Expedition Angola

Auf der Suche nach ethnischen Minderheiten in der angolanischen Namib-Wüste.

Selten bin ich ein Land gereist, von dem ich so wenig wusste und das einen so schlechten Ruf hat. Bei Angola denkt man an Blutdiamanten, Landminen, Bürgerkrieg und Korruption. Doch nicht nur das Abenteuer einer Expedition in einen touristisch völlig unerschlossenen Teil Afrikas lockt mich und zwei Freunde in den Südwesten des schwarzen Kontinents, sondern vor allem die Suche nach kaum kontaktierte Volksgruppen inmitten der Namib-Wüste, die sich dort fernab der Einflüsse westlicher Zivilisation ihre traditionelle Lebensweise bewahren konnten.

Direkt nach der Ankunft verlassen wir die durch Korruption und Kriminalität ungeliebte Hauptstadt Luanda, in der die Mieten und Lebensmittelpreise etwa doppelt so hoch, wie in der Schweiz sind. Das ungemein hohe Preisniveau resultiert aus enormen Öl- und Diamantengeldern und fast ausschließlich importierten Gütern, aber zur großen Masse der Bevölkerung ist vom Gewinn kaum etwas vorgestoßen. Freudig lassen wir lärmende Kuduro-Musik, ständiges Gehupe, unzählige verbeulte Autos, zeternde Menschen und reichlich Dreck hinter uns und orientieren uns südwärts.

Die etwa 100 Kilometer lange Fahrt entlang der Küste mit breiten weiβen Stränden bringt uns zu einem ersten, fantastischen Naturwunder. Wir blicken über die beeindruckende Mondlandschaft von „Miradouro da Lua“ direkt an der Nationalstraße 100.

Die bizarren, in Jahrmillionen durch Auswaschungen, Erosion und Wind entstandenen Felsformationen sind das beliebteste Ausflugsziel Angolas und haben sich über die Jahrtausende durch den Einfluss von Wind und Regen herausgebildet. Die farbenprächtigen, gelbroten erodierten Canyons sind umrandet von sattem Grün und im Hintergrund leuchtet der Atlantik in tiefem Blau. Am bezaubernden, menschenleeren Strand „Praia de Sangano“ beziehen wir eine kleine Herberge, genießen die absolute Ruhe und erleben einen sensationellen Sonnenuntergang.

Unser erstes Zwischenziel ist die Stadt Lubango, die höchstgelegene Stadt Angolas auf 1.700 Meter. Es ist eine typisch afrikanische Großstadt. Die europäischen Häuser aus der Kolonialzeit sind noch gut zu erkennen, jedoch dem Verfall preisgegeben. Der Müll liegt überall flächendeckend herum und Hunde sowie verwahrloste Menschen wühlen darin nach Verwertbarem. Es stinkt fürchterlich. Daneben flanieren gut gekleidete Angolanerinnen und Angolaner oder andere fahren mit ihren Fahrzeugen der Luxusklasse durch die Innenstadt. Der Unterschied könnte nicht größer sein.
Lubango liegt in einem tropischen Tal, bewacht durch das Wahrzeichen der Stadt: Eine Statue Christi, die hoch oben auf den Klippen erbaut wurde. Es gibt nur drei Statuen auf der Welt, die eine genaue Kopie der berühmten Statue in Rio de Janeiro sind und diese ist ein davon. Sie ist eines der letzten Zeichen für Hoffnung und Frieden. Direkt daneben steht nach genauem Hollywoodvorbild ein imposanter Schriftzug: LUBANGO. Die einzelnen Buchstaben sind etwa sieben Meter hoch. Von dort man hat eine tolle Sicht auf das quirlige Treiben 300 Meter weiter unten.

30 Kilometer westlich der Stadt liegt die „Serra da Leba“. Die atemberaubende Bergstraße, in den 70er Jahren gebaut, schlängelt sich aus einer Höhe von 1.845 Meter hinunter bis auf die Höhe des Meeresspiegels. Somit passiert man verschiedene Klimazonen während eines Auf- oder Abstiegs. Die steil in die Felswand gehauene Straße hat schon viele Auto- und Lkw-Fahrer das Leben gekostet. Man braucht schon starke Nerven und gute Bremsen, um diesen steilen Pass mit seinen zahllosen, uneinsehbaren Haarnadelkurven zu befahren und den schwer beladenen Tanklastzügen, die qualmend die engen Serpentinen hinauf pflügen, rechtzeitig auszuweichen.

