Gläubige machen Chinas Kommunisten nervös

2017 eröffnete in Guangzhou in Südchina eine Megakirche, sie verfügt über mehrere Räume und ein riesiges unterirdisches Parkhaus. Ganz in der Nähe von Mao Zedongs Geburtsort in der Provinz Hunan wird die Xingsha Kirche gebaut, wenn sie fertig ist, wird sie größer sein als jede Statue des Gründers der Volksrepublik China, der während der Kulturrevolution alle religiösen Stätten schließen und Gläubige verfolgen ließ. Doch seit Mao tot ist, wachsen die Religionen wieder, die christlichen Gemeinschaften wie die in China traditionellen Religionen Buddhismus und Taoismus.

„Religionen erleben in China gerade eine Blütezeit, die Situation ist besser als je zuvor“, sagt Martin Lachmann, der für die Amity Foundation, eine christliche Nicht-Regierungsorganisation in China arbeitet. Der US-Amerikaner Ian Johnson, der jahrelang als Reporter in China unterwegs war, schreibt in seinem jüngsten Aufsatz, das Land befinde sich inmitten einer beispiellosen religiösen Wiederbelebung. Tatsächlich steigt die Zahl der Menschen, die einer Glaubensgemeinschaft angehören, stetig an. Es gibt Prognosen, wonach im Jahr 2030 ausgerechnet im kommunistischen China die meisten Christen weltweit leben werden, rund 200 Millionen. Genaue Angaben zur Zahl der Gläubigen gibt es nicht, nur Schätzungen und die gehen von derzeit zwölf Millionen Katholiken, 60 Millionen Protestanten und 200 Millionen Buddhisten aus.

Doch es gibt auch das andere Bild: Von Kreuzen, die von Kirchendächern gerissen werden; von kommunistischen Fahnen, die vor Gotteshäusern wehen; von Kindern, die keine Gottesdienste mehr besuchen dürfen; von Kameras, die Gläubige in Kirchen filmen. Es gibt den Präsidenten Xi Jinping, der einen neuen Slogan erfunden hat, nämlich den von der Sinisierung der Religionen. Das ist politisch gemeint und bedeutet, dass Religionen der Führung der kommunistischen Partei folgen sollen. Und es gibt neue Gesetze, deren Ziel vor allem ist, den Graubereich, in dem Religion zum Teil stattfindet, zu schließen. Die katholische und evangelische Kirche ist in China gespalten, in eine offizielle Kirche, die unter der Kontrolle des Staates steht, und sogenannten Haus- und Untergrundgemeinden, die unabhängig sind und im Falle der Katholiken dem Papst in Rom die Treue halten. Ihre Existenz wurde bislang mit zwei zugedrückten Augen seitens der lokalen Behörden akzeptiert.

Seit geraumer Zeit sind die Parteikader in Peking jedoch nervös – und Grund ist die eigentlich gute Nachricht vom wachsenden Zuspruch zu den Religionen. Das ist für die Kommunisten deshalb ein Problem, weil ihre eigene Ideologie in einer schweren Glaubwürdigkeitskrise steckt: Die Lehre von der Teilhabe aller klingt in einem Land, in dem nach drei Jahrzehnten Turbowachstum die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, wenig überzeugend. Hinzu kommt, dass aufgrund von Arbeitswanderung und Verstädterung die Gesellschaft zunehmend vereinzelt. „Die Menschen sind auf der Suche nach Sinn und Orientierung angesichts einer Gesellschaft ohne verbindliche Werte und sie sind auf der Suche nach Gemeinschaft“, sagt Katharina Wenzel-Teuber, Leiterin des China-Zentrums in Bonn. Die Kommunisten sind also auf die Glaubensgemeinschaften angewiesen, und so lassen sie sie weiter zu – aber zu ihren Bedingungen. Und das schließt blinkende Kreuze, große nicht registrierte Kirchen, Kinder im Bibelunterricht aus.

Dass der Papst ausgerechnet jetzt, wo die Spielräume für Religionen enger werden, den Schulterschluss mit Peking sucht, sehen manche Beobachter in dieser (scheinbar) paradoxen Entwicklung. Noch bewegen sich Millionen Chinesen, Pfarrer und Bischöfe im kirchlichen Untergrund und entziehen sich somit dem Einfluss des Staates, sodass Peking – noch – bereit ist, mit dem Papst ein Abkommen zu schließen. Für die Regierung letztlich ein großer Schritt, lehnt sie doch ansonsten jegliche Einflussnahme von außen strikt ab. In 20 Jahren, wenn die Untergrundgemeinden womöglich verschwunden sind, würde sie das nicht mehr tun.

sb

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