Cha Kwo Ling Village: Bruchbuden oder Kulturerbe?

Spaziert man durch die engen, labyrinthartigen Gassen von Cha Kwo Ling Village, ist es schwer, sich vorzustellen, dass es sich hier einst um eine florierende Dorfgemeinschaft handelte. Auf den ersten Blick sieht man eine mehr oder weniger baufällige Barackensiedlung oder sogar einen Slum. Man wird jedoch meist gegrüßt und überall spürt man, dass sich die Bewohner Mühe geben, ihren Wohnraum und ihre Umgebung mit Deko, Pflanzen und kleinen Gärten schön zu gestalten.

Tatsächlich gab es die Siedlung bereits vor der Kolonialisierung von Hong Kong durch die Briten. Damals lebten hier nur einige Fischer, wie eigentlich überall auf dem jetzigen Gebiet von Hong Kong. Mit dem Einzug der Kolonialmacht änderte sich dies aber. Es gab plötzlich einen hohen Bedarf an Baumaterialien und die kleine Siedlung wurde durch Zuzug von Hakka-Chinesen vom Festland immer größer und entwickelte sich zu einer Tagebausiedlung. Durch den Granitabbau am gleichnamigen Berg wurde Cha Kwo Ling zu einer wohlhabenden Gemeinschaft, die bis in die 70er Jahre hinein bis zu 20.000 Einwohner zählte. Beispiele für Gebäude, die heute noch existieren und die mit dem Granitstein aus Cha Kwo Ling gebaut wurden, sind die Bank of China, der Tai Kwun-Komplex in Central sowie der Community-Komplex in Sai Ying Pun.

Mit Schließung des Tagebaus verkleinerte sich die Gemeinde zunehmens. Drei große Feuer zwischen 1983 und 2006 taten ihr übriges. Heute leben noch schätzungsweise rund 2.500 Menschen in der von der Regierung als illegale Siedlung (squatter village) bezeichneten Gemeinde. Man findet sogar offizielle Schilder, die vor Kauf und Ausbau der der bestehenden Bauten warnen. Obwohl schon seit Jahrzehnten von der Räumung und dem Abriss der Siedlung gesprochen wird und man einerseits liest, dass das Land der Regierung gehört, hört man auch, dass bereits mehrere Bauträger oder Firmen versucht haben, das sehr attraktiv gelegene Gelände aufzukaufen. Gescheitert seien diese Bemühungen angeblich wegen sehr undurchsichtigen Eigentumsverhältnissen und der Kleinteilung des Landes. Zudem gibt es eine Bürgerinitiative, die für den Erhalt der Siedlung kämpft. Die Menschen im Village beklagen, dass sie vom Staat allein gelassen würden; viele der Häuser hätten nicht einmal Wasser bzw. Kanalisationsanschluss, und die Bewohner dieser Häuser seien auf die öffentlichen Toiletten angewiesen. Obwohl den Bewohnern angeblich auch Abfindungen und Wohnungen in nahe gelegenen Hochhäusern angeboten wurden, zogen es viele vor, in ihrer kleinen Gemeinde zu bleiben. Verglichen mit den „Hamsterkäfigen“ der modernen Gebäude sind ihre Baracken wohl für diese Leute ein schöneres Zuhause.

Was ist Cha Kwo Ling Village nun? Ein schützenswertes Kleinod oder eine abrisswürdige Barackensiedlung? Nun, wer sich für die alltägliche Kultur von Hong Kong interessiert, der wird von Cha Kwo Ling fasziniert sein. Denn früher bestand ein Großteil von Hong Kong aus eben solchen Siedlungen, die über die letzten Jahrzehnte fast alle den üblichen Hochhauskomplexen weichen mussten. Wandert man durch die wunderbaren Gassen, kann man sich im Tante-Emma-Laden mitsamt liebenswerter „Tante Emma“ etwas zu trinken kaufen oder im kleinen Café, das früher mal eine Kirche war und dessen Bänke noch aus der Kirche stammen, einen traditionellen Hong Kong-Style Milk Tea probieren. Für Abenteuerlustige gibt es auch ein rustikales Restaurant, das an der parallel zur Cha Kwo Ling Road verlaufenden Hauptgasse liegt; die Karte ist garantiert nur auf kantonesisch. Das älteste Gebäude des Dorfes ist das 1855 aus Granit erbaute Law Mansion (50 Cha Kwo Ling Rd) und war früher eine Art Gemeindehaus. Am Rande der Siedlung kann man auch ein altes Drachenboot bestaunen, das zwar liebevoll gepflegt wird, aber seit über 20 Jahren nicht mehr auf dem Wasser war.

Neben dem Cha Kwo Ling Village liegt einer der schönsten Tin Hau-Tempel Hong Kongs, der ursprünglich 1825 erbaut, aber 1999 aus regionalem Granit neu errichtet wurde. Hier wird nicht nur die Meeresgöttin Tin Hau verehrt, sondern auch Lo Pan, der Gott der Bauarbeiter. Ihm zu Ehren halten die Dorfbewohner alljährlich ein großes Fest ab, bei dem selbst ehemalige Bewohner zu Besuch in die alte Heimat zurückkehren. Etwas versteckt neben dem Tempel befinden sich zwei Fruchtbarkeitsfelsen. Der Legende nach, wird den Frauen ein Sohn geschenkt, wenn sie diese berühren und mit Gebeten ehren.

Wer sich Cha Kwo Ling gerne selber anschauen möchte, der fährt am besten mit der MTR nach Lam Tin oder Yau Tong und begibt sich zur Cha Kwo Ling Rd. Es gilt allerdings bei der Erkundung, den Bewohnern den notwendigen Respekt zu zollen und nicht einfach in die offenstehenden Haustüren hinein zu fotografieren oder Bilder von Omas Unterwäsche an der Wäscheleine zu machen. Sonst kann es durchaus sein, dass man die Siedler von ihrer etwas unangenehmeren Seite kennenlernt.

Heike Kluger

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