Datong

Buddhastatuen neben Kohleschloten

Es gibt ein paar Klassiker, die wohl auf jeder Reiseliste westlicher China-Besucher stehen: Peking, die Mauer, die Terrakotta-Figuren in Xi’an, die Pandas in Chengdu, Shanghai. Aber Datong? Nie gehört? Dann unbedingt beim nächsten Mal hin. Datong sollte niemand verpassen!

Es ist nicht unbedingt einfach, nach Datong zu kommen. Die Millionenmetropole liegt zwar nur eine Flugstunde westlich von Peking, doch immer wieder fallen Flüge aus. Weil Smog oder erster Schnee, der bereits im Spätherbst fallen kann, das Fliegen unmöglich machen. „Sie könnten den Nachtzug nehmen“, schlägt der Reisebegleiter in Peking vor, nachdem drei Tage hintereinander wegen dichten Smogs in der chinesischen Hauptstadt die Flüge gestrichen wurden. Der Zug braucht sechs Stunden für die Strecke und wäre zur Not eine Alternative, doch am Telefon gibt sich Air China zuversichtlich, dass die Maschine pünktlich am nächsten Morgen um kurz vor sieben Uhr abhebt.

Tatsächlich ist der Himmel am nächsten Tag blau, und die Reise nach Datong kann beginnen. Datong? Warum sollte man überhaupt dorthin wollen? Bekannt ist die Stadt vor allem für ihre Kohle, Heizmaterial Nummer eins in China (und Hauptgrund für die oftmals schlechte Luftqualität in und um Peking). An Bord sitzen denn auch vor allem Geschäftsleute. Und ein westliches Ehepaar, vielleicht Amerikaner. Das Flugzeug gleitet über eine eintönige Landschaft hinweg, es sieht so aus wie fast überall in China: Viel braune Erde, dazwischen versprengt ein paar Häuseransammlungen, eine lang gezogene Straße, und irgendwo muss der Zug fahren. Der Flughafen in Datong ist ein glänzender Beweis für den Fortschritt in China. Und für den Bauwahnsinn. Mitten in der Landschaft steht ein nigelnagelneues Flughafengebäude, die Landebahn davor ist bis auf das Air China-Flugzeug leer. Bis zum Abend werden dort ein Dutzend Flugzeuge landen.

Vor dem Flughafengebäude begrüßt Ms Li die Besucher. Wer kein Chinesisch kann, muss sich in China auf einiges gefasst machen. Vor allem auf viele sehr freundliche Chinesen, die kein Englisch sprechen. Die Landschaft sieht von unten genauso aus wie von oben. Zwei Stunden geht es mit dem Auto durch eine monotone braun-graue Landschaft, in der Ferne die Berge, auf der noch oder schon wieder Schnee liegt. Bäume gibt es hier so gut wie keine, Ms Li erklärt, die seien in den vergangenen Jahrhunderten alle abgeholzt worden. Ein paar Bäumchen hier und da sind das Ergebnis der Aufforstbemühungen der vergangenen Jahre. Die grauen Betonhäuser entlang der Straße sehen so aus, als wäre der wirtschaftliche Aufschwung des Landes an ihnen vorübergegangen. Die Provinz Shanxi, zu der Datong gehört, gilt als eine der ärmsten Chinas. Der Kohleboom hat zwar viele Menschen aus der Armut geführt, doch inzwischen fördert China mehr Kohle als es selbst und die Welt benötigt. Das kommunistische Regime will die Förderung deshalb drosseln, viele Staatsfirmen sollen schließen. Auch in Shanxi.

Datong setzt deshalb für die Zukunft unter anderem auf den Tourismus. Und in der Tat hat die Region zwei kleine oder vielmehr große Wunder zu bieten: Die „Hanging Monastery“ und die „Yungang Grottoes“. Das Kloster liegt rund 40 km westlich von Datong. Ganz plötzlich und großartig taucht es auf, von Weitem scheint es, als klebe es am Berg wie ein Gemälde, und je näher der Besucher kommt, desto beängstigender wird der Anblick. Die Anlage liegt in 70 Meter Höhe waghalsig auf Felsvorsprüngen und Holzpfeilern, die teilweise in den Berg getrieben wurden. Seit 1.500 Jahren trotzt es dort oben Wind und Wetter. 461 wurde der Tempel erbaut und später, während der Ming-Dynastie (1368–1644) und Qing-Dynastie (1644–1911), renoviert und ausgebaut. Stufen führen steil hinauf zur Anlage, die manchmal nicht breiter ist als ein Balkon; die Balustrade ist hüfthoch, dahinter geht es in die Tiefe. In 40 kleineren und größeren Räumen stehen Skulpturen aus Eisen, Stein und Terrakotta. Das Besondere an dem Kloster ist, dass hier die traditionellen chinesischen Religionen Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus vereint sind. Das Gebirge, an dem der Tempel hängt, der Heng Shan, ist einer der fünf heiligen Berge des Daoismus. In China werden die Berge seit jeher verehrt, die Menschen glauben, dort den Göttern näher zu sein.

Vom Berg zurück in die Ebene: Die zweite Attraktion liegt in entgegengesetzter Richtung 16 km von Datong entfernt: Die Yungang-Grotten, die „Wolkengrat-Felsenhöhlen“, wie sie übersetzt heißen. Seit 2001 stehen sie auf der Weltkulturerbeliste der Unesco. Auf einer Länge von einem Kilometer wurden verteilt auf 50 Haupthöhlen rund 50.000 Buddhastatuen – die größte 16 Meter hoch, die kleinste nur wenige Zentimeter groß – in den Sandstein gemeißelt. Wie das Kloster entstanden auch sie vor 1.500 Jahren, als die Kaiser der Wei-Dynastie den Buddhismus zur Staatsreligion erklärten. Sie hofften, dass ein Volk, das einer friedliebenden Religion anhängt, einfacher zu regieren sei. Datong hieß damals Ping Sheng und war die Hauptstadt des Kaiserreiches. Etwa drei Jahrzehnte nach Beginn der Arbeiten verlegte die Wei-Dynastie ihren Sitz nach Luoyang (wo dann die Longmen-Grotten entstanden). In Datong wurde trotzdem weiter gebaut, wenn auch in kleinerem Stil und mithilfe privater Mäzene. 40.000 Handwerker, die aus Städten entlang der Seidenstraße, aus Pakistan, Afghanistan und Indien kamen, schufen die Statuen. Heute gelten sie als die besten Zeugnisse buddhistischer Kunst. Obwohl die Buddhas halb im Freien stehen und nebenan die Schlote des Kohlekraftwerks wenig verheißungsvoll in den Himmel ragen, sind sie in erstaunlich gutem Zustand.

Datong selbst ist nichts Besonderes, eine chinesische Stadt eben, in der so wenige Ausländer auftauchen, dass die, die kommen, neugierig angestarrt werden. Das Besuchsprogramm lässt sich locker an einem Tag bewältigen, wer mehr Zeit hat, bleibt zwei Tage und fliegt dann am Abend wieder zurück nach Peking oder weiter nach Xi’an oder Shanghai oder Shenzhen.

Info
Reisezeit
Anfang April bis Ende Oktober
Flüge
Keine Direktflüge! Am besten über Peking oder in Verbindung mit Xi’an oder Shanghai.
Reiseanbieter
The Last Frontiers“ organisieren Flug, Hotel und englischsprachige Reisebegleitung.

sba

Leave a comment