Ein Land, zwei Systeme: Hautnah erlebt

Sieben Millionen Einwohner, ein Meer aus Wolkenkratzern und eine überraschende Fülle scheinbar unberührter Natur – mein Zuhause für diesen Sommer. Diese Gedanken gingen mir beim Landeanflug auf den Hong Kong International Airport durch den Kopf.

Der Beginn des Abenteuers

Die Entscheidung, meine Sommersemesterferien in der Greater Bay Area zu verbringen, traf ich relativ spontan. Auf der Suche nach einer Beschäftigung, die mich sowohl akademisch als auch persönlich bereichern würde, stieß ich auf das Summer School Programm meiner wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät (WiSo) an der Universität zu Köln. Da ich je drei Wochen in Hong Kong und Shenzhen verbringen würde, war ich begeistert von der Idee, zwei Seiten Greater Chinas kennenzulernen. Der Fokus des Programms lag auf dem Erwerb anwendungsorientierten Wissens über Managementpraktiken in Asien und insbesondere China. Dies wurde im Kontext kultureller, ökonomischer und politischer Begebenheiten vermittelt, was für mich als Masterstudentin der Politikwissenschaft besonders interessant war.

Kaum hatte ich die Ankunftshalle des Flughafens betreten, wurde mir bewusst, wie spannend mein Aufenthalt aus politikwissenschaftlicher Sicht auch außerhalb des Hörsaals sein würde, denn ich wurde von einer Schar schwarz gekleideter Demonstranten empfangen. Während mein Unialltag durch die Proteste kaum beeinflusst wurde, da ich die wenigen gewaltsamen Ausschreitungen in der Regel umgehen konnte, so hinterließen sie bei mir dennoch einen bleibenden Eindruck. Die Kreativität und das Durchhaltevermögen all derjenigen, die friedlich für ihre Überzeugungen auf die Straße gingen und dabei gezielt die Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft suchten, war für mich ein beeindruckender Beleg für die lebhafte Zivilgesellschaft Hong Kongs.

Das Leben in Shenzhen

Im Gegensatz zu meinem Alltag in Hong Kong erlebte ich eine gänzlich andere Welt in Shenzhen. Auf dem eindrucksvollen Campus der Chinese University of Hong Kong in Shenzhen lebend, teilte ich den Alltag der lokalen Studierenden inklusive Mensaessen und Unterbringung in Zweibettzimmern. Gerade weil sich hier viel vom typisch deutschen Studierendendasein unterschied, war dies für mich eine bereichernde Erfahrung. Die allgegenwärtige Videoüberwachung und damit verbundenen Einschränkungen im Alltag, zum Beispiel in Bezug auf Meinungsäußerung, hatte ich vor meiner Anreise allerdings unterschätzt. Ein Gefühl des Ankommens und der Zugehörigkeit stellte sich dennoch schnell ein, dank der großartigen Unterstützung von sogenannten buddy students, chinesische Studierende, die uns Austauschstudierenden den Campus und das Lebensgefühl in Shenzhen näher brachten. Sie teilten mit mir Erfahrungen des alltäglichen Lebens sowie ihre Wünsche und Zukunftsträume, die sich mitunter auch auf ein Leben außerhalb Chinas bezogen.

Campus der Chinese University of Hong Kong, Shenzhen

Die akademischen Erfahrungen

Im Rahmen der Universitätsmodule lernte ich viel über die Auswirkungen interkultureller Differenzen auf Geschäftsabwicklungen sowie über aktuelle Herausforderungen und Chancen der chinesischen Ökonomie. Die Inhalte zeigten insbesondere die Verknüpfung von Staat, Kultur und Wirtschaft auf und gaben Hinweise für den Umgang mit daraus resultierenden Problemen. Das theoretische Wissen wurde durch Besuche bei Unternehmen und Institutionen abgerundet, welche interessante Optionen für eine mögliche berufliche Zukunft in Asien aufzeigten.

Resümee

Meine sechs Wochen in Hong Kong und Shenzhen haben mich nachhaltig beeinflusst. Mir ist noch bewusster geworden wie wichtig es ist, sich für den Erhalt demokratischer Freiheitsrechte stark zu machen. Der Aufenthalt hier hat mich darin bestärkt, mich auch zukünftig weiterhin mit dem Zusammenspiel von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft zu beschäftigen. Die beiden Städte offenbarten mir zwei verschiedene Facetten eines Landes, mit all ihren Unterschieden und auch Gemeinsamkeiten. Dazu zählen nicht zuletzt eine erstaunliche wirtschaftliche Dynamik und der Hunger nach technologischer Weiterentwicklung. Außerdem lernte ich mit Hong Kong einen Ort kennen, den ich mir trotz der aktuellen Situation durchaus als zukünftigen Lebensmittelpunkt vorstellen kann – insbesondere aufgrund der vielen wundervollen Menschen, die meinen Aufenthalt unvergesslich gemacht und mir die Kultur näher gebracht haben.

Farina Owusu absolviert ihr Masterstudium der Politikwissenschaft an der Universität zu Köln. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen politische Ökonomie und die sino-afrikanischen Beziehungen, welche sie zur Teilnahme an dem 6-wöchigen Studienprogramm WiSo@HongKong der Universität zu Köln motivierten.

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