Es gibt auch Wege, wo keine sind

Eine Radreise von Bern nach Hong Kong bringt unvergessliche Bilder und Erinnerungen hervor, manchmal aber auch Erkenntnisse fürs Leben. Erzählungen von verschiedenen Hindernissen und neuen Wegleitungen.

Ungläubig halte ich an und steige vom Rad. Die Fahrt auf der chinesischen Nationalstraße G209 nach Fenghuang nimmt ein abruptes Ende. Es gibt sie nicht mehr. Sie ist weg. Vernichtet durch eine Gerölllawine, großwie ein Fußballfeld. Langsam presse ich Luft durch die schweißgetränkte Atemmaske. Ich muss mich setzen, Müdigkeit überfällt mich – und Frust. Was nun? Eine Stimme redet in Chinesisch auf mich ein. Du hast gut reden, denke ich mir – was glaubst du wohl verstehe ich von dem, das du mir erzählst? Ich bin am Boden.

Szenenwechsel, Bern – vier Monate zuvor. Die Reise geht los. Finales Ziel: Hong Kong. Stationen: St. Petersburg, Baikalsee, Mongolei, dann China. Andreas begleitet mich bis nach Peking. Wir haben zwei Monate Zeit, um die chinesische Hauptstadt zu erreichen und entscheiden uns, die unendliche Weite der sibirischen Steppe mit der Transsibirischen Eisenbahn zu überbrücken. Wir freuen uns auf die Fahrt. Schon das Organisieren der Tickets ist ein Abenteuer für sich. Es ist Mitternacht und wir stehen am Bahngleis. Der Zugchef schaut mürrisch auf unsere vollbepackten Fahrräder und schüttelt den Kopf. Wir verstehen kein Wort, brauchen wir auch nicht. Wir schauen uns fragend an. Werden nervös. Eine junge Frau kommt auf uns zu. Der strenge Blick passt zur strengen Uniform. Sie mustert uns kritisch, steigt in den Zug. Endlose Minuten vergehen; zehn Minuten noch bis zur Abfahrt. Plötzlich steht sie wieder vor uns, schaut vorsichtig nach links, dann nach rechts und bedeutet uns zu folgen. Wir schieben unsere Fahrräder durch den schmalen Gang. Sie öffnet die Türe zu ihrem kleinen Schlafabteil. Wir fragen uns, wie sie über die beiden Fahrräder in ihr Bett steigen will. Sie nickt nur und lächelt. Andreas und ich sind drin und das die nächsten vier Tage – nonstop, 2qm Wohnraum, Wodka. Das Ausnüchtern wird zur echten Herausforderung. Das Nüchtern bleiben auch. Wir finden schnell heraus, dass die Gastgeberin für unsere Fahrräder die Chefin des Zugrestaurants ist. Sie teilt ihre Kombüse mit unseren Vehikeln – und ihrem Mann. Wir sind sprachlos und unendlich dankbar.

Nächster Stopp: Irkutsk, am Baikalsee. Sibirien zeigt sich hier von seiner schönsten Seite. Die Landschaft ist beeindruckend, das Wetter perfekt.

Wir folgen dem Geheimtipp eines Einheimischen. Es soll einen fahrbaren Weg entlang der Bahnlinie geben, die direkt am See entlang verläuft. Früh am Morgen setzen wir mit einer alten klapprigen Fähre über die Flussmündung und radeln los. Schon nach wenigen Metern wird der Weg holprig. Dann schmal. Dann hört er komplett auf. Was nun? Es sind 80 km bis zur nächsten Straße. In diesem Tempo sind das drei Tage Fußmarsch. Die Alternative ist umkehren und einen ebenfalls dreitägigen Umweg in Kauf nehmen. Nach fünf Stunden Radwanderung erreichen wir einen kleinen Bahnhof. Für wen, warum, für uns etwa? Der knappe Fahrplan informiert uns – auf Russisch. Ein Zug hält zweimal die Woche, morgens um 3:30 Uhr. Wir rätseln über die angegebenen Wochentage und hoffen alternativlos auf die Nacht. Wir schlafen direkt am einzigen Gleis; wollen den verheißungsvollen Zug auf keinen Fall verpassen. Und tatsächlich: Um 3:40 Uhr nähert sich ein Licht, die Bremsen quietschen laut. Das schönste Geräusch der Welt. Todmüde und glücklich steigen wir ein. Drei Stunden später sind wir wieder in der Zivilisation. Noch eine Woche bis zur mongolischen Grenze, drei weitere Wochen bis China. Von dort geht es für mich alleine weiter Richtung Süden, Andreas fliegt zurück nach Europa.

Ich sitze auf dem Boden und schaue auf den Schutthaufen vor mir. Immer drängender wird die Stimme. Eine Hand berührt mich an der Schulter. Ich schrecke auf, schaue in ein zahnloses Gesicht. Ein Gesicht, das Neugier und Fröhlichkeit ausstrahlt. Ein Gesicht, das mir Hoffnung gibt. Der Besitzer des Gesichts sitzt auf einem klapprigen Motorrad und winkt mir zu. Ich folge ihm. Für alles andere fehlt mir die Kraft. Langsam schiebe ich mein Fahrrad wieder in Richtung Peking. Schon nach wenigen hundert Metern biegt mein Führer jedoch in einen steilen, schmalen Weg ab. Die einzige funktionierende Umleitung der Nationalstraße ist ein schmaler Wanderweg. Mein Retter schaut sich ein letztes Mal nach mir um und ruft mir etwas zu. Ich weiß nicht was, aber verstehe doch. Sein zahnloses Grinsen verschwindet hinter der nächsten Kurve. Nach einer halben Stunde bin ich wieder auf der G209 nach Fenghuang. Ich muss lächeln. Auch wenn ich nicht weiß, was für Überraschungen hinter der nächsten Kurve auf mich warten. Ich freue mich, weil mich dieser Tag eines gelehrt hat: Nicht aufzugeben und Menschen zu vertrauen. Es gibt immer einen Weg.

Zwei Wochen später erreiche ich Shenzhen und damit die Grenze zu Hong Kong. “You cant cross the border on your bike. Drei Stunden später schaffe ich es doch. Das letzte Mal auf dieser Reise stehe ich an einem vermeintlichen Ende einer Straße. Es werden wieder Blockaden kommen, diesmal im Alltag. Mittlerweile weiß ich: Es gibt immer einen Weg. Manchmal muss man einfach anhalten, durchatmen, Mut fassen und vertrauen, dass der Weg einen findet.

Dieser Artikel wurde für diese Ausgabe gekürzt und ist in voller Länge sowie mit mehr Bildern auf eckemitkante.com zu finden.

Daniel Eckmann

Leave a comment