrades und einem rostigen Oldtimer mitten im Nirgendwo, der Down Under zu einer sehnsuchtsvollen Filmkulisse eines Roadmovies werden lässt. Immer findet man direkt am Wegesrand seltsame Tiere und trifft auf liebenswert schrullige Bewohner mit breitkrempigen Hüten, die das Leben mit einer schon fast unverschämten Gelassenheit zu nehmen wissen, die uns zivilisationsmüde Europäer neidisch macht.

Der Ikara Flinders Ranges National Park, etwa 400 km nördlich von Adelaide, im zentralen Teil von Südaustralien, wird von vielen Australien-Kennern aufgrund seiner einzigartigen Landschaft, reichen Kultur und wunderbaren Wandermöglichkeiten als eine der schönsten Regionen des fünften Kontinents bezeichnet. Davon wollte ich mich persönlich überzeugen.

Wir starten am frühen Morgen in Adelaide und arbeiten uns aus der verkehrsreichen Großstadt langsam Richtung des dünner besiedelten Nordens vor. Die gut ausgebaute Straße windet sich vorbei an weiten Weizenfeldern und unter der lang anhaltenden Dürre leidenden Schafsfarmen ins Clare Valley. Auf den sanft geschwungenen Hügeln dominieren Rebstöcke und Eukalyptusbäume die hübsche Landschaft und wir passieren zahlreiche Winzereien. Australien hat sich in erstaunlich kurzer Zeit mit seiner recht jungen Winzertradition einen weltweiten Namen für gute Weine machen können.

Schnell lassen wir das entspannte Tal hinter uns und die Landschaft wird zunehmend flacher und weiter. Wir passieren schier endlose goldene Felder und bedauern zottelige Schafe, die sich um halb leere Wasserlöcher und unter den wenigen schattenspendenden Bäumen gruppieren. Der Asphalt der Straße flimmert vor Hitze und gelegentlich baut sich in der Ferne für nur wenige Sekunden ein Willy-Willy auf – ein bis zu hundert Meter hoher Staubtornado, der schnell wieder in sich zerfällt. Die wenigen uns entgegenkommenden Autofahrer, die uns Outback-Reisende im traditionellen Geiste vereint, grüßen flüchtig.

Mich faszinieren die pittoresken, aber nahezu ausgestorbenen Ortschaften mit Namen wie Melrose, Hawker oder Quorn, mit seinem winzigen Museum der Pichi Richi Railway. In kleinen Läden, Cafés oder Pubs auf der Strecke legen wir eine willkommene Pause von der schweißtreibenden Fahrt ein und stocken unseren Proviant mit lokalen Spezialitäten auf wie hausgemachte Eiscreme, deftigen Pies oder leckeren Muffins. Dazwischen findet man immer Zeit für ein kleines Schwätzchen mit den freundlichen, humorvollen, aber immer entspannten Einheimischen.

Einem Freilichtmuseum gleich liegen viele verlassene Häuser oder eingestürzte Höfe malerisch entlang der Straße und laden zu kurzen Entdeckungsgängen ein. Diese Ruinen der frühen europäischen Besiedlung erinnern einen daran, dass das Outback für die Einheimischen eben keine romantische Kulisse bildet und viele Siedler bewogen hat, der Dürre und dem entbehrungsreichen Leben im Busch für immer den Rücken zu kehren und ihr Glück anderswo zu suchen.

Wir durchqueren zahlreiche ausgetrocknete Flüsschen, an deren Ufern alte, knorrige Eukalyptusbäume ein einsames Dasein fristen. Schilder weisen auf kaum vorstellbare Überflutungsgefahren hin, denn nach den seltenen, dann aber sintflutartigen Regenfällen verwandeln sich diese ausgedörrten, hartgebackenen Flussbette in reißende Ströme. Der Wegesrand ist gesäumt von den Kadavern überfahrener Kängurus in unterschiedlichen Verwesungsgraden – was für ein trauriger Anblick!

