100 Jahre Bauhaus: Die Welt neu denken

Das Goethe-Institut macht sich bereit für die alljährliche Festival-Zeit – März bis Mai sind die Monate der Kunst- und Kulturveranstaltungen in Hong Kong. Asia Contemporary Art, Art Central, Art Basel und in diesem Jahr als besonderes „Special“ 100 Jahre Bauhaus. Was es damit auf sich hat und was man davon in Hong Kong entdecken kann, erklärt die Direktorin des Goethe-Instituts, Almuth Meyer-Zollitsch.

inhk: 2019 feiert das Bauhaus sein 100-jähriges Jubiläum. Von Bauhaus hat wohl schon jeder gehört. Was aber genau verbirgt sich hinter dem Begriff?
Almuth Meyer-Zollitsch: Das Bauhaus wurde 1919 in Weimar gegründet, vom Berliner Architekten Walter Gropius. Es handelte sich dabei um eine ganz neuartige Hochschule für Kunst, Architektur und Gestaltung, d. h. Design.

inhk: Was war das Besondere?
Meyer-Zollitsch: Man kann das Bauhaus nicht ohne die Zeit verstehen, in der es entstand: Der Erste Weltkrieg war gerade vorüber, der Kaiser hatte abgedankt und Deutschland war auf dem Weg in die Republik, die ebenfalls in Weimar mit der dort tagenden verfassungsgebenden Nationalversammlung ihren Anfang nahm. Es waren bewegte Zeiten, Zeiten voller Spannungen, aber auch voller Aufbruchstimmung. Und aus diesem Geist heraus entstand das Bauhaus. Erklärtes Ziel war es – da waren die Bauhäusler sehr selbstbewusst – eine komplett neue Epoche des Bauens und Gestaltens zu schaffen.

inhk: Wie sollte denn gebaut werden?
Meyer-Zollitsch: Im Bauhaus findet sich erstmals eine Verbindung zwischen Kunst, Architektur und Handwerk. Den Studenten wurde nicht nur theoretisches Wissen vermittelt, sondern in sogenannten Vorkursen und in Werkstätten der Umgang mit Materialien sowie die praktische Umsetzung beigebracht. Jede Disziplin hatte ihre eigene Werkstatt: Keramik, Weberei, Tischlerei, Metall, grafische Druckerei, Bühnenwerkstatt, Glas- und Wandmalereiwerkstatt. Ziel war es, hochwertige Dinge für den täglichen Gebrauch zu schaffen: Funktionale und bequeme Sitzgelegenheiten, wie den berühmten Freischwinger-Stuhl von Marcel Breuer, und kluge Mehrzweckmöbel für den mobilen Menschen der neuen Zeit. Dazu Teppiche, Tapeten, Lampen und andere Einrichtungsgegenstände, sogar kreatives Kinderspielzeug. Als Professoren hatte Walter Gropius eine Reihe namhafter Künstler engagiert: Johannes Itten, Lyonel Feininger, Gerhard Marcks, Paul Klee, Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky – sie alle lehrten als „Meister“, wie sie sich nannten, am Bauhaus. 

inhk: Neu war auch, dass Frauen zum Studium zugelassen waren.
Meyer-Zollitsch: Das war für die damalige Zeit in der Tat geradezu revolutionär. Zum ersten Mal konnten am Bauhaus, das im Übrigen wie jede andere öffentliche Bildungsanstalt von der Stadt Weimar gefördert wurde, Frauen eine Ausbildung absolvieren und hatten so die Möglichkeit, sich eine künstlerische Karriere aufzubauen. Die Frauen ließen sich das natürlich nicht zweimal sagen, und so gab es einen recht großen Run auf die Hochschule. Am Ende wurde es den anwesenden Herren geradezu unheimlich, und sie versuchten, die Frauenquote zu drücken und die Studentinnen in die „typischen“ Frauenwerkstätten wie Weberei und Textilwerkstatt abzudrängen.  

