Grabplätze in Hong Kong

In Hong Kong stehen selbst die Toten in der Warteschlange!
In Hong Kong herrscht Platzmangel. Das betrifft die Lebenden ebenso wie die Toten. Jedes Jahr sterben mehr als 40.000 Menschen in der Millionenmetropole, doch selbst für die Beisetzung von Urnen reichen die freien Stellen nicht.  

Der Blick vom Friedhof in Pok Fu Lam geht hinaus aufs Meer. Containerschiffe ziehen vorüber, im Dunst in der Ferne lassen sich die umliegenden Inseln von Hong Kong erkennen. Das Friedhofsgelände liegt in einer steilen Senke, die Gräber sind dicht an dicht und ganz oben – quasi als Begrenzung zur Straße – befindet sich das Kolumbarium, die Nische für die Urnen. Wer hier seine letzte Ruhestätte gefunden hat, kann von Glück reden.

Grabplätze sind ein rares Gut in Hong Kong und anderen chinesischen Großstädten. Anstehen, warten – das gehört zum Alltag in China. Der Lebenden wie der Toten. Im vergangenen Jahr sind im bevölkerungsreichsten Land der Erde neun Millionen Menschen gestorben, und es werden angesichts einer überalternden Gesellschaft immer mehr. Die Frage ist: Wo sollen sie begraben werden? Vor allem in den Metropolen wird es laut Medienberichten auf den Friedhöfen eng. Shanghai etwa hat 40 Friedhöfe, in spätestens 15 Jahren sind die voll. In Shenzhen gibt es in zehn Jahren keine freien Gräber mehr, in Peking reicht der Platz sechs Jahre.

Noch beengter ist die Situation in Hong Kong. Dort müssen die Angehörigen bis zu sechs Jahre warten, ehe sie ihre Toten beerdigen können. Dabei geht es nicht um pompöse Grabstätten, sondern kleine Nischen in Kolumbarien. Einäscherungen machen inzwischen 93 Prozent der Beerdigungen in Hong Kong aus. Doch selbst für kleine Urnen reicht der Platz nicht. Jedes Jahr sterben in Hong Kong mehr als 40.000 Menschen, die Stadt selbst kann aber nur 10.000 Urnenplätze zur Verfügung stellen. Die Nischen werden also per Los vergeben. Wer leer ausgeht, muss die Urne bei seinem Beerdigungsinstitut zwischenlagern – oder auf ein privat betriebenes Kolumbarium ausweichen. Das ist eine kostspielige Investition: Eine private Grabnische, nicht größer als ein Blatt Papier, kann 100.000 Euro und mehr kosten. Das monatliche Durchschnittseinkommen in Hong Kong liegt bei aktuell 1.600 Euro.

Viele Familien sind inzwischen auf Friedhöfe in mit dem Zug erreichbare Städte wie Shenzhen oder Guangzhou ausgewichen. Doch die Bodenknappheit macht sich inzwischen auch dort bemerkbar. Die Preise für Grabstätten übersteigen vielfach das, was die Lebenden für ihre Apartments bezahlt haben. In Guangzhou kostet ein gerade ein Quadratmeter großes Grab umgerechnet 11.000 Euro, in Shenzhen sind es 16.000 und in Peking 10.000 Euro, auf nobleren Friedhöfen 60.000 – das ist das Doppelte des Quadratmeterpreises eines Apartments in derselben Wohngegend.

„Grüne Bestattungen“ in Friedwäldern oder auf See, wie es sie etwa in Deutschland immer häufiger gibt, sind in Hong Kong selten. Solche Praktiken widersprechen der chinesischen Tradition. Danach ist die Beisetzung der sterblichen Überreste an einem Glück verheißenden Ort auf einem Berg oder nahe dem Meer wesentlich für das Schicksal der Familie. Auch benötigen die Angehörigen einen Ort, um ihrer Vorfahren zu gedenken. Speziell geschieht dies an zwei Tagen im Jahr, dem Qingming Festival (oder Tomb-Sweeping Day) Anfang April und dem Chung Yeung Festival Ende Oktober. Dann strömen die Hong Konger und Festlandchinesen auf die Friedhöfe, säubern die Gräber, bieten den Verstorbenen Essen, Tee, Wein und Essstäbchen an und zollen ihnen so Respekt.

Eine kreative Lösung für die Platznöte hat das Beerdigungsinstitut Sage gefunden: Das lässt Asche in einem südkoreanischen Labor unter ultrahoher Hitze zu Schmucksteinen formen. Die können die Angehörigen als Ohrring oder an einer Halskette tragen. Zwei Hong Konger setzen dagegen auf virtuelle Grabbesuche. Sie wollen ihre Lagerhalle in Tsuen Wan in ein (reales) Kolumbarium umwidmen, in dem die Urnen beigesetzt werden. Der Ahnenkult, auch an den zwei Feiertagen, soll aber virtuell stattfinden. Auf einer Internetplattform sollen Angehörige Fotos ihrer Lieben vor unterschiedlichen religiösen Hintergrundbildern platzieren, aus einer Reihe von Opfergaben wählen und diese sogar – wie in Hong Konger Tempeln üblich – verbrennen können. Der Audioeffekt wird passend dazu geliefert.

sba

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