Suche nach den eigenen Grenzen

Selbst das fahle Morgenlicht scheint den feuchtwarmen Aggregatzustand der umgebenden Treibhausluft angenommen zu haben. Träge vermischt es sich mit dampfenden Nebelfetzen, die sich mit einer tief hängenden Wolkendecke verbinden, und schält dabei zögernd das graue Asphaltband, das uns an die Ostküste Malaysias führen wird, aus dem undurchdringlichen Grün des tropischen Regenwalds.

Zu dieser frühen Morgenstunde sind wir noch ziemlich alleine unterwegs, wir können die BMW und die Kawasaki von der Leine lassen. 400 nächtliche Kilometer liegen bereits hinter uns, und die weiteren 1.300 km zurück nach George Town bleiben uns unvergesslich: Die Fahrt über die grandiose Berg- und Talbahn zum Beispiel, die uns gerade durch einen der ältesten Regenwälder der Erde führt, erweist sich als nachhaltig beeindruckendes Naturerlebnis. Ich genieße die aufkommenden Glücksgefühle in vollen Zügen, denn ich weiß aus eigener Erfahrung, es gibt nicht das eine, große Glück. Es gibt viele Glücks, die meisten klein, andere groß, man muss sie nur suchen. Und manchmal findet man sie sogar.  

Wir verlassen George Town, die quirlige Hauptstadt des Bundesstaates Penang, über eine fast 14 Kilometer lange Schrägseilbrücke, die die gleichnamige Insel mit dem malaysischen Festland verbindet. Hier gibt es nichts zu sehen: Eine pechschwarze Nacht hat die unendlichen Reisfelder verschluckt, die sich von Penang bis hinein nach Thailand ziehen, und irgendwo am Horizont liegt ein Gewitter in den letzten Zuckungen.
Bei einsetzendem Tageslicht nehmen wir die berauschend schöne Strecke durch die großartige Natur der nördlichen Halbinsel in Angriff.

Wenn der Weg das Ziel ist, dann ist unser Ziel über 1.000 Meilen lang.
Es geht um eine Erfahrung. Die Erfahrung der eigenen Grenzen.
Ein Motorrad ist auf unserem Abenteuer nicht nur unabdingbare Voraussetzung, sondern ein idealer Reisebegleiter. Die direkte Verbindung von Mensch und Maschine, beide auf ihre eigene Art verwundbar, macht die Grenze zwischen Außen- und Innenwelt durchlässig. Mit jeder kontrollierten Bewegung, mit jeder unmittelbaren Rückmeldung des Motorrads steigen positive Emotionen hoch, Glückshormone sprudeln durch den gesamten Körper. Wir sind nur noch auf die Fahrt fokussiert. Es gibt keine Vergangenheit, die Zukunft rückt in weite Ferne, auf den nächsten 1.000 Meilen leben wir nur im Moment.
Kilometer um Kilometer saugen wir die faszinierende Landschaft in uns auf, tauchen tiefer und tiefer hinein ins lebendig gewordene Dschungelbuch. Die Artenvielfalt in den rund 130 Millionen Jahre alten Bergwäldern ist einzigartig, unter ihrem Blätterdach leben sogar Tiger und Elefanten.
Als wir die Ostküste erreichen, herrscht eine Luftfeuchtigkeit von 98%, und obwohl sich die Temperatur erst langsam der 30 °C Marke nähert, schafft sie es bereits problemlos, die Kombination aus Integralhelm und Schutzkleidung in einen höchst effektiven Saunaanzug zu verwandeln. Irgendwo hinter Terengganu, dem östlichsten Punkt unserer Reise, ist Schluss mit lustig. Als wolle er uns an der Weiterfahrt hindern, drischt ohne sichtbare Vorwarnung monsunartiger Regen auf uns ein. Unter dem schützenden Vordach eines windschiefen Holzhauses streife ich kurz meinen Regenoverall über die völlig durchnässte Textilkombi, dann geht es zurück in den prasselnden Regen. Ein Gefühl wie auf der aberwitzigen Durchfahrt einer kilometerlangen Waschstraße, in der hundert durchgeknallte Heinzelmännchen gleichzeitig ihre Hochdruckreiniger auf uns richten.
Als wir knapp 90 Kilometer vor Singapur unseren südlichsten Wendepunkt erreichen, steht uns das Wasser im Regenoverall bis zum Hals. 13 Stunden sind wir jetzt unterwegs, 1.100 kräftezehrende Kilometer liegen hinter uns. In unseren Stiefeln schwappt das Wasser, die Finger sind taub, und auch die Müdigkeit macht sich stärker bemerkbar.

Es ist dunkel geworden, doch von den Grenzen, die wir erkunden wollen, ist weit und breit nichts zu sehen. Wie weit müssten wir eigentlich fahren, um dorthin zu kommen, wo wir hinwollen? Expeditionen an die Grenzen zum Sein sind anstrengend, und ob sie zum gewünschten Ziel führen, ist fraglich. Doch wie heißt es im Englischen so schön: „You never know until you go.“

Als sich die strahlend leuchtende Silhouette von Kuala Lumpur am dunklen Horizont abzeichnet und wir kurz darauf die weithin sichtbaren Petronas Towers wieder hinter uns lassen, scheint ziemlich sicher: Unsere Grenzen werden wir heute nicht mehr erreichen. Und plötzlich sind wir sogar sehr froh darüber.
Es ist kurz nach Mitternacht, als wir nach George Town kommen und auf dem dort entstandenen Foto strahlt uns nur wenig Müdigkeit entgegen, aber viel Stolz über das Erreichte. Auch wenn es nicht die eigenen Grenzen waren.

Die nassen Kleidungsstücke lassen sich nur widerstrebend vom Körper pellen, und die wasserleichenbleiche Haut darunter sieht aus wie nach einem stundenlangen Bad in extrem heißem Wasser. Zwei eiskalte, alkoholfreie Weizenbiere füllen die leeren Körpertanks auf, dann fallen wir todmüde ins Bett. Morgen beim Abendessen werden mir immer wieder die Ess-Stäbchen aus der zitternden Hand fallen, werden die Gehörgänge vom pausenlosen Ohrenstöpseltragen schmerzhaft angeschwollen und die Arme mit Gelee statt mit Muskelmasse gefüllt sein.
Die selbst gestellte Herausforderung, ein paar unerforschte Ecken unseres Innenlebens kennenzulernen, endete durchaus erfolgreich. Doch eine Frage bleibt offen: „Was ist aus den Grenzen geworden, die wir gesucht haben?“

Je näher wir ihnen auf unserer Reise kamen, desto weiter haben sie sich von uns entfernt. Erreicht haben wir sie letztendlich nicht. Doch die Erfahrung, dass uns selbst 1.000 strapaziöse Meilen nicht an die eigenen Grenzen führen konnten, gibt uns ein gutes Gefühl für weitere Motorrad-Abenteuer. Das ist vielleicht der eigentliche Gewinn dieser Reise: Sie hat uns nicht nur einen erweiterten Bewegungsraum ermöglicht, sondern vor allem eine größere Freiheit geschenkt, diesen Raum auch zu nutzen.

Sieht also ganz so aus, als wäre dies nicht das Ende unserer Reise gewesen.
Sondern erst der Anfang.

Bernd Müller, as:if Film Matters Berlin

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