inhk: Viel Zeit blieb dem Bauhaus nicht: Es musste erst nach Dessau, dann nach Berlin umsiedeln, und dort wurde es 1933, nur 14 Jahre nach seiner Gründung, auf Druck der Nationalsozialisten aufgelöst. Aber die Bauhaus-Geschichte ging weiter, oder?
Meyer-Zollitsch: Auch nachdem die Hochschule selbst offiziell geschlossen war, lebte der Gedanke fort. Zum einen durch die Bauhäusler, die ins Exil gingen, in die USA und nach Israel. Zum anderen weil das Bauhaus längst internationales Renommee erlangt hatte. Und so entfalteten die Impulse, die das Bauhaus in der kurzen Zeit seines aktiven Bestehens für Kunst, Architektur und Design gesetzt hatte, rund um den Globus ihre Wirkung – bis nach Hong Kong, bis ins Arts Centre, wo sich das Goethe-Institut befindet und das von dem Architekten Tao Ho gestaltet wurde, der als Assistent von Walter Gropius an der Harvard University gearbeitet hatte.  

inhk: Und dieser Bauhaus-Impuls hält bis heute an?
Meyer-Zollitsch: Wir leben heute immer noch in einer Lebensumgebung, die vom Bauhaus geprägt ist. Vieles, was wir heute in Architektur und Alltagsdesign als selbstverständlich erachten, geht aufs Bauhaus zurück, die klaren Linien, die Schönheit der Gestaltung, die Zweckmäßigkeit und Bezahlbarkeit. Ikea als Erbe des Bauhauses zu bezeichnen würde wohl zu weit führen, aber es ist schon etwas dran. Einer der Hauptgedanken des Bauhauses war ein ästhetisch hochwertiges Design zu schaffen, das gleichzeitig industriell herstellbar und damit erschwinglich für alle ist. Davor war Design gleich Kunst, und die konnten sich nur wenige leisten, reiche Bürger oder der Adel. Das Bauhaus strebte die Demokratisierung des Designs an.

inhk: Viele der damals entworfenen Gegenstände und Möbel werden noch heute 1:1 produziert. Was sind Ihre liebsten Bauhaus-Stücke?
Meyer-Zollitsch: Das elegante silberne Teeservice von Marianne Brandt oder die Kugellampe von Wilhelm Wagenfeld. Das sind Stücke, die uns auch in 100 Jahren noch faszinieren werden, dank ihrer perfekten Formgebung.

100 Jahre Bauhaus im Goethe-Institut

Zum Ansehen: Picturing Bauhaus – Historische Fotoausstellung über das Leben und Arbeiten am Bauhaus. 10. April – 31. Mai, viele Begleitveranstaltungen. Buchausstellung: Neuerscheinungen über das Bauhaus. Goethe-Galerie, Black Box Studio und Goethe-Bibliothek, im Hong Kong Arts Centre (2 Harbour Rd., Wan Chai)

Film: Vom Bauen der Zukunft – 100 Jahre Bauhaus. 10. April im Hong Kong Arts Centre, 11. April in der Hong Kong University.

Zum Mitmachen: Virtual Bauhaus. Virtual-Reality-Rundgang durch die Bauhaus-Hochschule in Dessau, die Werkstätten und Meisterhäuser inklusive Begegnung mit berühmten Persönlichkeiten. Bauhaus-Spiele und Kreativworkshop zur Bauhaus-Farbenlehre. Verschiedene Termine, alles im Goethe-Institut.

Zum Ausprobieren: Bauhaus-Möbelklassiker wie der von Marcel Breuer entwickelte Freischwinger-Stuhl, den die Firma Thonet bis heute herstellt, ergänzen die Foto-Ausstellung. Be Bauhaus! Kostüme nach Oskar Schlemmer, die zu den seinerzeit mehrmals im Jahr stattfindenden Bauhaus-Festen oder – Performances getragen wurden: Zum Anprobieren und Fotografieren.

Zum Zuhören: 100 Years Bauhaus – Designing the Future. Vorträge und Diskussionen. 11./12. April, Hong Kong University, Department of Architecture. Women in Art: The History of a Difficult Emancipation. From Bauhaus to the Present Day. 9. Mai, Hong Kong Baptist University, Academy for Visual Arts. Femininity and Modernity at Bauhaus. 10. Mai, Goethe-Institut, Bibliothek.

Alle Programm-Informationen auf der Website des Goethe-Instituts.

Stefanie Ball

Marcel Breuer, Klubsessel B 3, 1926, Stahlrohr vernickelt, Eisengarnbespannung.
Fotografie von Erich Consemüller, um 1926
Original: 122 x 172 mm
Inkjet Print
Klassik Stiftung Weimar, Zustiftung Wulf Herzogenrath, Berlin

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