Ein abenteuerlicher Fußmarsch durch das Reich der Mitte

Der Autor Rob Lilwall, 1977 in London geboren, unterrichtete Geografie an der High School in Oxfordshire, bevor er seinen Job aufgab.
Heute lebt der Abenteurer als Schriftsteller und Motivationstrainer in Hong Kong, wo er zusammen mit seiner Frau das Kinderhilfswerk Viva leitet, für das er Spenden sammelt. Lilwall teilt die Erlebnisse seines Abenteuers mit dem inhk Magazin:  

Wenn nicht jetzt, wann dann?
Rob liebt seinen Beruf, hat aber den Traum, eines Tages Asien mit dem Fahrrad zu erkunden. In seinem zweiten Jahr als Lehrer erreicht ihn ein Anruf seines alten Freundes Alastair Humphreys, der gerade mit dem Rad die Welt umreist. Alastair will Rob in Ostasien treffen, um gemeinsam zurück nach London zu radeln. “Wenn nicht jetzt, wann dann?”, denkt Lilwall. Er kündigt seinen Job und kauft sich ein One-Way-Flugticket in den Nordosten Sibiriens. Die Rückfahrt dauert mehr als drei Jahre und wird länger und abenteuerlicher als erwartet.
Während dieser Expedition lernt er die Anwältin Christine kennen. Zurück in London heiraten sie und ziehen nach Hong Kong, wo er sein nächstes Projekt “Walking Home From Mongolia” plant.

Finanzierung
Vorfinanziert wird der Fußmarsch von National Geographic. Aus dem ca. 200 Stunden umfassenden Filmmaterial entsteht eine sechsteilige TV-Serie. Außerdem schreibt Rob eine wöchentliche Kolumne für die South China Morning Post, in der er von unterwegs berichtet. Zusätzlich schließt er einen Vorvertrag für ein neues Buch mit seinem ehemaligen Verleger Hodder & Stoughton ab.
Außer persönlichen Motiven ist dieser Fußmarsch auch ein Spendenlauf für das Kinderhilfswerk Viva. Christine kümmert sich um den Marketing-Prozess: Über 542.500 HK$ werden gesammelt und mehr als 60 Personen gehen die letzten Kilometer gemeinsam mit Rob und Leon.

Soziales Engagement
Sein Beweggrund, sich sozial zu engagieren, erklärt Rob, sei die Armut, der er auf seinen Reisen begegnet ist. Vor allem für die hilfsbedürftigen Kinder lohne sich die Mühe: “Jeder hat in seinem Leben eine Funktion zu übernehmen – und jeder muss für sich herausfinden, welche es ist.”

Das Vorhaben
Rob will das Landesinnere Chinas hautnah erleben, abseits der großen Küstenstädte und er möchte seine Grenzen auf dieser Expedition ausloten. So entsteht die Idee von China nach Hause zu laufen.

Partner Leon
Rob Lilwall macht sich gemeinsam mit dem Kameramann Leon McCarron, einem irischen Abenteurer, zu Fuß auf den Weg durch China. In sechseinhalb Monaten legen sie 5.000 km von der Mongolei durch die Wüste Gobi nach Hong Kong zurück.
Leon, 10 Jahre jünger und dementsprechend fitter, kennt er nicht gut und noch nicht lange. Er trifft ihn, während Leon auf dem Weg mit dem Fahrrad durch Asien bei ihm einen Zwischenstopp einlegt. Leon ist ihm symphatisch und er ist der Einzige, der bereit ist, im Winter durch die Mongolei und China zu laufen. Zudem kann der Ire mit der Kamera umgehen. Später werden die beiden gute Freunde.

