Tempel für jede Gelegenheit

Wer in Hong Kong einen Tempel sucht, muss nicht weit gehen. Es gibt sie überall, und sie stehen jedem offen. Eine kleine Tempelkunde:

Tin Hau, die taoistische Göttin der Meere, wurde 960 als Tochter eines Fischers geboren. Der Legende nach konnte sie aufkommende Taifune und schwere Stürme genau vorhersehen und dadurch unzählige Fischer vor dem Ertrinken bewahren. Zudem rettete sie während eines schweren Sturms mit ihren übernatürlichen Kräften ihre Familie von einer sinkenden Dschunke. Es wird ihr auch nachgesagt, dass sie auf dem Wasser laufen konnte. In Hong Kong gibt es über 100 Tin Hau-Tempel, weltweit ca. 1.500. Die wichtigsten:

Der älteste Tin Hau-Tempel der Stadt wurde ursprünglich im Jahr 1266 erbaut und befindet sich in der Joss House-Bucht im Süden Clear Water Bays mit freiem Blick aufs Meer. So weiß die Schutzpatronin der Seefahrer immer, wo Seenot herrscht.
Vom Antiquities Advisory Committee (AAC) wurde er 2010 in die ranghöchste Liste der historischen Gebäude Hong Kongs aufgenommen.

In Gedenken an die Göttin Tin Hau findet jedes Jahr das große Tin Hau-Festival statt, das zu den wichtigsten traditionellen Festen im chinesischen Mondkalender zählt. Am 23. Tag des dritten Mondes wird es in 60 verschiedenen Tin Hau-Tempeln in ganz Hong Kong gefeiert. Bis zu 50.000 Menschen fahren dazu jedes Jahr in die Joss House-Bucht.

Der Tin Hau-Tempel in Yau Ma Tei wurde 1864 auf dem heutigen Kwun Chung Market erbaut und später drei Kilometer weiter mitten im Ortszentrum als Tempelkomplex wieder aufgebaut. In der Anlage befinden sich zwei weitere Tempel: Shing Wong (Stadtgott) und Kwun Yum (Gottheit der Barmherzigkeit). Die Nebengebäude Shea Tan and Hsu Yuen wurden bis 1955 als Schule für die Kinder der Boatpeople genutzt. Auch dieser Tin Hau-Tempel steht auf der Liste der historischen Gebäude Hong Kongs. Die nahe gelegene, bekannte Temple Street mit dem Nachtmarkt ist nach ihm benannt.

Wann genau der Tin Hau-Tempel in Causeway Bay erbaut wurde, ist unklar. Der Legende nach hat die Familie Tai einen roten Stein, geformt wie ein Weihrauchbrenner, am Ufer der Causeway-Bucht gefunden. Weil sie glaubten, dass die Göttin des Meeres ihn geschickt hat, bauten sie einen vorübergehenden Schrein, um ihn unterzubringen. Der Schrein wurde dann so populär, dass der Tai Clan auf dem Gelände einen Tempel errichten ließ. Viele Relikte innerhalb des Tempels stammen aus der Qing-Dynastie (1644-1912). Dieser Tempel macht deutlich, dass Anhänger verschiedener Glaubensrichtungen wie z. B. Taoisten und Buddhisten, durchaus gemeinsam in einem Tempel friedlich koexistieren können. Der Tempel steht auf Platz 15 der Liste der historischen Gebäude Hong Kongs. Die MTR-Station Tin Hau verdankt ihren Namen der Göttin.

Der Tin Hau-Tempel in Stanley, zwischen der Stanley Plaza und dem Murray House, wurde 1767 vom Piraten Chang Po Chai errichtet, der die Halbinsel erobert hatte. Eine Glocke und eine Trommel, die Changs Schiffe warnten, werden noch immer im Tempel benutzt. An der linken Tempelwand hängt das Fell eines Tigers, den ein britisch-indischer Kolonialbeamter 1942 in Stanley erlegte. Es wird aufbewahrt, da der Tiger als ein heiliges Symboltier der Taoisten gilt. Im Laufe der Jahre wurde der Tempel mehrfach renoviert.

Auch die Menschen auf Cheung Chau Island beten nach wie vor die Göttin der Meere an. Hier wird sie nicht nur von den Fischern verehrt, sondern von allen, deren Leben und Schicksal an das Meer gebunden ist. Der Tin Hau-Tempel in Sai Wan ist ca. 200 Jahre alt. Im Inneren dieses Tempels befindet sich eine Bronzeglocke aus der Ära Qianlong (1736–1796). Vom AAC wurde er als historisches Gebäude Hong Kongs gelistet.

