Eine Familie für immer

Ein Kind für die Eltern und Eltern für ein Kind – die Geschichte einer Adoption in Hong Kong (und Deutschland).

Andrea und Frank können keine leiblichen Kinder bekommen. Sie haben sich deshalb entschieden, Kinder zu adoptieren. „Die Wahrscheinlichkeit dafür ist in Deutschland allerdings gering. Auf ein zur Adoption vorgemerktes Kind kommen sieben Eltern, die es gerne nehmen würden“, sagt Andrea. Nach einem monatelangen Prozedere, bei dem die angehenden Adoptiveltern vom Jugendamt der Stadt, in der Andrea und Frank damals wohnen, befragt, geprüft, besucht werden, sind sie bereit für ein Kind. Doch das lässt auf sich warten. „Es war schwierig, nicht daran zu denken. Man hofft, dass das Telefon klingelt und jemand vom Jugendamt sagt: „Wir haben ein Kind für Sie.“

Stattdessen fragt 2008 erst einmal Franks Arbeitgeber, ob sie ins Ausland gehen wollten. „Wir haben zugestimmt, wir wollten unsere Lebensplanung nicht vom Kinderkriegen abhängig machen“, so Andrea. Also sind sie nach Asien übergesiedelt; zwei Jahre später kehren sie nach Deutschland zurück, kaufen sich ein Haus – und dann klingelt tatsächlich eines Tages das Telefon: Zara ist geboren, und Andrea und Frank sind als Adoptiveltern ausgewählt worden. Dass Zara so heißt, wissen sie natürlich nicht. „Wir hatten uns aber überlegt, dass wir das Mädchen gerne Sarah nennen würden.“ Die leibliche Mutter hatte dem Kind schon den Namen „Zara“ gegeben, ein Zufall.

Inzwischen ist Zara fünf Jahre alt und hat eine kleine Schwester. Johanna, ein Jahr alt, geboren in Hong Kong und das zweite Adoptivkind von Andrea und Frank. Wieder hatte Franks Arbeitgeber angefragt, ob er und seine Familie Interesse an einer Auslandsdelegation hätten. Das haben sie, also ziehen sie erneut um, diesmal nach Hong Kong. Schon bald überlegen sie, ob es nicht schön wäre, wenn Zara eine Schwester oder einen Bruder bekäme.

Wer in Hong Kong als Ausländer ein Kind adoptieren möchte, muss mindestens ein Jahr in der Stadt wohnen. Und er muss – wie in Deutschland – sich psychologischen Tests unterziehen, Gespräche führen, Seminare besuchen. 150 bis 200 Eltern stehen am Ende auf der Liste der potenziellen Adoptiveltern, 50 bis 80 Kinder werden zur Adoption freigegeben. „Die Wahrscheinlichkeit, dass es klappt, ist in Hong Kong also viel größer.“ Trotzdem vergehen die Monate, zwischendurch sieht es so aus, dass Franks Arbeitgeber ihn nach Deutschland zurückbeordern würde. „Es wurde langsam eng“, sagt Andrea. Auch Zara wird ungeduldig. „Wann kommt mein Geschwisterchen?“ Andrea erklärt ihr, dass sie selbst und Frank keine Kinder bekommen können. „Das muss Gott uns schenken.“

Einmal im Monat, meist am Donnerstag, berät sich das Hong Konger Jugendamt mit den anderen Adoptionsstellen über die zu adoptierenden Kinder. „An diesen Tagen habe ich dann immer gehofft, dass jemand anruft.“ Doch an dem Donnerstag, als es so weit ist, ist Andrea mit ihren Gedanken bei ganz anderen Themen. Die Freude ist riesig. Es ist wieder ein Mädchen. Die leibliche Mutter hat ihr den Namen Grace gegeben. „Wir dachten, Grace ist für Deutschland vielleicht etwas zu ungewöhnlich“, erzählt Andrea. Zuvor hatten sie sich aber überlegt, dass das Kind, sollte es ein Mädchen sein, Johanna heißen soll. Und wieder ergibt es sich zufällig, dass die Namen eine sehr ähnliche Bedeutung haben: Grace bedeutet die Gnade, Johanna „Gott ist gnädig“. Nun heißt ihre zweite Tochter Johanna Grace.

Vorbereitet sind Andrea und Frank auf die Ankunft von Johanna nicht. „Ich hatte kurz zuvor die meisten Babysachen verkauft. Außerdem wollten wir in den Sommerurlaub nach Deutschland fahren, der Flug war schon gebucht.“ Aber dann fahren sie ins Kinderheim und lernen ihre Tochter kennen. Schon nach wenigen Tagen dürfen sie das Baby mit nach Hause nehmen, und inzwischen sind sie – nach einer formellen Probezeit von einem halben Jahr – auch ganz offiziell die Eltern. Zara hat sich an ihre kleine Schwester gewöhnt; die anfängliche Enttäuschung, dass es kein Brüderchen geworden ist, hat sie überwunden – schließlich haben auch die meisten ihrer Freundinnen Schwestern.

Die leibliche Mutter von Johanna würde gerne Kontakt zu Andrea und Frank aufbauen, ein erster Brief wurde bereits geschrieben und Bilder wurden ausgetauscht. Auch die leibliche Großmutter von Zara in Deutschland möchte eine Beziehung zu ihrer Enkeltochter haben, und es gab auch schon mehrfach Treffen. Solche Zusammenkünfte zwischen den Familien kann das jeweils zuständige Jugendamt, wenn auf beiden Seiten der Wunsch dazu besteht, organisieren und begleiten. Zara weiß, dass Andrea und Frank nicht ihre leiblichen Eltern sind. Dass ihre leibliche Mutter noch sehr jung war, als sie schwanger wurde. Eine Adoption ist – nach einer Bedenkzeit von ein paar Wochen – immer endgültig. Wenn es beide Seiten wünschen, können Kinder und leibliche Eltern aber in Kontakt bleiben oder später einen Kontakt aufbauen. „Zara und Johanna sehen anders aus als wir, Zaras leibliche Mutter ist Deutsche mit türkischen Wurzeln, Johannas Mutter Hong Kong-Chinesin, es war immer klar, dass wir schon sehr früh mit ihnen über die Adoption reden.“

Bald werden wieder die Kisten gepackt, die Zeit in Hong Kong geht langsam zu Ende, Andrea und Frank ziehen nach Deutschland, als komplette Familie.

Adoption in Hong Kong
– Ausländer müssen mindestens ein Jahr in Hong Kong gelebt haben
– Altersvoraussetzung: 25 Jahre
– Auch Alleinstehende können ein Kind adoptieren, bei Verheirateten sollte die Ehe seit mindestens drei Jahren bestehen

Adoptionsstellen
Mother’s Choice 
International Social Services
Po Leung Kuk
oder direkt über die Adoptionsseite des Social Welfare Department der Hong Konger Regierung

sba

Leave a comment