„Wenn ich traurig bin, spreche ich mit einem Baum“

In einem ländlichen Teil von Bijie, in der Provinz Guizhou im Südwesten Chinas, sterben vier Kinder, nachdem sie Pflanzenschutzmittel getrunken haben. Die Mutter hat die Familie ein Jahr zuvor verlassen, der Vater ist in die Stadt gezogen, um Geld zu verdienen.

Die Kinder sind auf sich gestellt. Das älteste Kind, ein 13-jähriger Junge, hinterlässt eine Nachricht: „Ich träume vom Tod. Heute wird der Traum wahr.“ Die Geschwister sind vier von 61 Millionen left-behind children in China, Kindern, die in den Dörfern zurückgelassen werden, während die Eltern in 1.000 Kilometer oder noch weiter entfernten Großstädten an der Küste arbeiten. Auf Chinesisch heißen sie „liu shou er tong“, nestkalte Kinder. Dazu zählt jedes fünfte Kind in China. Die Hälfte von ihnen lebt bei einem Elternteil, 29 Millionen bei Großeltern oder anderen Verwandten und Bekannten. Zwei Millionen haben niemanden. Wie die vier Geschwister von Bijie.

Chinas wirtschaftlicher Aufstieg hat die größte Migrationswelle aller Zeiten ausgelöst: 274 Millionen Menschen sind auf der Suche nach Arbeit in die Städte geströmt, das ist ein Drittel aller Erwerbstätigen. Ihre Familien können sie nicht mitnehmen, weil die Mieten und Lebenshaltungskosten in den Großstädten zu hoch sind. Hinzu kommt, dass die Bewegungsfreiheit innerhalb Chinas bislang stark eingeschränkt war. Das jahrhundertealte sogenannte Hukou-System, das Wohnortregistriersystem, bindet die Menschen an ihren Wohnort; wer in eine andere Stadt zieht, bleibt trotzdem Mitglied seines Hukou – und ist damit in der neuen Stadt von Sozialleistungen und dem freien Zugang etwa zu Schulen ausgeschlossen. Vor Kurzem wurden die Regelungen zwar gelockert, Kritiker sehen die Reformen jedoch nur als einen ersten Schritt. Künftig wird nicht mehr zwischen Land-Hukou und Stadt-Hukou unterschieden, jeder registriert sich dort, wo er gerade lebt.

Für Migranten bleiben die Hürden trotzdem hoch; nur wer eine feste Arbeit, einen Wohnsitz und einen Beitrag in die Sozialversicherungen vorweisen kann, darf sich an seinem neuen Wohnort ins Hukou-System einschreiben. Shenzhen und Shanghai, die nicht unbegrenzt wachsen wollen, haben sogar strengere Auflagen erhoben, um den Zuzug zu reglementieren.

Die sozialen Folgen der Migration für die Gesellschaft sind enorm. So weisen Studien, die Nicht-Regierungsorganisationen, aber auch die chinesische Regierung selbst gemacht haben, darauf hin, dass viele der Kinder, die allein, mit einem Elternteil oder bei ihren betagten Großeltern aufwachsen, unter Depressionen und Einsamkeit leiden. In Interviews, die ein chinesisches Jugendforschungsinstitut unlängst durchgeführt hat, gibt jedes fünfte Kind an, niemanden zu haben, an den es sich wenden kann, wenn es Hilfe benötigt. „Wenn ich traurig bin, spreche ich mit einem Baum“, sagt ein Mädchen in einer Dokumentation des New China TV, das zur staatlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua gehört. Die Zwölfjährige lebt mit ihren Cousins und dem halb blinden Großvater in einer Hütte in den entlegenen Bergen von Guizhou. Für den Weg von ihrem Zuhause zur Schule braucht sie eine Stunde. Ein junger Lehrer an der Schule hat die left-behind children in seinen Klassen motiviert, Tagebuch zu führen. Aus 26 Tagebüchern hat er 2012 ein Buch gemacht, um damit auf die Situation der Kinder aufmerksam zu machen. „Da ist eine große Leere in ihrem Innern. Ihnen fehlt die elterliche Liebe, sie haben keine Mitte in ihrem Leben“, sagt Yang Yuansong, der Lehrer. Das zwölfjährige Mädchen sagt, sie wisse nicht, was genau sie vermisse. „Vielleicht brauche ich jemanden, der sich um mich kümmert?“

In einer Dokumentation in Sichuan wurden Kindern Videokameras gegeben, damit sie ihren Alltag filmen. „Stories through 180 lenses“ lautete der Titel des Projekts. Ein Fünftklässler filmt darin seine kleine Schwester. Sie steht am Telefon, mehrmals am Tag; sie hofft, dass ihre Mutter, die in Shanghai arbeitet, anruft. Ein anderer Junge filmt sich selbst, wie er morgens aufsteht, sich anzieht, den Lehmboden fegt und später am See sitzt und angelt. Außer ihm ist niemand zu sehen.

Zur Einsamkeit kommt die Armut in Chinas ländlichen Bezirken. Jedes vierte Kind auf dem Land lebt unterhalb der Armutsgrenze, d. h., es hat weniger als einen Euro am Tag zur Verfügung. Der Zugang zu Gesundheitsleistungen und Bildung ist begrenzt. Eine Untersuchung der Universitäten Peking und Chicago zeigt, dass viele Kinder auf dem Land schon mit einem geringeren Geburtsgewicht auf die Welt kommen. Nur die Hälfte von ihnen geht in einen Kindergarten. Später in der Schule hinken sie den Kindern in den Städten hinterher. Ihre Großeltern zu Hause sind oftmals Analphabeten. Experten warnen, dass das die Arbeitskräfte von morgen sind, die China in die erste Liga der Länder bringen sollen, und dort sollen sie dann nicht mehr billig Schuhe produzieren, sondern Hightech.

Doch nicht nur die Kinder leiden. Die Eltern lassen ihre Familien nicht leichtfertig im Stich, sondern um der Armut auf dem Land zu entkommen und weil sie hoffen, ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. In einer der wenigen Studien über die Situation der Eltern geben 80 Prozent an, ihrer Rolle nicht gerecht zu werden und sich als schlechte Mütter oder Väter zu fühlen.

Der Regierung in Peking ist die Problematik seit einigen Jahren bewusst. Doch erst im vergangenen Jahr wurde ein Gesetz erlassen, das Migrantenkinder besser schützen soll. So können Eltern, die ihre Kinder sich selbst überlassen, bestraft werden. Außerdem werden die lokalen Behörden in die Pflicht genommen: Sie müssen dafür Sorge tragen, dass die left-behind children in ihren Dörfern nicht vernachlässigt werden. Für die vier Geschwister aus Bijie kommen diese Regelungen zu spät. Es war aber immerhin ihr Schicksal, dass das Thema ganz oben auf die politische Agenda gehoben hat.

sb

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