Die Gegend wird zunehmend hügliger und bald tauchen am Horizont die Ausläufer der nördlichen Flinders auf. Bei dem Ikara Flinders Ranges National Park handelt es sich um den größten Gebirgszug des roten Kontinents, der sich über 430 Kilometer von Port Pirie im Süden bis hin zum Lake Callabonna und zum Mount Hopeless im Norden erstreckt. Der Nationalpark ist geprägt durch gewaltige Bergketten, steile Schluchten aus rotem Gestein und im Frühjahr von bunten Wildblumen. Er ist ein wahres Paradies für Wanderer, Camper und Outdoor-Freunde. Bevor man das eindrucksvolle Naturschutzgebiet jedoch befährt, passiert man nach 35 Kilometern die Rawsley Park Station, welche am Fuße des Wilpena Pounds, dem Zentrum des Parks, liegt.

1839 betrat Edward Eyre als erster Europäer diese Region, doch es dauerte noch über einhundert Jahre, bis das rund 950 km² große Gebiet im Jahre 1945 zum Nationalpark erklärt wurde, um neugierige Reisende anzulocken und die Region auch wirtschaftlich aufzuwerten.

Supermärkte oder Banken existieren hier bis heute nicht, nur am Wilpena Pound Resort gibt es eine Tankstelle, in der auch ein paar Snacks angeboten werden.

Hauptsehenswürdigkeit und Wahrzeichen des Parks ist das Wilpena Pound – eine riesige, etwa acht mal siebzehn Kilometer große und mehrere hundert Meter hohe, einem Amphitheater ähnelnde, nahezu elliptische Gebirgsformation aus rotem Fels. Wanderausflüge lohnen sich hier zum Old Homestead, zum Wangara Lookout oder zum fast 1.200 Meter hohen St. Mary’s Peak, dem höchsten Gipfel im Park. Der Weg zum Peak ist zwar etwas anstrengender, wird allerdings mit einer fantastischen Aussicht belohnt.

Innerhalb des Rings befindet sich lockerer Eukalyptuswald. Alles hier wirkt weitaus grüner als außerhalb des Gebiets, was der geringfügig höheren Niederschlagsmenge und einem günstigen Mikroklima zu verdanken ist. Die Sicht auf die steilaufragenden Klippen und auf die urwüchsige Landschaft innerhalb des Pounds ist wirklich wunderbar und lässt sich am besten während einer mehrstündigen Wanderung zu diversen Aussichtspunkten erschließen. Die Wanderwege sind gut markiert, aber die Hitze ist enorm. Das Thermometer steigt auf deutlich über 40 Grad und wenn ein Wind geht, fühlt man sich wie im Umluftbackofen. Ständiges Trinken ist Pflicht, doch da die Luft so knochentrocken ist, scheint jeglicher Schweiß sofort zu verdunsten.

Eine weitere, empfehlenswerte Wanderung ist der Wilkawillina Gorge Hike, der mit gut sechs Stunden über elf Kilometer durch die Schlucht zum Lebensraum vieler einheimischer Gelbfuß-Felskängurus führt. Zudem kann man hier Wallabies beobachten, die an der permanenten Wasserquelle trinken. Nicht zu vergessen ist die Brachina-Schlucht, eine der beliebtesten und spektakulärsten Touristenattraktionen im Park.

Meine ausgesprochenen Lieblingstiere der Flinders sind die gut getarnten Blauzungen-Skinks, die man auf Wanderungen regelmäßig zu Gesicht bekommt, wenn man den Untergrund aufmerksam mustert. Aufgrund ihrer gedrungenen Form und schuppenartigen Haut werden die etwa dreißig Zentimeter langen Reptilien im Volksmund „Tannenzapfen“ genannt. Die schwarz-braunen Pflanzenfresser sind völlig harmlos, reagieren eher träge und lassen sich auch vorsichtig in die Hand nehmen. Sollten sie Gefahr wittern, reißen sie ihr Maul weit auf, strecken ihre dunkelblaue Zunge heraus und fauchen, um potenzielle Angreifer in die Flucht zu schlagen.

Wir machen einen kurzen Abstecher nach Blinman, einer kleinen Gemeinde, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, 50 km nördlich von Wilpena, wegen des blühenden Kupferbergbaus errichtet wurde. Wir besuchen die stillgelegte Mine und spüren den nostalgischen Hauch der wechselhaften Geschichte, deren Blütezeit längst vorbei ist.

