Eltern auf Zeit

Der kleine E., wie er genannt wird, war nur wenige Wochen bei Tim Wannenmacher und seiner Familie – und hat doch einen großen Eindruck hinterlassen. E. kann nicht bei seinen leiblichen Eltern bleiben. Ehe geklärt ist, wie es mit dem Baby weitergeht, braucht es eine Pflegefamilie.

„Wir hatten gerade das Training für die Kurzzeitpflege abgeschlossen, da kam auch schon der Anruf, ob wir Baby E. nehmen könnten“, erzählt Tim Wannenmacher. Der Deutsche, der seit vielen Jahren in Hong Kong lebt und mit einer Taiwanesin verheiratet ist, hat selbst drei Kinder. Die waren damals knapp vier, drei und ein Jahr alt. „Die zwei Kleinen haben das nicht bewusst mitbekommen, aber unsere Tochter hat sich rührend gekümmert, Windeln weggebracht, Flasche gehalten.“ Kurz darauf hat das Mädchen Geburtstag und wünscht sich zu ihrer Feier von ihren Gästen Geld, das es Mother’s Choice spendet.

Mother’s Choice ist eine lokale Wohltätigkeitsorganisation, die sich seit 30 Jahren in Hong Kong um ungewollte Kinder und ungewollt schwangere junge Mädchen kümmert. Außerdem betreibt die Einrichtung ein Kinderheim, Beratungsstellen für Schwangere und seit kurzem Project Bridge, eine Kurzzeitpflege für Babys und Kleinkinder. Diese Kinder warten entweder auf Adoptiveltern, was bei einer lokalen Adoption zwei bis sechs Monate dauern kann, bei internationalen Adoptionen bis zu 18 Monate. Oder die Eltern sind vorübergehend nicht in der Lage, sich um ihr Kind zu kümmern, weil sie überfordert sind, ihre Kinder misshandeln, weil sie selbst noch Teenager sind und sich in ihrer neuen Rolle als Mutter erst zurechtfinden müssen. In all diesen Fällen springt die „Bridge Family“ ein. „Wir wollen verhindern, dass solche Kinder in Heimen landen und dort womöglich jahrelang bleiben“, sagt Chloe Banks von Mother’s Choice. Das passiert in Hong Kong immer wieder; laut Mother’s Choice leben 4000 Kinder in Heimen oder Pflegefamilien. Eigentlich soll beides nur eine Übergangslösung sein, hunderte dieser Kinder bleiben aber dort, bis sie 18 Jahre alt sind. Die leiblichen Eltern haben sie nie zur Adoption freigegeben – sie haben ihre Kinder aber auch nie zu sich (zurück)geholt.

Mother’s Choice will das Gegenteil erreichen und den Kindern möglichst schnell ein dauerhaftes Zuhause bieten. Das können Adoptiveltern oder die leiblichen Eltern sein, wenn sich diese nach einer Beratung und Begleitung durch Mother’s Choice dazu in der Lage sehen. Bis sie so weit sind oder bis eine Adoptionsfamilie bereitsteht, springt eine Pflegefamilie ein. „Die Brücken-Eltern tun das freiwillig, Geld bekommen sie keins“, betont Chloe Banks. Sie werden auf ihre Aufgabe von Mother’s Choice allerdings vorbereitet. Interessierte Eltern besuchen zunächst einen Informationsabend, dann werden Gespräche mit ihnen geführt, sie werden zu Hause besucht und nehmen an einem mindestens ganztägigen Kurs teil.

Pflegeeltern bieten immer nur eine Familie auf Zeit, irgendwann werden die Kinder wieder gehen. In der Regel bleiben die Pflegekinder wenige Wochen oder Monate, als Maximum sind anderthalb Jahre vorgesehen. Doch selbst eine kurze Zeit, hat Tim Wannenmacher die Erfahrung gemacht, kann einen großen Unterschied im Leben dieser Kinder bedeuten. Bei Baby E., das zu früh auf die Welt kam, sind es die 250 Gramm, die es zunimmt. Im Falle eines vierjährigen Mädchens, das zweite Pflegekind, das vier Monate bei den Wannenmachers lebt, ist es die Erkenntnis, wie stark und anpassungsfähig Kinder sind. „Die ersten drei Tage waren schrecklich, das Kind kauerte an der Tür und wollte nur weg. Meine Frau meinte, es muss sich bei uns, in einer westlich-chinesischen Familie, gefühlt haben, als sei es plötzlich auf dem Mars gelandet.“ Doch nach und nach fasst das Kind Vertrauen, zuerst zum Hund, später zum Rest der Familie. Auch die Wannenmacher-Kinder erleben einen Wandel. „Am Anfang sind unsere Kinder noch betont freundlich: „Schau, Papa, ich habe mein Spielzeug abgegeben!“ Nach wenigen Wochen hört diese Extrabehandlung auf. „Die Kinder sehen: Die geht ja gar nicht, die bleibt, die gehört jetzt zu uns.“

Info
„Project Bridge“ existiert seit drei Jahren. 33 Kinder wurden in dieser Zeit in einer Hong Konger „Bridge Family“ betreut.
Wer sich für das Pflegeelternprogramm interessiert, kann sich auf der Website informieren, wo auch die jeweils aktuellen Termine für einen Informationsabend zu finden sind.

sba

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