Ganz in der Nähe ragt das 2.300 Meter hohe Plateau des erloschenen Vulkans „Tunda Vala“ in den klaren Himmel und bietet neben einem milden Klima eine grandiose Aussicht über den Atlantischen Ozean, dessen Küstenlinie immerhin 130 Kilometer entfernt liegt.
Wir klettern direkt an der nicht eingezäunten Abrisskante herum, um fast senkrecht tausend Meter weiter unten auf die grünen Erhebungen der Ebene sehen zu können. Es ist ein ebenso spektakulärer wie grauenvoller Anblick, speziell, wenn man sich vorstellt, wie genau hier im vergangenen Bürgerkrieg Gefangene, Rebellen oder Deserteure mit verbundenen Augen in die Tiefe gestürzt wurden.

Vom Hochland geht es auf staubigen Pisten in die Namib-Wüste. Hier, am Ende der Welt, gibt es keinen Strom, keine Straßen, keinen Funkempfang, keine Orte mit Läden und Tankstellen. Es ist eine fast menschenleere Gegend von eigenartiger Schönheit – ein magischer Ort. Springböcke und Oryxe liefern sich mit unserem Geländewagen ständige Wettrennen, nachts streifen Schakale und Hyänen um unser Zeltlager und Löffelhunde horchen mit ihren überdimensionalen Ohren den Sandboden ab.

In dieser mystisch-schönen Einöde suchen wir zwei Tage lang mithilfe lokaler Führer einen Ort, der sich „Tchitundo Hulo“ nennt. Das sind nicht ausgeschilderte und nicht kartografisch erfasste, jahrtausendealte Felsgravuren und Felsmalereien auf einem schwer zugänglichen Hochplateau. Nach stundenlangem Klettern auf gefährlich steilen Felspassagen unter flirrender Sonne finden wir schließlich die in weiche Oberflächen geritzten Bilder und Symbole. Die abstrakten Tier- und Jagdszenen sind schon faszinierend, aber die seltsamen konzentrischen Kreise, die angeblich stellare Formationen darstellen sollen, schlagen uns sofort in ihren Bann.
Mitten in dieser wilden Steinwüste suchen wir unseren Lagerplatz für die Nacht. Erst am nächsten Morgen sehen wir, dass wir unsere Zelte auf einem verlassenen Friedhof errichtet haben.

Ein Ausflug zur Grenze von Namibia beschert uns ein Naturwunder besonderer Art. Als ausgesprochener Baumfan haben mich die riesigen Baobabs in Afrika schon immer fasziniert. Doch nach der Überquerung des Flusses Kunene in der Nähe der Stadt Xangongo hören wir vom angeblich dicksten Affenbrotbaum der Welt. Gesucht, gefunden, bestaunt und erfolgreich erklettert! Dieses gewaltige Prachtexemplar hat einen Stammdurchmesser von über elf Metern!

Doch nicht nur die Natur, auch der Mensch hinterlässt in Angola unübersehbare Spuren.
Der Bürgerkrieg ist seit gut 15 Jahren Geschichte und das Land erholt sich zaghaft von den Gräueltaten. Bis heute sieht man deutliche Spuren, die dreißig Jahre Krieg hinterlassen haben, denn immer wieder sehen wir rostende Panzer am Wegesrand und im Gebüsch vor sich hinrotten. Sie dienen den Kindern als Abenteuerspielplätze, doch wir wissen, dass viele Landesteile noch vermint sind und wir finden sogar noch scharfe Munitionsteile im Sand, was uns sehr nachdenklich macht.