Besonders genießen wir in den Flinders jedoch die sogenannten „Scenic Drives“. Auf den unbefestigten, holprigen Staubstraßen sind Fahrzeuge mit Allradantrieb mehr als nur sinnvoll. Der Moralana Scenic Drive zum Beispiel führt vor der Kulisse der hunderte Meter steil aufragenden Außenwände des Wilpena Pounds durch eine sanfte Hügellandschaft, die mit goldgelben Gräsern, Eukalyptusgebüschen und mächtigen Red River Gumtrees bewachsen ist. Neben der spektakulären Landschaft, die, von uns abgesehen, menschenleer scheint, sind wir überwältigt von der Vielzahl an Tieren, von denen es trotz der auf den ersten Blick lebensfeindlichen Umwelt hier am frühen Abend nur so wimmelt: Wir sehen unzählige Kängurus, bunte Papageien, große Greifvögel und Emus, die seelenruhig auf der Straße vor uns her spazieren und uns misstrauisch beäugen. Wir fühlen uns wie auf einer Safari und kommen gar nicht mehr aus dem Staunen heraus.

Die zweite, ebenfalls wunderbare Strecke, windet sich kurvenreich teils durch die Brachina Gorge und ausgetrocknete Flussbette, teils über Bergkämme und wettergezeichnete Hügel durch eine mit niedrigen Büschen und verkrüppelten Bäumen spärlich bewachsene Landschaft in Richtung Osten. Hier ist es weitaus trockener und unwirtlicher als auf dem Moralana Scenic Drive, dafür hat man wirklich grandiose Aussichten. Und auch hier sind wir vollkommen alleine unterwegs. Die rotbraunen Berge sind extrem stark zerklüftet, allerorts zeugen Erdrutsche und Trümmerhaufen von der weiter fortschreitenden Erosion des Gebirges. Bei den Flinders handelt es sich ja um eines der ältesten Gebirge der Erde, das einst wohl so hoch wie der Himalaja aufragte, doch im Laufe der Jahrmillionen durch Umwelteinflüsse massiv abgeschliffen wurde.

Natürlich will ich auch ein Gespür für das kulturelle Erbe der Aborigines bekommen. Im Gebiet des jetziges Parks lebten schon viele tausend Jahre zuvor die Adnyamathanha Aborigines, wohingegen die Ureinwohner der Stämme Kuyani, Wailpi, Yadliaura, Pilatapa und Pangkala die traditionellen Besitzer des Gebiets sind.

Die Adnyamathanha sind die traditionellen Hüter des Ikara Flinders Ranges National Park, ihre mythologische Verbindung mit dieser Landschaft erstreckt sich über viele tausende von Jahre zurück. Überall im Park sind hierzu alte Felsmalereien zu finden. Der Arkaroo Rock Hike führt uns zu einem der wichtigsten Aborigine-Kunstwerke. Auf dem steinigen, etwa zweistündigen Rundwanderweg können wir bei bestem Morgenlicht die vielen kunstvollen Felsmalereien der Adnyamathanha bewundern, die die ikonografische Schöpfungsgeschichte des Wilpena Pound erzählen.

Der Sacred Canyon liegt etwa 19 km von Wilpena entfernt. Es ist eine kleine Schlucht, wo wir nach einem kurzen Spaziergang entlang eines Baches, alte Aborigine-Felsgravuren finden. Der Höhepunkt der Reise war jedoch der Besuch in der überwältigenden Chambers Gorge. Wir sitzen auf erwärmten Felsen im warmen Licht der untergehenden Sonne, betrachten ehrfürchtig die verwitterten gelb-roten Zeichnungen von Menschen auf der Jagd, und abstrakten Symbolen von Tod und Wiedergeburt und lauschen der Stille. Wir tauchen ein in die mythenreiche Welt der Aborigines, begeben uns gedanklich auf einen ihrer legendären Traumpfade, stellen uns inmitten der Natur eine Begegnung mit der Regenbogenschlange als Schöpferwesen vor und fühlen uns der alten Kultur der Ureinwohner so nahe wie es nur sein kann.

Das ist ursprüngliches Australien mit einer intensiven Spiritualität, wie ich sie mir in meiner Fantasie vorgestellt habe. Mögen die Menschen ihre Wertschätzung unter Beweis stellen und die Weisheit haben, sich den kulturellen Schatz dieser heiligen Kultstätten der Aborigines auf ewig zu bewahren.

Christian Rommel, ROX Asia, Hong Kong

Leave a comment