Bibeldrucken im Land des offiziellen Unglaubens

174.261.580 zeigt die Leuchttafel in der Eingangshalle an. Dann 174.261.581. Und schon 174.261.583. „Pro Sekunde drucken wir eine Bibel“, erklärt Gillian Chen, während sie den Besucher in Richtung der Glasvitrinen in der Eingangshalle führt. Dort liegen die Gastgeschenke aus, die Delegationen aus anderen Ländern mitgebracht haben, und dort ist auch die Geschichte der Druckerei anhand der Zahlen aufgeführt: 1988 gegründet, 1995 zehn Millionen Bibeln gedruckt, fünf Jahre später sind es 25 Millionen, 2012 wird die 100-Millionen-Marke geknackt. Im Juli 2016 erfolgt die Veröffentlichung der 150 millionsten Bibel. Damit ist die Druckerei führend in der Herstellung von Bibeln, nirgendwo sonst auf der Welt wird das Buch der Bücher so viel gedruckt wie hier.

Hier – das ist ein modernes Gebäude auf einer grünen Wiese in Nanjing in China. Es sieht aus wie in jedem deutschen Industriegebiet, das vor den Toren der Stadt errichtet wurde, um Platz für große Firmen zu schaffen. Die Amity Printing Company, so der Name der Druckerei, hat vor zehn Jahren ihren Standort an die Mozhou Middle Road verlegt. Die nächste U-Bahn-Haltestelle ist nicht weit, zum Flughafen wie in die Stadt dauert es mit dem Auto etwa eine halbe Stunde, je nach Verkehr. Nanjing ist eine von vielen Städten, von denen kaum jemand außerhalb Chinas Notiz genommen haben dürfte. Dabei leben hier mehr als acht Millionen Menschen. Der größte Hafen der Welt, Shanghai, ist 300 Kilometer entfernt. Von hier werden die in Nanjing hergestellten Produkte in alle Herren Länder verschifft – Auto- und Computerteile, Chemieprodukte und eben Bibeln.

Doch anders als Auto- und Computerkomponenten sind Bibeln im kommunistisch regierten und damit atheistischen China ein kritisches Produkt. Religionen sind in China zwar offiziell zugelassen, aber nur in engen Grenzen und überwacht von staatlichen Organisationen. Gläubige, die sich nicht den Staatskirchen unterordnen wollen, finden sich in den sogenannten Untergrundkirchen zusammen. Diese existieren an vielen Orten parallel zu den offiziellen Gemeinden und wurden bislang weitgehend toleriert. Zuletzt aber hat der Druck auf Religionsgemeinschaften zugenommen, und immer öfter nimmt Peking die nicht-staatlichen Kirchen ins Visier.

Bei der Amity Printing Company ist davon zunächst nichts zu spüren. In der großen Werkshalle wird gedruckt, was das Papier hergibt. „Wir verbrauchen pro Monat 4.000 Blatt Papier“, erklärt Gillian Chen. Ein Mitarbeiter betrachtet jeden Zentimeter des Blattes, dreht und wendet es, ehe er seinem Kollegen ein Zeichen gibt, weiterzudrucken. Auf der anderen Seite der Halle hantieren mehrere Männer mit Bündeln voller Papierstreifen; was falsch bedruckt ist, wird in ein großes Behältnis geworfen, die anderen Stapel werden schwungvoll zurechtgeschüttelt, bis die Kanten fein säuberlich übereinander liegen, dann werden sie zwischen Holzbretter geklemmt, damit sie anschließend zurechtgeschnitten und gebunden werden können.

500 Mitarbeiter hat die Amity Printing Company, viele von ihnen sind Wanderarbeiter. Sie kommen aus Dörfern, die oft 500 Kilometer oder 1.000 oder gar noch weiter entfernt sind; Nanjing ist für sie eine andere Welt, aber der einzige Ort, wo sie Geld verdienen können, um ihre Familien zu ernähren. Manchmal kommen die Ehepaare gemeinsam und lassen ihre Kinder in der Obhut ihrer eigenen betagten Eltern auf dem Land zurück. Sie hoffen, ihren Kindern eines Tages eine bessere Zukunft ermöglichen zu können. Einmal im Jahr, zum chinesischen Neujahrsfest im Februar, reisen sie in ihre Provinzen zurück. Den Rest des Jahres verbringen sie in einem Wohngebäude auf dem Gelände der Druckerei. Ohne diese Wanderarbeiter, die durchschnittlich 400 bis 500 Euro im Monat verdienen, wäre Chinas rasanter Aufstieg in den vergangenen 30 Jahren nicht denkbar gewesen. Auch die Amity Druckerei verdankt ihren Aufstieg zum weltgrößten Bibelproduzenten nicht zuletzt den Wanderarbeitern.

Im Akkord streicht eine Frau flüssigen Klebstoff auf den Rücken der Bibel, drückt diesen in den schwarzen Ledereinband, schließt probeweise den Reißverschluss, öffnet ihn wieder, schließt ihn, legt das fertige Buch auf einen Stapel. Nächste Bibel, Klebstoff drauf, festdrücken, Reißverschluss prüfen. „Wir bieten alle Arten von Einbänden, Hardcover oder Softcover, in verschiedenen Farben und Designs, je nach Wunsch des Kunden“, erklärt Gillian Chen. Auch Gold- und Farbschnitte seien möglich. Die Amity Printing Company druckt die Bibel in hundert Sprachen, darunter elf verschiedene chinesische Dialekte. Auch in der Blindenschrift Braille wird die Bibel hergestellt, die umfasst dann 32 einzelne Bände. Daneben werden Nachschlagewerke und eine Reihe von Kinderbüchern produziert. Die wichtigsten Partner für den Vertrieb der Bibeln im Ausland sind die Bibelgesellschaften, auch die deutsche Bibelgesellschaft bezieht ihre Bücher unter anderem aus Nanjing.

Die Amity Printing Company ist ein Gemeinschaftsunternehmen von Amity Foundation und United Bible Societies, in der Bibelgesellschaften aus der ganzen Welt vereinigt sind. Die Amity Foundation, 1985 in Nanjing gegründet, ist eine christliche Hilfsorganisation. Ihr Schwerpunkt ist die Arbeit in den Kommunen, sie unterstützt Bauern auf dem Land, kümmert sich um Gesundheitsvorsorge, vergibt Schulstipendien, nimmt sich der Waisenkinder an, hilft bei Umweltkatastrophen. Grundsätzlich steht die kommunistische Regierung in Peking außerstaatlichen Organisationen wie Amity skeptisch gegenüber, auf der anderen Seite sind die lokalen Behörden auf sie angewiesen, denn das staatliche Hilfsnetz ist löchrig.

Die Führung durch die Druckerei ist zu Ende. Auf der Tafel steht inzwischen die Zahl 174.265.975. Etwas weniger als die Hälfte dieser Bibeln, rund 80 Millionen, wurden in China verkauft. Das entspricht in etwa der Zahl der Christen im Land, die in den vergangenen Jahren stetig gewachsen ist – aller Repressalien zum Trotz. Der Zugang zur Bibel könnte in Zukunft allerdings schwierig werden. Im April hat die chinesische Regierung den Vertrieb der Bibel auf allen Online-Plattformen verboten; nur noch christliche Buchläden sollen sie weiter verkaufen dürfen. Für die Amity Printing Company wird das kaum Folgen haben – sie verkauft ihre allermeisten Bibeln ohnehin über diese Läden.

sb

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