Gegen die Wand

Bouldern, das Klettern ohne Seil in Absprunghöhe, wird immer beliebter. Der Trendsport stählt den Körper. Knifflige Kraftakte und ein kühler Kopf sind nötig, um sich an der Wand nicht hängen zu lassen.

Bouldern ist eine eigenständige Klettersportart, die ohne Gurt und Seil in geringer Höhe durchgeführt wird. Boulder sind kleine Blöcke, mit Hilfe derer es gilt, die beste Abfolge von Griffen und Haltepositionen auszumachen, um von einem Start- bis zu einem Endpunkt zu gelangen.

Maßgeblich geprägt wurde der Sport durch John Gill (USA), der sich in den 50er/60er Jahren von der bis dahin geltenden „Drei-Punkt-Regel“ abwandte, welche besagt, dass beim Klettern von vier Haltepunkten stets drei mit dem Fels in Kontakt sein müssen, und er schuf damit den heute für das Bouldern typischen, dynamischen Bewegungsstil.

In den letzten Jahren zeigt sich auch in Deutschland gerade unter Jugendlichen ein großes Interesse an dieser schnellen und kommunikativen Sportart, die nun auch in Hong Kong angekommen ist. Ich möchte mir selber einen Eindruck dieses neuen Trends verschaffen und buche zusammen mit einer Freundin einen sogenannten „On-sight Boulder Course“, angeboten von Just Climb in Kowloon.

Nach einem freundlichen Empfang samt kurzer Registrierung auf einem iPad, wurden wir durch die Räumlichkeiten geführt, bekamen eine erste Einweisung durch unseren Coach bezüglich Ausrüstung und Sicherheitsregeln sowie eine Aufklärung über sichere Fall- und Absprungmethoden.

Dann ging es auch schon an die künstliche Wand, die mit merkwürdigen bunten Noppen aus Kunstharz scheinbar wahllos übersät ist. Die Kletterrouten sind aufgeteilt in sieben Schwierigkeitsgrade. Wir haben mit der einfachsten Stufe begonnen. Jede Route ist mit einer Nummer versehen. Start- und Endpunkte müssen mit beiden Händen umfasst werden. Beim Bouldern muss man Kraft beweisen, besonders mit den Armen und dem Oberkörper.

Alle Nummern einer Route dürfen genutzt werden. Griffe und Tritte können ausgelassen werden, aber man darf keine zusätzlichen Nummern nutzen – da wird zurückgepfiffen.

Erste Route, die Aufregung steigt, ich halte mich mit Händen und Füssen fest, schnelles Überlegen, wo soll welche Hand hin, wo welcher Fuß. Ich nehme Schwung und greife mit einer Hand nach dem nächsten verankerten Noppenhaltepunkt, dann rüber zum Endpunkt – drei Sekunden halten und abspringen.

Nice! Good job!“ Der Coach motiviert. Macht direkt gute Laune. Nächste Route. Langsam wird es kniffliger. Konzentrieren. Den nächsten Griff anvisieren. Rumpfmuskeln anspannen, Becken an die Wand drücken. “Ist der Tritt stabil?” Noch einmal tief ein- und ausatmen. Dann muss es zügig gehen, die Muskeln brennen schon. Kurze Panik: „Wo geht es denn jetzt weiter?“ Gut, dass der Coach einen Laserpointer hat und mir zeigt, wo es langgeht. Mein Arm streckt sich, um Haaresbreite verfehlt meine Hand den roten Griff. Ich falle auf die weiche Matte. Pause. Nächster Versuch. Die Bewegungen sind intensiv und kraftraubend. Nach ein paar Routen ist die Einführung vorbei und wir dürfen alleine ran.

Auf einem iPad können wir eine Routennummer auswählen, die uns anzeigt, wo die entsprechenden Blöcke sind und ein Video präsentiert uns einen Lösungsvorschlag.

Also: Route aussuchen, Tritte auswählen, gemeinsam planen, wo man sich am besten wie entlanghangelt und dann los. Mit dem Körpergefühl steigt die Stimmung. Ja, es macht richtig Spaß!

Eine komplette Route will uns aber trotz mehrfacher Versuche nicht gelingen. Langsam sind die Arme wie Gummi und die Kraft schwindet … Beim nächsten Mal – denn wir kommen wieder!

Just Climb
706 Prince Edward Road East
G/F Prince Industrial Building

Lisa Güthoff

Leave a comment