Zurück in Lubango machen wir uns auf die Suche nach einem ortskundigen Führer, um die ethnischen Minderheitsvölker aufsuchen zu können. Die sind der eigentliche Grund für unsere Erkundungstour durch Angola. In tagelangen Fahrten durch Trockensavannen und Halbwüsten schaffen wir es, tatsächlich alle vier großen Ethnien aufzuspüren und ihre traditionellen Dörfer zu besuchen. Diese halbnomadischen Völker Angolas, die Mucubale, Muila, Mucawana und Muchimba, leben noch extrem unberührt und unbeeinflusst von der modernen Zivilisation in kleinen Dorfgemeinschaften. Die grasbedeckten Holz- und Lehmhütten sind sehr spartanisch eingerichtet, doch die Gastfreundlichkeit der Bewohner beeindruckt uns. Nach Überwindung der anfänglichen Scheu und Überreichung von Gastgeschenken durch unseren Führer und Dolmetscher können wir an ihrem noch recht traditionellen Alltag teilnehmen.

Jede Begegnung ist besonders und bleibt unvergesslich, ob auf den belebten Märkten oder mitten in der Wildnis. Jede Ethnie widmet sich ihrer ganz eigenen authentischen Körperverschönerung mit unterschiedlichem Schmuck, Kleidung und Haarpracht.
Die Frauen bestechen alle durch einen außergewöhnlich farbenprächtigen und aufwendigen Kopfschmuck. Sie sind berühmt für ihre ganz speziellen Frisuren als wichtigem und bedeutungsvollem Teil ihrer Kultur. Sie legen eine Mischung aus Öl, zerdrückter Baumrinde, getrocknetem Kuhmist und Kräuter auf ihre Haare, die dann steinhart werden. Zusätzlich schmücken sie ihre Frisur mit Perlen und Kaurimuscheln.

Frauen und Mädchen tragen in der Regel vier oder sechs Zöpfe, aber wenn jemand in ihrer Familie stirbt, behalten sie nur drei von ihnen. Die seltsam anmutenden abgebundenen Brüste der älteren Frauen bedeuten, dass sie verheiratet sind, und die Menge der metallenen Arm- und Knöchelreifen verraten, wie viele Tiere sie besitzen.

Nachdem uns die vielfältigen Eindrücke der unvergleichlichen Dorfbesuche überwältigt haben, müssen wir einfach wieder ans Meer, um am traumhaften „Praia Azul“, einem herrlichen, menschenleeren unberührten Strand, gedanklich aufzutanken. Namibe ist die südlichste Hafenstadt Angolas und ist trotz der Fischindustrie bekannt als eine der saubersten Städte des Landes. Bessere Langusten kann man wohl nirgends auf der Welt essen. Hier schmieden wir den Plan, nochmals die Wüste zu erkunden und „Staub zu fressen“.

40 staubige Pistenkilometer östlich von Namibe findet man irgendwo im Niemandsland die Quellen der Oase Pediva mit eher grünem als frischem Wasser. Etwas weiter warten neben dem bekannten Natursteinbogen „Arco“ viele weitere herrliche Felsformationen auf Erkundungstouren. Wir wandern schweigend und staunend durch die erodierte, sehr idyllische Landschaft. Der weiche gelbe Sandstein bildet eine einmalige Kulisse für die Vegetation, obwohl der kleine See beim „Arco“ mittlerweile ausgetrocknet ist.

Auf unseren Fahrten durch die Namib-Wüste treffen wir immer wieder auf eines der außergewöhnlichsten Gewächse dieser Erde, die Welwitschie. Sie wächst nur in Südangola und Namibia und meistert das harte und entbehrungsreiche Leben in der heißen trockenen Wüste perfekt. Wie ihr lateinischer Name zeigt, waren selbst die Entdecker der Pflanze beeindruckt von ihr: Mirabilis bedeutet wunderbar. Die Welwitschie hat nur zwei Blätter, die ein ganzes Pflanzenleben lang wachsen und sie kann bis zu 1500 Jahre alt werden. Als lebendes Fossil mit einem verkohlt aussehenden schwarzen Inneren zieht sie noch heute Forscher und Naturliebhaber in ihren Bann – und Reisende wie uns.

