Aus Regenschirm wird Regenjacke

Hong Kong. Nina Mak muss die Naht wieder auftrennen. „Das war die falsche Seite, der Stoff muss andersherum liegen“, erklärt ihr Lina Wai. Frau Mak greift zur Schere, schneidet den Faden Stück für Stück wieder durch, kehrt den Stoff von innen nach außen. Sie legt die Ränder übereinander, schiebt das Stoffteil unter die Nadel der elektrischen Nähmaschine und rattert darüber. Frau Wai ist zufrieden. „Das habe ich noch nie gemacht, ein Regenumhang für Rollstuhlfahrer“, erklärt Frau Mak und beugt sich dann wieder über die Stoffbahnen.  

Frau Wai kehrt zu ihrem Tisch zurück. Dort stehen mehrere Säcke, sie sind prall gefüllt mit Stoffen. Blaue, rote, grüne, mit Punkten, Blümchen oder Karos, manche tragen auch ein Firmenlogo oder eine Comicfigur. Die Stoffe waren mal ein Regenschirm. Alte, ausrangierte Schirme. „Ich habe mir gedacht, die Stoffe sind doch wunderschön, die kann man recyceln“, erzählt Frau Mak, wie sie vor zwei Jahren auf die Idee kam, Regenschirme wiederzuverwerten. Mit der Idee ging sie in Kowloon zu einem Sozialzentrum der Caritas – eine der größten Nicht-Regierungsorganisationen in Hong Kong – wo sie bereits als Freiwillige aushalf. Sie gründete eine Frauengruppe, die sich seitdem immer montags zum Schirmrecycling trifft. Die Regenschirme werden gespendet, oder die Frauen sammeln weggeworfene Exemplare auf den Straßen ein.

Der Recyclingprozess verläuft in mehreren Schritten: Zunächst muss der Stoff aus dem Metallgestänge des Schirms gelöst werden. Dann wird er gewaschen und desinfiziert. Der nächste Schritt findet einen Tisch weiter bei Frau Wai statt: Der Zuschnitt der Stoffe. Frau Wai ist Profi, sie hat Jahrzehnte in der Bekleidungsindustrie gearbeitet und dort unter anderem die Schnittmuster entworfen. „Wie alt ich bin? 82 Jahre. Aber zu Hause ist mir langweilig“, erklärt sie und schneidet ein Papier zurecht, das als Vorlage für eine kleine Handtasche dienen soll. Ganz am Anfang haben sie nur Kochschürzen gemacht. „Das war am einfachsten“, sagt Frau Wai. Jetzt gehören zum Sortiment Einkaufstaschen, Sportbeutel, Regencapes, Schutzbezüge für Rucksäcke, Handyhüllen.

Inzwischen hat die Recyclingtruppe auch einen eigenen Markennamen. Sie heißen „Nachbarschaftsgruppe“. Das Etikett nähen sie in die Taschen ein: Der Name auf kantonesisch, die Telefonnummer der Caritas und ein Regenschirm.

Info
Wer eine recycelte Regenschirmtasche haben möchte, kann diese im Sozialzentrum der Caritas erstehen, und zwar am 20.8. und 24.9. von 10:30–13 Uhr und von 14:30–17 Uhr.
1 On Tak Road, 2/F, Caritas Community Centre, Ngau Tau Kok, Kowloon
T: 2750 2727
Außerdem hat die Gruppe auf derm Farmers‘ Market in Central (Star Ferry Pier) am 23.10. (11–17 Uhr) einen Stand. 

sba

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