Balanced Body, Balanced Mind: Mindful Wing Chun

„Leere deinen Geist, werde formlos, gestaltlos wie Wasser. Wenn man Wasser in eine Tasse gießt, wird es zur Tasse. Gießt man Wasser in eine Flasche, wird es zur Flasche. Gießt du Wasser in eine Teekanne, wird es zur Teekanne. Wasser kann fließen oder es kann brechend sein. Sei Wasser mein Freund,“ ist ein Zitat des weltberühmten Kampfkünstlers und Schauspielers Bruce Lee, dessen Geschichte untrennbar mit Hong Kong verbunden ist. 

Was viele Menschen nicht wissen ist, dass Lees Karriere bereits in seinen Jugendjahren mit Wing Chun begann. Wing Chun ist eine Art Kung Fu (chinesische Kampfkunst), das vor über 300 Jahren von einer Shaolin-Nonne entwickelt wurde. Sie wollte es auch schwächeren Menschen ermöglichen, sich selbst zu verteidigen und sogar einen in klassischen Kampfkünsten trainierten, körperlich überlegenen Menschen zu besiegen. Dies führt noch heute manchmal zu spöttischen Kommentaren, dass Wing Chun eine Frauensportart sei. Allerdings ergeben sich aus diesen Spötteleien in der Regel keine Straßenkämpfe zwischen rivalisierenden Kung Fu-Schulen mehr, wie es in den 50er Jahren in Hong Kong durchaus häufig der Fall war. Kung Fu hatte damals noch einen hohen Stellenwert in der Freizeitkultur der Menschen. Nach der Arbeit gingen viele in ihre Kampfkunstschule, um dort miteinander Abendessen zu kochen und dann bis spät zu trainieren. Heutzutage scheinen chinesische Kampfkünste, zu denen auch Chi Gong und Tai Chi zählen, im Ausland populärer zu sein, als in China bzw. Hong Kong.

Als ich nach Hong Kong kam, war ich sehr von der Kultur fasziniert und wollte die Gelegenheit nutzen, auf eine körperliche Art in diese fremde Kultur einzutauchen. Also suchte ich mir, statt einem Yoga- oder Fitnessstudio, ein Kung Fu-Studio. Nach etwas Internetrecherche und ein paar Probestunden entschied ich mich dann für die Mindful Wing Chun-Schule in Central und begann die Kunst des „schönen Frühlings“ zu erlernen. Die Atmosphäre war freundlich locker und die Passion der Lehrer sehr inspirierend. Trotz der modernen Art der Wissensvermittlung, die auf eine erzwungene Disziplin verzichtet, bleibt die Schule der Tradition und der Essenz von Wing Chun treu.

Was ist denn nun Mindful Wing Chun genau? Neben einer Art Selbstverteidigung und Kampfkunst ist es auch eine Art Meditation. Es dient der Fitness und kann auch zu einer veränderten Lebensphilosophie werden, sofern man das möchte. Mindful Wing Chun ist jedem Geschlecht, Alt und Jung und selbst Menschen mit Behinderungen oder körperlichen Einschränkungen zu empfehlen. Sie fördert die Entwicklung der Aufmerksam- und Achtsamkeit bei Kindern und Erwachsenen sowie die Erhaltung der Beweglichkeit im Alter und kann auch der Korrektur von Haltungsdefiziten und als unterstützende Rehamaßnahme nach Verletzungen dienen. Im Mindful Wing Chun-Studio wird stets auf die Bedürfnisse und Präferenzen eines Jeden eingegangen.

Der 2014 verstorbene Wing Chun Großmeister Chu Shong Tin betonte stets, dass es wichtig wäre, die Bewegungen zu erforschen, anstatt hart daran zu arbeiten, sie richtig auszuführen. Chu Shong Tin war Schüler und später Lehrer in der Schule des legendären Yip Man, der zu den bekanntesten Persönlichkeiten Hong Kongs zählt und Bruce Lees erster Lehrmeister war. Yip Man wurde von Donnie Yen (Star Wars: Rogue One) in den international erfolgreichen Ip Man-Filmen portraitiert. Die Filme sind zwar nur teilweise biografisch, vermitteln aber sehr gut, um was es bei Wing Chun geht. Zu Beginn lernt man die sogenannten Siu Nim Tao-Formen. Das sind meditativ ausgeführte Bewegungsabläufe, in Verbindung mit einer Wing Chun-spezifischen Körperhaltung. Man trainiert alleine und übt dann in der Begegnung mit einem Gegenüber.

Muskuläre Anspannung ist in der Regel die normale Art und Weise des Körpers, Bewegungen auszuführen oder auch auf Stress zu reagieren. Hier trainiert man jedoch die Gelenke im Körper bewußt zu entspannen. Wer dies meistert, wird in der Lage sein, jedes Gelenk in einer außerordentlich kraftvollen, jedoch mühelosen Art und Weise zu benutzen. Wer Mindful Wing Chun praktiziert, kann gewohnheitsmäßige Reaktion umlernen und etwas für die eigene Persönlichkeitsentwicklung tun. Es geht nicht nur um Techniken oder bestimmte Bewegungsabläufe; es handelt sich um einen intuitiven Ansatz (be like water), der die Verbindung zwischen Körper und Geist, die Eigenwahrnehmung und das Körperbewusstsein schult.
Im Studio trifft man Männer und Frauen jeden Alters. Neben den Stunden für Kinder zwischen drei und zwölf Jahren werden auch Trainingseinheiten tagsüber und abends für Erwachsene angeboten. Das Studio bietet kostenlose Probestunden für alle Interessierten an.

Heike Kluger

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