Eine Stunde im Horror-Camp

Die Hong Konger Stiftung Crossroads spielt in Simulationen Krisensituationen nach. Eine davon ist ein Flüchtlingslager irgendwo auf der Welt in irgendeinem Konflikt.

„Schnell, schnell, bewegt euch“, schreien die Soldaten. Mit gesenkten Köpfen ziehen die Menschen vorüber, versammeln sich auf einem Platz. „Stellt euch in Gruppen auf, immer zu acht.“ Die Männer und Frauen teilen sich auf, ganz dicht stehen sie beieinander. Die jungen Soldaten, alle in Uniform und mit einem Maschinengewehr bewaffnet, dirigieren die Flüchtlinge weiter, jede Gruppe erhält eine weiße Plane. „Baut eure Zelte“, schreien die Soldaten. Die Menschen werfen hastig die Plane über eine gespannte Leine, sie ziehen und zerren. „Was soll das sein?“, blafft eine Frau. „Nicht einmal ein Zelt könnt ihr aufbauen, ihr seid vollkommen nutzlos.“ Bald stehen die Zelte, und die Menschen verkriechen sich im Innern.

Doch nicht für lange. „Los, steht auf, alle in eine Reihe“, rufen die Soldaten. Einer erklärt den Flüchtlingen, dass sie jetzt Essen bekommen. „Aber erst müsst ihr eine Schüssel für Brot und Wasser kaufen. Wenn ihr kein Geld habt, müsst ihr eure Sachen hergeben, eure Schuhe, eure Uhren.“ Im Flüchtlingslager gibt es auch eine Krankenstation und eine Schule, in der die Menschen die Landessprache lernen können. „Go, go“, schreit ein Soldat. Zögerlich treten die Menschen aus der Reihe, ein Teil geht zur Essensausgabe, es gibt Toast und Wasser, andere suchen den Arzt auf. In der Schule versucht eine Frau zu erklären, was „Mein Name ist“ heißt. Doch die Menschen verstehen die fremden Worte nicht. Über dem Camp fliegt ein Hubschrauber, in der Ferne sind Gewehrsalven zu hören. Bald brüllen die Soldaten wieder. „In your tents! In die Zelte, los, geht!!!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es ist Abend, es wird dunkel. Das Licht von Taschenlampen huscht über die Zeltwände, ansonsten sind nur die Geräusche der Nacht zu hören. Dann plötzlich Getöse, Soldatengeschrei, ein neuer Tag. Wieder stellen sich die Flüchtlinge in langen Reihen vor der Essensausgabe oder dem Zelt mit dem roten Kreuz an. Bei der Tellervergabe stapeln sich inzwischen die Schuhe. Immer wieder werden Männer oder Frauen angehalten, sie sollen ihren Ausweis zeigen, den sie beim Betreten des Camps erhalten haben. Manchmal werden einzelne Menschen abgeführt. Einmal nachts holt ein Mann, der die Oberaufsicht in dem Camp zu haben scheint, alle Frauen aus den Zelten; die schönsten, wie er sagt, werden ins Bordell gebracht. Der Oberaufseher erklärt den Frauen, der Kommandant sei auf dem Weg ins Camp, da wolle er ihm eine Freude machen. Aber zuerst müsse er sehen, ob sie gesund seien. „Open your mouth, öffnet den Mund, ich will eure Zähne sehen.“ Die Frauen öffnen zögerlich ihre Münder, der Soldat blickt hinein. Dann geht er wieder. Die Frauen warten.

