Glamping in Tibet

Alle schwärmen von den Reisetrips, die Stanley von der Meetup-Gruppe NineXplorer organisiert, Tagestouren und auch mehrtägige Reisen zu interessanten Orten, touristische Highlights, jedoch abseits der allgemeinen Touristenpfade und deshalb ein besonderes Erlebnis. Da wollen wir auch einmal mitmachen.

„Glamping on the Tibetan grasland“, klingt interessant. Erst einmal „glamping“ googeln – aha, Camping mit einem gewissen Luxusfaktor.

Das Ziel ist ein Hochplateau in der tibetischen autonomen Präfektur Gannan in der Provinz Gansu, in der die Tibeter den Großteil der Bevölkerung ausmachen und noch ihre Nomadenkultur pflegen.

Samstagmorgen um 9:30 Uhr geht es vom Einkaufszentrum am Macau Ferry Terminal auf Hong Kong Island im gemieteten Minibus zur Grenze nach Shenzhen. Es ist meine erste Einreise nach China. Weiter mit dem Linienbus zum Airport, dort treffen wir die letzte fehlende Teilnehmerin.

Wir sind eine gemischte Gruppe, zwei deutsche Paare, eine Mutter mit ihren fast erwachsenen Kindern und vier Amerikanerinnen. Einige haben schon Reisen mit NineXplorer gemacht, wir Neulinge sind gespannt.

Der Flug ist schnell vorbei und wir landen in Lanzhou, eine große Stadt umgeben von Bergen und durchquert vom Gelben Fluss. Ein kurzer Transfer ins Hotel, groß und zentral gelegen und mit gutem Standard. Der Abend ist zur freien Verfügung und Stanleys Tipp ist, uns den Night Market anzuschauen.
Ganz in der Nähe des Hotels ist eine ganze Straße voll mit Essensständen. Eng und laut und voll gut gelaunter Menschen, die Abendessen wollen. Süßes, Gegrilltes, Scharfes, alles da. Schafkopf muss nicht unbedingt sein, aber die Fleischspieße und die süßen Teilchen sind sehr gut. Schon hier fällt mir auf, dass es viele Muslime gibt, hinter den Bratpfannen und auf der Straße.

Am nächsten Tag nach dem Frühstück geht die Fahrt im gemieteten Minibus nach Linxia, eine vorwiegend von Muslimen bewohnte Stadt. Beim Stadtrundgang besichtigen wir eine Tempelanlage und das ehemalige Wohnhaus eines chinesischen muslimischen Kriegsherrn. Dass es in dieser Region einen so hohen muslimischen Anteil in der Bevölkerung gibt, ist für mich neu und es fällt sowohl in der Stadt als auch bei der Weiterfahrt über Land auf, dass hier Moscheen, buddhistische Tempel und christliche Kirchen in direkter Nachbarschaft stehen.

Das Mittagessen hat unser Guide in einem Lokal mit regionaler Küche vorbestellt. In einzelnen Séparées stehen zwei große runde Tische und es werden die verschiedensten Gerichte serviert, sodass man die Möglichkeit hat, von allem zu probieren.

Die Fahrt geht weiter, durch eine karge Landschaft mit bewachsenen Bergen, wir sind schon fast auf 2.000 Meter und es geht noch weiter hinauf!

Am Nachmittag erreichen wir das Hochplateau, auf dem das Camp liegt, auf 3.200 m.
Es ist eine tolle Anlage, Holzhütten, Zelte aus Yakwolle und, ganz wichtig, kleine Holzhäuschen mit Plumpsklos, es gibt zwar Strom, aber kein fließendes Wasser.
Deshalb auch Waschschüsseln und Eimer in den Zelten. Die Ausstattung ist gemütlich, überall Decken und Kissen aus Yakwolle, auch der Überzug der Wärmflasche ist aus gefilztem Stoff.

  

Vor dem Abendessen machen wir einen Spaziergang auf einen der benachbarten Hügel mit einem fantastischen Rundumblick. Es sieht nach Regen aus, aber das Wetter hält.

Für eine heiße Dusche wird das Duschhaus eingeheizt.

Das Abendessen, das in einem der größeren Holzhäuser serviert wird, ist fantastisch. Yaksteak, Gemüse, Dessert, alles frisch aus regionalen Produkten zubereitet. Die Yaks bieten hier die wichtigste Lebensgrundlage. Sie liefern Nahrung, auch der Yoghurt aus Yakmilch ist sehr lecker, Leder und vor allem Wolle.

