Anlaufstelle Seemannsmission

Die Containerschiffe, die in Hong Kong anlegen, bleiben oft nicht lange, vielleicht vier, maximal 14 Stunden. Das ist nicht viel Zeit – aber manchmal genug, um mit Martina Platte zu sprechen. Die gebürtige Westfälin leitet seit mehr als 20 Jahren die deutsche Seemannsmission in Hong Kong. Ihre Hauptaufgabe ist Zuhören.  

Martina Platte ist studierte Sozialarbeiterin und ausgebildete Diakonin. Seit 1995 ist sie in Hong Kong bei der Seemannsmission. Sie kennt viele Schiffe und viele Besatzungsmitglieder, und die kennen Martina. Seemannsmission klingt nach Missionieren, tatsächlich aber geht es darum, die Seemänner im viertgrößten Containerhafen der Welt willkommen zu heißen. „Ich bin fast jeden Tag auf einem Schiff, und die Besatzung freut sich, wenn ich an Bord komme. Wir reden ein bisschen, manchmal gehe ich auch wieder nach zehn Minuten, aber auch das ist ok.“ Wichtig sei es, Präsenz zu zeigen. „Die Seeleute sollen wissen, dass es uns gibt.“

Für den Fall, dass es dann doch einmal ernsthafte Probleme gibt, mit der Familie, die in weiter Ferne zu Hause wartet; mit der Crew, die fast immer knapp besetzt ist und oftmals über Nationalitäten und Sprachgrenzen hinweg zusammengewürfelt wird; mit den niedrigen Löhnen und starren Hierarchieverhältnissen; mit der Eintönigkeit vieler Tage auf hoher See, in denen die Seeleute außer sich und dem Meer nichts anderes sehen. „Wer im Winter über den Pazifik fährt, hat in der Regel schlechtes Wetter, es ist stürmisch und schaukelt ganz schön.“ Hinzu kommt die Langeweile: Von Hong Kong nach Seattle an die Westküste der USA dauert es zehn Tage. Zehn Tage ohne Land in Sicht und Lade-Löschbetrieb.

Wenn die Schiffe in einen Hafen einlaufen, ist der erste – und angesichts kurzer Liegezeiten oftmals auch einzige mögliche Gang – der zur Seemannsmission. „Das Wichtigste ist es, neben Prepaidkarten für die Handys oder einem Internetanschluss, um über Skype die Ehefrauen, Freundinnen und Kinder anzurufen, einfach mal wegzukommen vom Schiff und etwas anderes zu sehen.“ Im Mariner’s Club, wie sich das blaue Gebäude direkt am Containerhafen in Tsim Sha Tsui nennt und in dem auch die dänische Kirche eine Etage hat, kann die Besatzung eine Auszeit vom beengten Leben an Bord nehmen. Und in Martina Platte einen Ansprechpartner finden, der, wie sie sagt, nicht vom Schiff oder der Reederei kommt, und der alles, was besprochen wird, vertraulich behandelt. „Es gibt sonst niemanden, zu dem die Seeleute gehen könnten.“

Es kommt auch vor, dass Kapitäne sie fragen, ob sie nicht mitfahren wolle. Und immer wieder tut sie das auch. Sie besteigt dann als meist einzige Frau inmitten von zwei Dutzend Männern die riesigen Containerschiffe und ist drei, vier, manchmal auch mehr Tage an Bord. „Dann haben wir vernünftig Zeit zu reden und auch Probleme detaillierter anzugehen.“

Immerhin, die Seeleute haben feste Arbeitszeiten. Die hat Martina nicht. Der Mariner’s Club ist ihr Arbeitsplatz, und hier wohnt sie auch. Wenn sie raus will aus dem Job, muss sie raus aus dem Haus. Dann muss sie einen Grund finden, um nach Hong Kong Island zu fahren, oder sie fliegt tatsächlich weg. Dass sie Hong Kong dauerhaft verlässt, kann sich die 54-Jährige auf absehbare Zeit nicht vorstellen. „Es ist schwierig, anderswo einen Posten zu finden, die Stellen in der Seemannsmission werden, so wie das Geld, immer weniger.“

Aber eigentlich will Martina auch gar nicht weg. Die Schiffe und die Menschen an Bord würden ihr fehlen.

Die deutsche Seemannsmission, die seit 130 Jahren im In- und Ausland tätig ist, ist in 16 Häfen der Welt präsent. Um sicherzustellen, dass Seeleute überall Ansprechpartner finden, haben sich die christlichen Missionen aus verschiedenen Ländern zusammengeschlossen und können so weltweit in 526 Häfen Seeleute betreuen. Finanziert wird die Arbeit der deutschen Seemannsmission zu einem großen Teil aus Spenden und Eigeneinnahmen, etwa durch den Betrieb von Cafés, Restaurants und Seemannsheimen. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) kommt für 38 Prozent der Ausgaben auf.

Anpacken beim Einpacken
Jedes Jahr packt die Deutsche Seemannsmission Weihnachtspäckchen für Seeleute. Die Geschenke werden in der Advents- und Weihnachtszeit an Bord gebracht, damit auch auf den Schiffen auf See Weihnachtsstimmung aufkommt. Die Packtermine sind voraussichtlich in der ersten Dezemberwoche von 10 Uhr morgens an im Mariner’s Club, 11 Middle Road, Tsim Sha Tsui. Bei Fragen bitte an Martina wenden.

sba

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