Hundsgemein: Das Herz Chinas aus einem anderen Blickwinkel

Eine nostalgische Reise in die Vergangenheit Chinas avancierte zu einem ebenso faszinierend-begeisterndem wie drastisch-erschreckendem Gegenwartstrip.

Fernab von Öffnungspolitik, Touristenmassen und westlicher Kulturassimilation wollten wir im Herzen Chinas, in der strukturschwachen Provinz Hunan, dem ursprünglichen, traditionellen und authentischen Alltagsleben der Chinesen nachspüren. Doch woher rührt diese Sehnsucht nach hautnaher Begegnung mit einem romantisch verklärten China längst vergangener Tage?

Vermutlich in meiner seit 25 Jahren andauernden Hassliebe, die mich mit dem Reich der Mitte verbindet. Ich betreibe meinen langen Marsch durch die Volksrepublik bereits seit dem Jahr 1989, als ich Überland von Deutschland nach Ost-Asien kommend über den Karakorum-Highway aus Pakistan einreisend, erstmals chinesischen Boden betrat. Seitdem habe ich das Land aus der Sicht des Individualtouristen, des Expeditions-Organisators, des Studenten, des Fachjournalisten, des Handelspartners, des technischen Leiters eines sino-deutschen Joint Ventures, des selbstständigen Marketing-Consultants und des Firmengründers intensiv kennengelernt.

Dabei habe ich meine ausgeprägte Langnase tiefer in die Privatangelegenheiten von Land und Leuten, von Kunst und Kultur gesteckt als mir oftmals lieb war und neben dem unglaublichen Facettenreichtum genauso viel Sonnen- wie Schattenseiten im neuen Land der unbegrenzten Möglichkeiten erfahren dürfen. Als winziger Teil des nimmer endenden Spiels um die vom Westen mit Argusaugen beobachtete Entwicklung von Chinas reicher Kultur, boomender Wirtschaft, gravierender Gesellschaftsveränderung und ambivalenter Politik die phänomenale Entwicklung des Riesenreiches von einem rückständigen Dritte-Welt-Land zu einem der dominierenden Global Player vor Ort beiwohnen zu können, empfinde ich bis heute als großes Privileg.

Als wichtige Balance zu meinem zwar selbst gewählten, aber dennoch herausfordernden Arbeitsalltag zwischen grau gefliesten, gesichtslosen Fabriken in Guangdong und dem ständigen zähen Kampf um Qualitätsvorgaben, unrealistischen Terminversprechen und gewieft verklausulierten Zahlungskonditionen schlitzohriger Zulieferer irgendwo im Nirgendwo zwischen Ningbo und Xiamen suche ich in meiner Freizeit „das andere China“.

Jetzt also Hunan, genau genommen Changsha, die Sieben-Millionen-Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz, die von dem sagenhaften wirtschaftlichen Aufschwung der florierenden Ostküste relativ wenig profitiert hat. In Ermangelung kulturhistorisch bedeutsamer Stätten oder sonstiger Sehenswürdigkeiten – mit Ausnahme des größten chinesischen Restaurants der Welt, dem Xihulou – zieht es nur sehr selten ausländische Touristen in diese Metropole am Ufer des Xiang Jiang, eines großen Nebenflusses des Yangtse. Nur Mainland-Chinesen fallen zu Scharen ein, um eine Kultstätte zu besuchen, die etwa 100 km südwestlich von Changsha entfernt liegt und als nationalpolitisch wichtiger Platz für überzeugte Kommunisten gilt. Denn hier, in dem kleinen Dorf Shaoshan, wurde am 26. Dezember 1893 der große Vorsitzende Mao Zedong geboren.

Insofern erschien meinem Freund Martin und mir Changsha als perfekter Ort, um uns nicht dem Abklappern von jahrhundertalten Tempeln zu widmen, sondern einfach nur unseren neugierigen Augen und sensiblen Nasen folgend, die chaotisch verstopften Nebengassen, spektakulär-banalen Wohnviertel und überbordenden Märkte zu erkunden – auf der Suche nach dem ganz normalen, ungeschminkten China-Alltag. Wir ließen uns einfach treiben und erforschten stundenlang die hinterletzten Ecken dieser für andere Menschen scheinbar so unattraktiven Stadt.

Wie so oft findet man dabei Dinge, die man gar nicht gesucht hat. Und wir wurden fündig. Das Alleinstellungsmerkmal von Changsha hängt, für uns unbegreiflich, in der Luft. Zum Trocknen werden alle erdenklichen Kreaturenteile quer über die Straße auf alten Wäscheleinen und dreckigen Stromkabeln, an rostigen Drähten unter staubigen Klimaanlagen, an bröckelnden Laternenpfählen und verbeulten Hochspannungsmasten, an verbogenen Kleiderbügeln unter topfblumenbesetzten Fensterbänken oder auch an improvisierten Holzgerüsten als kohlenmonoxidgeräucherte Fleischstücke direkt am Straßenrand aufgereiht und präsentiert.

Diese unglaubliche Vielfalt und schiere Menge über unseren Köpfen thronender Tierexemplare zwecks Trocknung hatten wir nie zuvor auch nur ansatzweise sehen können. Es herrschte kein Mangel an Kreativität, noch irgendwo ein kleines Plätzchen zu finden, wo nicht doch noch einzelne Schinkenstücke, Schweinerippchen, Entenbrüste, Fischhälften oder komplette Ziegen aufgehängt werden konnten. Diese skurril-morbide öffentliche Zurschaustellung animalischer Spezies hatte etwas unwirklich-abstraktes an sich. Urban Art auf spezielle Weise, ohne dass diese Präsentationsform den Einheimischen überhaupt als Besonderheit bewusst ist – ganz im Gegenteil. Extrem wurde es jedoch, als sich ausgenommene Schildkrötenpanzer zu den vielen abgezogenen Hunden als lokale Delikatesse gesellten, deren erbarmungswürdige Anblicke gerade für uns tierliebende Deutsche ziemlich krass, um nicht zu sagen abstoßend war. Aber wir suchten schließlich auch nach Hardcore-Impressionen, selbst wenn diese bisweilen schwer erträglich und deutlich grenzwertig waren.