Der Rückweg in den Norden führt uns durch die Landesmitte. Die einzige Überlandstraße besteht entweder aus rotem rutschigem Lehm oder aus riesigen, regengefüllten Schlaglöchern. Seit dem Ende des Bürgerkriegs wird sie nicht mehr instand gehalten und ist häufig noch immer von Bombenkratern durchlöchert. So gibt es Abschnitte, wo wir nach drei Stunden gerade mal 20 Kilometer schaffen. Wir rutschen und schlingern Hunderte von Kilometern entlang zahlreicher Autowracks, die komplett ausgeschlachtet sind. Es stehen tatsächlich nur die nackten Karossen dort und die Dorfbewohner nutzen sie als Wäscheständer.

Die Suche nach einer geöffneten Tankstelle, die auch Benzin zu verkaufen hat, ist eine immer wiederkehrende Herausforderung. Der Blick auf die Preise lässt unser Herz jedoch immer höher schlagen. Da Angola riesige Erdölvorkommen besitzt, ist das Benzin extrem billig. Wir bezahlen für den Liter Diesel umgerechnet 33 Cent. Natürlich zahlbar in der Landeswährung Kwanza, die wir noch in der Hauptstadt Luanda nach langem Verhandeln auf dem Schwarzmarkt für mehr als das Doppelte des offiziellen Bankkurses gewechselt haben.

Die Landschaft ist abwechslungsreich, beeindruckend, geradezu unbeschreiblich. Wir bewundern weite, meilenlange Prärien und gewaltige Berge, die die Landschaft dominieren. Eine Region protzt mit dunkelgrünem Regenwald und in anderen ziehen die Chinesen in wenigen Wochen unzählige Hochhäuser und seelenlose Bahnhöfe mit grünen Scheiben hoch, was sehr skurril aussieht. Wir passieren verlassene Kaffeeplantagen und fruchtbare Landstriche voller Zitrusfrüchte und Tomaten. Unterwegs werden uns am Straßenrand immer wieder gewilderte Tiere, Antilopen und Gibbons zum Kauf angeboten. Doch wir nehmen uns lieber viel Zeit, um uns ausgiebig mit den überaus niedlichen Chamäleons auseinanderzusetzen, die wackelnd die Straßen überqueren.

Unser nächstes Ziel sind die „Pedras Negras de Pungo Andongo“. Diese riesigen rundgewaschenen schwarzen Felsen laden zu ausführlichen Wanderungen ein, und wie üblich sehen wir selbst in dieser herrlichen Umgebung keine Menschenseele. Erst ganz am Ende unserer Tour zwischen den Felsdomen treffen wir auf einen einheimischen Bauern, der sich wundert, warum wir vergnügt durch vermintes Gebiet gelaufen sind …

Letztlich wartet mit den „Quedas de Calandula“ noch ein wahres Highlight auf uns.
Diese beeindruckenden Wasserfälle sind übrigens nach den Victoriafällen in Simbabwe die zweitgrößten in ganz Afrika. Es gibt weder Hinweisschilder noch Eintrittskarten. Wir balancieren direkt vor den senkrecht abfallenden Wassermassen und genießen das Naturschauspiel. Kinder zeigen uns den verschlungenen Dschungelweg zum Fuß der wunderschönen Calandulafälle. Warmer Dauerregen, der aufgeweichte Boden und die üppige Vegetation lassen uns zu Schlammmonstern mutieren, aber wir sind glücklich.

Selbst für erfahrene Afrikareisende zählt Angola zu einem der letzten weißen Flecken auf dem Kontinent – eine spannende Destination für Afrikaliebhaber mit viel Potenzial für Abenteuer- und Expeditionsreisen. Als Resultat eines stabilen Friedens und wachsenden Wohlstands beginnt auch der Tourismus sich ganz langsam zu entwickeln. Kreuz und quer haben wir in drei Wochen ein fast unbekanntes Land erkundet, dass sich uns fast täglich in immer neuer Landschaft, Klima und Kultur präsentierte, und dabei über 5.000 Kilometer zurückgelegt. Und es gibt noch so viel zu entdecken. Wir kamen uns ein wenig wie Pioniere und Entdecker vor, als wir die unglaublichen Naturlandschaften erleben durften und vor allem auf diese so faszinierenden Volksgruppen im Süden des Landes trafen, die die Zeit vergaß. Welch eine Erfahrung und welch ein Privileg.

Christian Rommel, ROX Asia, Hong Kong

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