Physische und psychische Belastungen
Doch zunächst stoßen sie während des beschwerlichen Fußmarsches nicht nur an ihre körperlichen Grenzen: Die Strapazen sind gewaltig und erfordern eine große Portion an Selbstdisziplin. Beide sind zermürbt, denken ans Aufgeben, wissen oft nicht, wo sie schlafen werden und ob sie etwas zu essen bekommen. Als ihnen das Geld ausgeht, findet sich kein Bankautomat. Sie vermissen ihr Zuhause und haben Sehnsucht nach ihren Frauen.
Um filmen zu können, müssen sie stets nah beieinander bleiben; sie gehen, campen und essen zusammen. Schließlich bekommen sie eine Art Lagerkoller und fallen sich gegenseitig auf die Nerven. Im letzten Drittel beschließen Rob und Leon, sich für eine Weile zu trennen. Auch im Nachhinein war das die beste Lösung, mit der sich die beiden Freigeister mehr Raum für sich selbst schafften und die Tour erneut als das genießen konnten, was es sein sollte: Ein Abenteuer. Später treffen sie sich in Guilin und gehen den Rest des Weges wieder gemeinsam.

Herausforderung China
In der Wüste Gobi sind Rob und Leon Temperaturen bis zu minus 30 Grad Celsius ausgesetzt. Schwer bepackt wandern sie auf mit Kohlenwagen verstopften Straßen. Um das Qin-Ling-Gebirge zu umgehen, beschließen sie, nachts durch den Zhongnanshan-Autobahntunnel zu laufen. Er ist mit 18,04 km der längste Straßentunnel Chinas und der weltweit zweitlängste, aber weder klimatisiert noch beleuchtet. Doch weniger als 5 km bevor sie das Ziel erreicht haben, hält die Polizei sie an und bringt sie zum Ausgangspunkt zurück. “Ein entsetzliches Erlebnis”, erzählt Rob, aber als noch schlimmer empfindet er seine schmerzhafte Fußverletzung, die er sich zugezogen hatte und die aufkommende Angst, die Reise deshalb abbrechen zu müssen. Doch der Fuß, laut Diagnose ein Ermüdungsbruch, erholt sich zum Glück nach einer Ruhepause wieder.

Besuch
Dreimal pausieren Rob und Leon für eine Woche. Anstatt nach einem bescheidenen Binguan Ausschau zu halten, übernachten sie im Shangri-La Hotel, das ihnen in zwei Städten freie Unterkunft und Verpflegung anbietet, weil die Hotelkette weiß, dass mit diesem Marsch Geld für einen guten Zweck gesammelt wird. Dreimal kommt Christine zu Besuch. Robs Emotionen sind gemischt: Die Expedition, die lange Trennung – es ist eine harte Zeit für beide. Schuldgefühle plagen ihn. Doch Christine zeigt Verständnis.

Gastfreundschaft
Die Abenteurer werden zum Chinese New Year von einer chinesischen Familie eingeladen, finden Menschen, die ihnen Essen und Trinken und manchmal sogar ein Bett anbieten.
Besonders freundlich sind die Bewohner der Wüste Gobi und des Nordens Chinas. In den Städten hingegen sind die Menschen, wie überall auf der Welt, weniger offen Ausländern gegenüber. Sie sind alle beschäftigt und haben im Vergleich zu Landbewohnern wenig Zeit für einen Plausch mit Fremden.

Landschaften
Rob und Leon erleben traumhafte Sonnenaufgänge in der Wüste, wandern fernab von Touristenströmen entlang der Großen Mauer und durch wunderschöne, terrassenförmig angelegte Reisfelder. Am besten aber gefallen Rob die Berge in der Provinz Shanxi, wo die Mauer einen Bogen nach Südwesten beschreibt und sie zum Gelben Fluss führt. 

Fazit
“Zu Fuß durch China” ist ein spannender und sympathischer, sehr ehrlich verfasster Reisebericht, aber es ist kein Wanderbuch. Rob empfiehlt den Wanderern unter uns eine Tour entlang der Mauer, abseits der touristischen Regionen, weist aber daraufhin, das man aufgrund der fehlenden Infrastruktur gut ausgerüstet sein sollte.

Neues Abenteuer
Seit Ende März ist er erneut unterwegs: Dieses Mal mit seiner Frau auf einem Tandem von Los Angeles nach New York, schätzungsweise für drei bis vier Monate. Sie haben gerade die Mojave- und Nevadawüste durchquert und gönnen sich ein paar Tage Urlaub in Las Vegas.
Was anschließend kommt, wird sich zeigen…

Lilwalls erstes Buch “Cycling Home From Siberia” erschien 2006. Der jetzt auf Deutsch vorliegende Band “Zu Fuß durch China” ist Lilwalls zweites Werk. 

ct

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