Und doch muss man sich fragen, ob die westliche Einstellung gegenüber Tierhaltung und –schlachtung, gleich welcher Gattung, das moralische Maß ist, an dem sich China messen lassen muss. Welcher Absolutheitsanspruch und welche Arroganz steckt bei Westlern im Fernen Osten bisweilen dahinter, nur weil Chinesen ein anderes sittliches Empfinden im Umgang mit Tieren haben, von ihren obskuren <span „>Ernährungsgewohnheiten ganz zu schweigen.
Diese selbstkritische Position bedeutet natürlich nicht, dass ich die ständigen Verstöße Chinas gegen das Washingtoner Artenschutzgesetz gutheiße, nur weil ein Vertreter der Oberschicht gerne Schuppentiersuppe und Bärenfleisch essen möchte und sich zum Abschluss noch ein wenig geraspelte Tigerkralle als mehr als zweifelhaftes Aphrodisiakum gönnen will.

Nichtsdestotrotz sollten wir gerade beim Anblick solch ambivalenter Motive und unverständlicher Handlungsweisen unser kulturelles Selbstverständnis überdenken und mehr Toleranz üben, wenn es um die vorschnelle Bewertung anderer Sitten und Gebräuche geht, so sehr die manchmal ekelerregende Konfrontation mit einer Hunde-Häutung unserem Ästhetikempfinden und unseren betonierten Vorstellungen kultivierten Verhaltens auch widersprechen möge. Die Unterscheidung zwischen richtig und falsch ist meist nur eine Frage des Standpunktes und der Perspektive. Gerade hier offenbart sich China als ein faszinierendes Land mit unwahrscheinlich breit gefächertem Spektrum an unterschiedlichen Lebensformen, Strategien und Möglichkeiten.

In 25 Jahren präsentierte es sich mir als ein fast vorbildliches Land mit flexibel gestaltbarer und aktiv gelebter „Sowohl-als-auch“-Philosophie anstatt dem Dogma einer schwarz-weiß-malerischen „Entweder-oder“-Attitüde zu folgen, die eher einer typisch deutschen Mentalität zuzuordnen wäre.

Doch zurück zu dem Bild totenstarrender Tieraugen von Brückengeländern, Ladenschildern und Gartenzäunen. All diese skurril-bizarren Bilder von Trockenfleisch, die fast wie Inszenierungen postmoderner Kunstwerke vor glänzenden Fassaden und dunklen Hinterhöfen provozieren, finden statt in einer denkwürdigen Umgebung städtebaulicher Maßnahmen und sind trauriges Ergebnis von Zwangsräumung und Flächensanierung. Im Vordergrund türmen sich Wohlstandsmüllberge als Zeugen einer ernüchternden Realität des Fortschritts und des wachsenden Lebensstandards der Chinesen. Dahinter liegen teils baufällige, aber bewohnte oder bereits im Abriss befindliche wehmütige Backsteingebäude aus den 30er Jahren, wobei die aktuelle Wohnsituation der Bewohner manchmal nicht erkennbar ist. Und in dritter Linie, teilweise nur wenige Meter voneinander entfernt, wachsen in unglaublichem Tempo immer neue, anonym-sterile Glas- und Betonburgen in den smogverseuchten Himmel, die in kürzester Zeit mit billigsten Mitteln erbaut und kaum fertiggestellt, bereits erste Verfallserscheinungen aufzeigen. Diese Pseudo-Spekulationsobjekte stehen großteilig leer, weil sie bei den Einheimischen, die für die Erbauung aus ihren gewachsenen Sozialstrukturen herausgerissenen wurden, sehr unbeliebt sind. Sie gleichen eher einer urbanen Katastrophe als der plakativen Vision einer schönen neuen Welt, wie sie in riesigen bunten Werbetafeln voller fröhlicher Menschen in begrünten Wohnvierteln verheißen wird.

Der vermeintliche Silberstreif am Horizont manifestiert sich in Changsha eher als eine flackernde Kerze am Ende des Fortschritt-Tunnels. Und mitten drin wir beiden offensichtlich fehlplatzierten und zunehmend desillusionierten Europäer, die diesem abenteuerlichen Untergangsszenario immer weniger an Originalität und Begeisterung abgewinnen konnten, sondern nur noch Bedauern empfanden für die offensichtlich traurigen Menschen, für die sich der Traum eines besseren Lebens in China kaum zu erfüllen scheint. Insofern ist Changsha eine Reise wert für jeden, der ein echtes Gefühl für die harte Realität in Chinas Mitte, jenseits der faszinierenden, von der UNESCO geschützten Weltkulturerbestätten, erleben möchte. Es war ein lohnender, nachdenklich machender Besuch, der uns die Grenzen der verklärten Vergangenheit aufzeigte, die Gegenwart in all seiner Widersprüchlichkeit präsentierte und einen Blick in eine ungewisse Zukunft Chinas offenbarte.

Anreise
Mit dem Hochgeschwindigkeitszug ab Shenzhen in 3,5 Stunden.

REISEN AM LIMIT: Christian Rommel, ROX Asia, Hong Kong

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