Geheimnisse in Hong Kongs Hinterhofgassen

Sie sind (mehr oder weniger) zahllos, oft namenlos und nie nutzlos: Hong Kongs „Back Alleys“, die Hinterhofgassen. Der Ruf der schmalen und manchmal dunklen Gassen hinter oder zwischen Gebäuden ist oft schlecht – wenn sie überhaupt einen Ruf haben. Die meisten Fußgänger und Touristen werden sie vermutlich einfach übersehen. Trotzdem lohnt sich ein Blick oder mehr noch: Ein Spaziergang.

Denn im Schatten der Hochhäuser eröffnet sich eine ganz neue Welt, und erst jetzt wird vielleicht klar, wie Vorder- und Rückseite zusammen- und voneinander abhängen: Da ist das Restaurant, vorne sitzen die Gäste, hinten sind weiße Plastikbottiche an der Wand befestigt, in denen das Geschirr gewaschen wird. Andere bewahren ihre leeren Speiseölfässer hier auf, auf Wäscheleinen trocknen Kittel und Strümpfe. Da ist der Blumenladen, der seine Pflanzen hinter dem kleinen Geschäft lagert, der Holzhandel, der die Gasse als Abstellfläche fürs Holz nutzt. Da ist die Recyclingfirma, die aus Papier und Aluminium bunte Würfel presst, die aussehen, als habe sie ein Künstler geformt. Da ist die Frau, die auf einem Plastikhocker die Zeitung liest.

Wasserrohre, Lüftungsrohre, Stromleitungen verlaufen kreuz und quer über die Häuserfassaden, als bildeten sie zusammen ein Labyrinth. Über allem thronen die Klimageräte. Besen, Schrubber, Gummihandschuhe, Eimer in rot und blau, Feudel hängen, liegen, stehen an Wände gelehnt, auf Leinen gehängt, hinter Rohre geklemmt. Die Gasse eine Besenkammer. Und da sind die Ratten. Sie sind unvermeidbar. Husch-husch kommen sie aus ihren Verstecken, den Regenrinnen oder Löchern in den porösen Hauswänden, und laufen von einer zur anderen Seite.

Offiziell eingeführt wurden „Back Streets“ in Hong Kong 1935. Sie sollten das Anliefern etwa von Gütern erleichtern und gleichzeitig als Notausgänge dienen. Auch in den aktuellen Gebäudevorschriften müssen Gebäude mit sogenannten „Service Lanes“ auf der Rückseite ausgestattet werden. Wie viele solcher „Back Streets“ in der Stadt existieren? Das weiß niemand.

Stadtplaner – nicht nur in Hong Kong, sondern in vielen Großstädten – fordern, die oftmals ungenutzten Gassen in das Straßennetz zu integrieren. Nicht zuletzt, um die überfüllten Bürgersteige der „normalen“ Straßen zu entlasten. Doch dafür müssen sie erst einmal attraktiver gestaltet werden, damit sich die Fußgänger auch hineintrauen oder die Wege als solche überhaupt wahrnehmen. In Kowloon wurde deshalb vor kurzem zusammen mit der Polytechnic University und der Organisation RunOurCity, das „Back Alley Project“ gestartet, bei dem mehrere Gassen mit Hilfe von lokalen und ausländischen Künstlern „aufgehübscht“ wurden.

Nicht ganz so hübsch, aber trotzdem lohnenswert ist der Besuch einer recht langen „Back Alley“, die zwischen der Queen’s Road East und Johnston Road verläuft. Als Einstieg bietet sich die Amoy Street an (von der Queen’s Road East kommend auf der linken Seite). Und wer immer noch skeptisch ist, der wirft vielleicht zuerst einen Blick in das neue Buch des deutschen Fotografen Michael Wolf, der seit vielen Jahren in Hong Kong lebt und den Hinterhofgassen und ihren Geschichten einen ganzen Bildband gewidmet hat („Informal Solutions: Observations in Hong Kong Back Alleys“).

sba

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