Hong Kong – Rennradtauglich

Die Straße ist kurvig, die Stimmung mystisch. Es ist eine der wenigen flachen Abschnitte auf HK Island, bevor es bergab nach Shek O geht. Die Sonne strahlt am Horizont und nichts erinnert mehr an den dunklen, einschüchternden Start am frühen Morgen. Es ist ein perfekter Tag für eine Ausfahrt an den Strand. Ich bin alleine am Shek O Beach. Fast. Ein paar Hunde tollen im Sand, was mein Bad im Meer nicht stört. 

Rennradfahren in HK? Unmöglich. Unpassend. Gefährlich. Das sagen alle. So dachte auch ich noch vor einigen Monaten. Mittlerweile kann ich nicht mehr ohne. Ist es doch die perfekte Möglichkeit, für einige Stunden dem Trubel der Großstadt zu entfliehen – sogar alleine im Meer baden zu gehen! Und HK hat mehr zu bieten, als eine Fahrt an den Strand. Steile Anstiege zu entlegenen Ecken auf Lantau, wunderschöne Loops in den Country Parks der New Territories, eine asphaltierte Straße bis auf den Gipfel des mit 957 Metern höchsten Punktes in HK, dem Tai Mo Shan. Aus welcher Großstadt kann man schon einen Anstieg starten, der keinen Vergleich zu einem ausgewachsenen Alpenpass scheuen muss? In welcher Großstadt kann man schon legendäre Strecken wie „The Beast“, „The Wall“ oder „Peel Rise“ erfahren, was selbst gestandenen Radfahrern schon beim Klang der Worte den Schweiß aus den Poren treibt. Mit dem Zweirad hat man die Möglichkeit, HK so richtig zu entdecken, erarbeiten und auszukosten.

Rennradfahren in HK muss man sich verdienen, weder die Stadt noch der starke Verkehr machen es einem einfach. Es gibt wenige Orte auf der Welt, an dem Autos und Radfahrer miteinander klarkommen. HK ist da keine Ausnahme und die Regierung hat auch nicht wirklich Interesse daran, dies zu ändern. Immer wieder hört man, dass Radfahrer ohne Klingel zur Kasse gebeten werden, während halsbrecherische Auto- und Busfahrer ungestraft davon kommen. Sich plötzlich öffnende Autotüren, Fußgänger, die achtlos über die Straße laufen, während sie ihr Smartphone streicheln – Aufmerksamkeit lohnt sich. Genauso wie frühes Aufstehen. Kann man doch die schmalen Straßen frühmorgens noch unbeschwert genießen, bevor es, vor allem während der Rushhour, sehr turbulent zugeht. Schon vor Sonnenaufgang begegnet man nicht selten Dutzenden Radfahrern, die den Taxis und Doppeldeckerbussen, aber auch den warmen Temperaturen im langen Sommer entfliehen.

HK ist Synonym für Business und Shopping. Trotz der zweiradunfreundlichen Infrastruktur haben sich zahlreiche Shops auf die zunehmende Zahl der Radfahrer eingestellt und bieten eine erstaunliche Auswahl an Fahrrädern und Zubehör in allen Preiskategorien an. Alle weltweiten Topmarken sind hier erhältlich und oft staunt man, dass die hochpreisigen Angebote ihre Abnehmer finden. Die Straßenqualität in HK ist zwar grundsätzlich gut, trotzdem braucht es manchmal Geschick, den Schlaglöchern auszuweichen. Auch die ausgesprochen hügelige Topografie bietet sich nicht unbedingt für Triathlon-Rennmaschinen an. Man braucht nicht viel Fantasie, um zu erkennen, dass Scheibenräder und Windböen nie Freunde werden. Gute Reifen und Bremsen lohnen sich, verwandelt sich die Straße bei feuchtem Wetter doch sehr schnell in eine schmierige Rutschbahn. Ein kurzer Bremsweg ist auch dann von Vorteil, wenn man hinter einer uneinsichtigen Kurve die Rücklichter des letzten Staufahrzeugs vor sich sieht.

Im Gegensatz zu vielen anderen Städten der Welt lässt sich das Fahrrad in HK recht unkompliziert mit den öffentlichen Verkehrsmitteln transportieren. Busse und Taxis sind zwar weitgehend tabu, auch bei Fähren sollte man vorsichtig sein. So muss man z. B. auf der Fährverbindung zwischen Central und Mui Wo die langsamere Lastenfähre besteigen und man sollte sich mit dem Fahrplan für die Rückfahrt auseinandersetzen. HK gehört mittlerweile zwar zu China, aber die Fähigkeit, bestehende Regeln flexibel auszulegen, ist noch kein Importschlager aus dem Mainland. Immerhin: Im gesamten MTR-Netz ist die Mitnahme des Fahrrads kostenlos möglich. Aber auch nur, wenn man das Vorderrad ausbaut, da es sonst die maximale Gepäckgröße übersteigt. Stoßzeiten verbringt man jedoch besser in einem der zahlreichen Cafés. Ist man in einer Gruppe unterwegs, ist GoGoVan eine sehr praktische Alternative, um relativ einfach zum geplanten Startpunkt oder zurückzugelangen.

Mittlerweile hat LuLu’s Café in Shek O geöffnet und verwöhnt die Frühaufsteher mit starkem Kaffee und Pancakes zum Frühstück. Radfahrer sind hier häufige und sehr willkommene Gäste, wurden doch extra Haken zum Aufhängen der Räder an der Außenwand angebracht. Noch ein Espresso zum Abschied und ich rolle zurück in die Stadt. Der Verkehr hat merklich zugenommen. Busse und Taxis blasen hupend an einem vorbei. Man muss schon eine gewisse Abenteuerlust mit sich bringen, auch eine gesunde Grundkondition schadet nicht. Es lohnt sich, einige der zahlreichen Gleichgesinnten zu treffen, die teuren Wohnraum für wertvolle Fahrräder opfern. Aber Vorsicht, es besteht Suchtgefahr! In HK auf Radfahren zu verzichten, wäre eine verpasste Chance, dem Leben in der Stadt noch mehr Qualität zu verschaffen.

TOP Routen 
auf HK Island:

  • Wong Nai Chung Gap – Repulse Bay Road – Tai Tam Road – Shek O Road (bei wenig Verkehr die schönste Runde auf der Insel)
  • Kennedy Road – Stubbs Road – Peak Road zum Victoria Peak oder sogar Mt. Austin (der Klassiker)
  • Mt. Davis und Cyberport (kurze, mehrheitlich flache Einsteigerrunde abseits vom Verkehr)

auf Lantau Island:

  • Mui Wo – Buddha – Tai O (traumhaft, mit steilen Anstiegen)
  • Sunny Bay – Tung Chung (beliebt, aber sehr gefährlich)
  • Catchwater (Shui Hau – Pui O)
  • „The Beast“ – von Tung Chung auf die Südseite Lantaus und zurück (extrem steil)

in den New Territories:

  • Tai Mo Shan Road ab Route Twisk (fahrbar fast bis zum höchsten Punkt HKs)
  • Clear Water Bay – Sai Kung – Sai Sha Road nach Ma On Shan (sonntags für Radfahrer gesperrt)
  • Bride’s Pool (Luk Keng – Tai Mei Tuk – Tai O – Ma On Shan)

Internet-Ressourcen für weitere Infos und Daten zu Touren
crazyguyonabike
Strava

Radgruppe
SIR – South Island Riders

Meetups
Definitve Cycling Club
HK Social Road Cycling

Daniel Eckmann

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