Die Mitarbeiter im Camp, fast alles junge Einheimische aus der näheren Umgebung, kümmern sich perfekt um unser Wohlergehen. Während des Abendessens gehen die „Fireladies“ durch die Zelte und heizen die kleinen Kohleöfen an, sodass uns die Kälte der Nacht nichts ausmacht. Auch im Juni können die Temperaturen nachts unangenehm kalt werden. Für die Zeit unseres Aufenthalts begleitet uns ein lokaler Guide. Er spricht gutes Englisch und hat immer eine Geschichte parat.

Das Norden Camp ist eine vielfach ausgezeichnete Anlage, von einem Einheimischen und seiner tibetischen/amerikanischen Frau gegründet. Ihre Idee war, die tibetische Tradition für Reisende erlebbar zu machen, unter Einbeziehung einheimischer Mitarbeiter und den vor Ort vorhandenen Ressourcen. Die beiden haben auch eine Yakwolle verarbeitende Fabrik gegründet, fast ein neues kleines Dorf, in dem die lokalen Arbeiter unter sozial verträglichen Bedingungen arbeiten. Die Besichtigung dieser Fabrik ist für übermorgen geplant.

Tag drei beginnt mit einem ausgiebigen Frühstück, anschließend fahren wir zum benachbarten Labrang Monastery, das zu den größten Klöstern des tibetischen Buddhismus gehört. Die Anlage ist riesig, es wohnen weit über 2.000 Mönche hier und von überall kommen junge Novizen her, um zu studieren und sich ausbilden zu lassen.

Wir besichtigen unter anderem die Bibliothek, ein Frauenkloster und das Speisehaus, auf dessen Außentreppe sich zum Mittagsgebet die Mönche mit einem lauten, monotonen Singsang versammeln. Es ist eine eigenartige, spirituelle Atmosphäre.

Zum Lunch gehts in die Stadt Xiahe, die unmittelbar neben der Klosteranlage liegt. Wir besuchen ein Café, das auch zur Norden-Kooperative gehört, unser Guide bringt frische Sandwiches, vegetarisch oder mit Yakfleisch, dazu gibt es Tee und Kaffee.

Am nächsten Tag nach dem Frühstück, inzwischen hat sich die Küche auf unseren großen Kaffeedurst eingestellt, beginnt das Programm mit dem Besuch bei einer Herde Yakkühen mit ihren Kälbern, die mehr oder weniger geduldig aufs Melken warten. Wer möchte, kann eine kleine Runde auf einem Yak reiten. Anschließend machen wir eine kurze Hiking Tour, bergauf, über den Grat und wieder zurück. Wieder ein beeindruckendes Panorama, das weite Hochplateau und die hohen, aber grünen Berge ringsum, ganz anders als in den Alpen auf vergleichbarer Höhe. Ein kurzer Besuch in einem Nomadenzelt vermittelt einen kleinen Eindruck von der Lebensweise der Nomaden.

Danach fährt ein Teil von uns zur Norlha-Fabrik. Die Fahrt dauert etwa zwei Stunden, aber wir genießen die Landschaft. Nach unserer Ankunft werden wir mit Tee, Suppe und Keksen bewirtet und erhalten Informationen über die Geschichte der Fabrik. Der Rundgang durch die Produktionsbereiche ist sehr interessant, man kann sehen, wie die Yakwolle in den verschiedenen Schritten verarbeitet wird, zu Teppichen, Stoffen und wunderschönen Schals. Da das Material aber selten ist, sind die Preise doch recht hoch. Das meiste wird über den Onlinehandel vertrieben, aber es gibt auch einen Fabrikverkauf, einen kleinen Shop mit erstaunlich großer Auswahl an Schals und ein paar Schnäppchen, wo wir uns mit Reiseandenken versorgen können. Auf dem Heimweg dösen wir vor uns hin.

Das Abendessen ist heute, nach Hot Pot gestern, ein Grillbuffet und wir sitzen in gemütlicher Runde zusammen und genießen später den Ausklang des Tages an einem Lagerfeuer.

Am nächsten Morgen geht es leider schon wieder im Minibus zurück Richtung Lanzhou. Die Fahrt ist lang und als der Verkehr dichter wird und dann auch noch getankt werden muss, wird unser Guide nervös, denn die Zeit bis zu unserem Abflug wird immer knapper. Aber nach einem kurzen Sprint am Flughafen sitzen wir alle im Flieger. Diesmal gibt es leider keinen Direktflug, dadurch wird dieser Reisetag ziemlich lang und endet kurz vor Mitternacht hinter der Grenze von Shenzhen.

Fazit: Eine Kurzreise mit vielen neuen Eindrücken. Transporte und Ausflüge waren sehr gut organisiert und wir haben einen kleinen Eindruck vom Leben, Essen und der Kultur der tibetischen Nomaden bekommen.

Sylvia Nohl

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