Das Brot vor dem Mülleimer retten

Elsa und Alessio haben vier Brötchen in ihrer Tasche. Sie sind ein bisschen enttäuscht. Alessio ist zum zweiten Mal beim Bread Run dabei, seine Freundin das erste Mal. „Das ist kein schwieriger Job, den wir hier machen müssen. Wir bringen nur Brot von einem Ort zum anderen“, begründet Elsa ihr Engagement bei der Brotsammelaktion von Feeding Hong Kong. Die Nicht-Regierungsorganisation sammelt und verteilt Lebensmittel an Bedürftige und engagiert sich im Kampf gegen die tägliche Nahrungsmittelverschwendung.

Elsa ist deshalb etwas enttäuscht, dass sie nur so wenige Brötchen beisteuern konnte.
Zwei Mal pro Woche, am Dienstag und am Donnerstag, findet in Hong Kong der Bread Run statt. Freiwillige Helfer sammeln am Abend überall in der Stadt leftovers ein, die Bäckereien nicht verkauft haben. Sie bringen sie in ein Lagerhaus in Yau Tong in Kowloon, wo auch Feeding Hong Kong seinen Sitz hat. Von dort aus werden sie – meist noch in der Nacht – an bedürftige Schulen oder kleinere Hilfsorganisationen verteilt, die dann ihrerseits die Brötchen weitergeben. „Ich verstehe, dass die Helfer enttäuscht sind, wenn die Bäckereien nur wenig oder womöglich gar kein Brot mehr haben, das sie weitergeben könnten“, sagt Shermaine Ho von Feeding Hong Kong. Tatsächlich sei das aber ein gutes Zeichen. „Als wir vor vier Jahren mit dem Bread Run begonnen haben, hatten manche Bäckereien noch 100 Brote und Brötchen übrig. Inzwischen haben sie umgedacht und Überproduktion als Problem wahrgenommen. Sie produzieren viel weniger beziehungsweise so viel, wie die Kunden kaufen – und haben darum am Abend nichts mehr übrig.“

Jeden Tag werden in Hong Kong so viele Lebensmittel weggeworfen, dass damit 130 Doppeldecker-Busse gefüllt werden könnten. „Ein großer Teil davon ist nicht verdorben oder hat das Haltbarkeitsdatum überschritten, jeder könnte die Sachen noch essen“, erklärt Shermaine. Der Bread Run rettet jeden Abend zwischen 600 und 800 Brötchen vor dem Mülleimer. Sechs Hong Konger Bäckerei-Ketten beteiligen sich an der Aktion, darunter Maxim’s Cakes und Pret a Manger. Zwischen 30 und 50 freiwillige Läufer sind bei jedem Bread Run dabei. „Am besten verabredet man sich mit Freunden und nimmt sich gleich mehrere Bäckereien vor, dann ist die Ausbeute größer“, erklärt Joey Yuen, die zum dritten Mal beim Bread Run mitmacht und diesmal in Begleitung von zwei Freunden ist. Sie können gleich mehrere Tüten voller Brot auf dem Sammeltisch ausleeren. Danach werden Fotos gemacht – nach dem Motto „Tue Gutes und rede darüber.“

Am nächsten Tag erhält jeder Bread Runner eine Danke-Schön-Email, die außerdem darüber informiert, wie viel Brot zusammengetragen und an wen gespendet wurde. Die Mail schließt mit den Worten: „Wir hoffen, wir sehen Dich beim nächsten Lauf wieder“ – verbunden mit einem Link zur Anmeldung.

Info
Wer beim Bread Run am Dienstag oder Donnerstag mitmachen möchte, kann sich ganz unkompliziert über Eventbrite anmelden und eine (oder mehrere) Bäckereien auswählen.

sba

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