Kurz darauf fällt der Satz: „Die Simulation ist zu Ende.“

Aus den Flüchtlingen werden wieder Schüler und Lehrer der English Schools Foundation Sha Tin, aus den Soldaten werden Mitarbeiter der Hong Konger Crossroads Foundation. Unter ihnen sind ehemalige Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern, für die das Camp früher einmal Realität war. Der Oberaufseher aus dem Lager ist David Begbie, Direktor des Global Village bei Crossroads, in dem sich die Simulationen wie das Flüchtlingscamp abspielen. Wie es ihnen ergangen sei, will Begbie von den 16-Jährigen beim anschließenden Gespräch wissen. „Ich habe mich verletzlich gefühlt“, sagt einer. Das Zelt sei der einzige Ort gewesen, in dem er einigermaßen sicher gewesen sei. Eine weiße Plane als Schutz gegen Soldaten, die sich mit ihrer Waffe mächtig fühlen und die hilflose Flüchtlinge das auch spüren lassen. „Was sind die Regeln? Ihr wisst es nicht. Wer hat das Sagen? Ihr wisst es nicht. Wie lange wird das Ganze dauern? Ihr wisst es nicht“, sagt Begbie. Zu Beginn der X-perience, wie Crossroads seine Simulationen nennt, hat er der Schulklasse erläutert, dass es sich nur um eine Art Spiel handele. „Wem es zu viel wird, der kann gehen. Wir haben die Option auszusteigen.“ Die Flüchtlinge – sie haben die Option nicht.

Begbies Eltern haben Crossroads 1995 gegründet. Damals hatten zwei Millionen Menschen im Norden Chinas bei einer Flut alles verloren. 19 Hilfskartons haben sie nach China verschickt. Heute stehen auf dem Gelände der non-profit organization Betten, Schränke, Kleider, Bücher, Decken, Shampoos, die 200 Container füllen würden; gespendet von Privatpersonen, Hotels, Fluggesellschaften, Unternehmen. Mehr als die Hälfte davon wird an kleinere Hilfsorganisationen oder Bedürftige in Hong Kong verteilt. Das Übrige geht in 90 Länder weltweit.
Das Gelände ist ein ehemaliges Militärareal an der Gold Coast, das die Hong Konger Regierung Crossroads zur Verfügung gestellt hat. 100 Menschen aus 22 Nationen sind bei der Stiftung beschäftigt, sie alle arbeiten Vollzeit als Freiwillige mit Aufgaben wie Büroarbeit, Hilfe beim Kochen, Sortierung und Beschriftung der Güter.
Ihren Lebensunterhalt bestreiten sie über Spenden.

Das Besondere an Crossroads sind die X-periences. Was sie von der Simulation erwarteten, fragt Begbie die Schüler zu Beginn. „Einen kleinen Einblick in die Realität“, sagt jemand. Das ist in der Tat die Idee, die hinter den Simulationen steckt: Statt Filme oder Statistiken zu präsentieren, sollen sich die Teilnehmer selbst in die Lage anderer Menschen versetzen können. Es gibt X-periences zu besonderen Lebenssituationen wie blind, HIV-infiziert oder gehbehindert und zu Situationen in Krisengebieten, wo Wasserknappheit oder Überschwemmungen herrschen, wo Dörfer wieder aufgebaut werden müssen oder Kaffeebauern im globalen Handel den Kürzeren ziehen.

„Die Menschen sollen emotional berührt werden, nur dann werden sie auch aktiv“, sagt Begbie. Neben Schulklassen kommen auch zahlreiche Unternehmen zu Crossroads, die im Rahmen ihrer corporate social responsibility etwas tun wollen, aber nicht wissen wie und wo. Manchmal kommt Crossroads auch zu den Menschen – seit drei Jahren wird das komplette Flüchtlingslager in Davos beim Weltwirtschaftsforum aufgestellt, wo dann aus den Reichen und Mächtigen eine Stunde lang Flüchtlinge werden.

Die „Menschen im Herzen zu berühren“, wie Begbie sagt, das ist bei den 16-Jährigen an diesem Nachmittag gelungen. „Ich habe viel gelernt“, sagt Katie, nachdem sie ihr Kopftuch, das sie während der Simulation getragen hat, wieder abgenommen und ihren Schulrucksack aufgesetzt hat. „Nicht Lernen im Sinne von Wissen, sondern gefühlsmäßig.“

Info
Die Simulationen sind für verschiedene Altersgruppen konzipiert. Für jüngere Kinder (ab fünf Jahren) gibt es beispielsweise das Projekt Wasserknappheit, das Flüchtlingscamp ist für Jugendliche ab 16.

Crossroads sucht – neben Sach- und Geldspenden – Freiwillige, die (möglichst) regelmäßig aushelfen können.

sba

Leave a comment