Der Tempelkomplex Tin Hau auf der Insel Tap Mun beherbergt einen Tin Hau-Tempel aus dem Jahr 1737, einen Kwan Tai-Tempel (Kriegsgott) sowie den Tempel Kwun Yum. Die Fischer Hong Kongs verehren die Göttin Tin Hau und legen, bevor sie auf ihren Dschunken oder Sampans aufs Meer fahren, in Tap Mun an. Bei der Göttin bitten sie um eine glückliche Heimkehr. Die Besonderheit an diesem Tempel ist der dröhnende Ostwind, den man in einem Spalt unter dem Altar hören kann. Dieses Geheul wird von den Fischern als Warnung vor einem Sturm gedeutet.

Der Tin Hau-Tempel Leung Shuen Wan in Sai Kung wurde 1741 erbaut. Er liegt an der Küste und ist Feng-Shui orientiert. Einst die Lagerhäuser des Militärs sind die Orte Pak A, Tung A and Sha Kiu heute bekannt für ihre Fischrestaurants. Vor der Besetzung der Japaner im Jahr 1941 wurde auch dieser Tempel als Schule für die Boatpeople genutzt. Vom AAC wurde er ebenfalls als historisches Gebäude Hong Kongs gelistet.

 Alle zehn Jahre findet anlässlich des Tin Hau-Festivals eine große viertägige Marineparade mit kantonesischen Opernaufführungen vor den Tempeln in Tap Mun und in Leung Shuen Wan statt. Dabei wird Poon Choi, eine Art chinesischer Suppeneintopf, den Gästen als Dankeschön angeboten.

Daneben gibt es jede Menge andere Tempel – Kleinsttempel auf den Bürgersteigen und in den Geschäften, die den Inhabern Glück bringen sollen. Und natürlich größere, in denen zu jeder Tageszeit gebetet und geweihräuchert werden kann. Einer ist der Pak Tai-Tempel (der offiziell Yuk Hui Kung heißt) auf der Lung On Street in Wan Chai, der 1863 von Anwohnern gebaut wurde; die Statue des Gottes Pak Tai im Innern ist drei Meter hoch und mehr als 400 Jahre alt.

Zeuge der dramatischen Veränderungen in Wan Chai ist der Hung Ching-Tempel an der Queen’s Road East. Ursprünglich war der Tempel nämlich ein Altar, der auf einem Felsen in Reichweite des Victoria Harbour errichtet wurde. Das Wasser war damals – der Tempel wurde um 1850 errichtet – nicht weit entfernt, erst im Rahmen der Landgewinnung rückte die Queen’s Road East und damit der Tempel ins Landesinnere. Der Gott Hung Ching gilt als Beschützer auf hoher See, vor allem die Seefahrer beteten ihn seinerzeit an.

Der Man Mo-Tempel (Hollywood Road; 1847 gebaut) ist dem Gott der Literatur (Man) und dem Kriegsgott (Ma) gewidmet; früher, im imperialen China, wurden beide von ehrgeizigen Studenten angerufen, die hofften, die schwierige Prüfung zur Verwaltungslaufbahn zu bestehen.

In Kennedy Town (Ching Lin Terrace) steht ein Lo Pan-Tempel, Patron chinesischer Zimmerleute. Lo Pan selbst war Zimmermann, Erfinder und Philosoph, der 771 bis 476 vor Christus lebte. Heute sind es vor allem die Bauarbeiter, die hier auf den Segen für ihre Branche hoffen.

Etwas abseits, aber dafür mit Blick aufs Perlflussdelta, liegt der Yeung Hau Wong-Tempel in Tai O. Yeung Leung war ein loyaler Gefolgsmann des letzten Kaisers der südlichen Song-Dynastie, der von Mongolen verjagt wurde und schließlich mit der kaiserlichen Familie nach Kowloon floh. Andere glauben, dass der Tempel, der einige historische Gegenstände wie eine Glocke und einen Altar beherbergt, zu Ehren eines Dorfbewohners namens Yeung erbaut wurde, der den Kaiser von einer Krankheit heilte.

Der Wong Tai Sin-Tempel in Kowloon (Chuk Yuen Village) verspricht, jeden Wunsch wahr werden zu lassen. Vielleicht gehört der Tempel deshalb zu den beliebtesten in Hong Kong. Alle drei Religionen Taoismus, Buddhismus und Konfuzianismus sind hier zu Hause. Der Tempel beherbergt ein Bildnis des berühmten Mönches Wong Tai Sin, der im vierten Jahrhundert in China geboren wurde und später göttliche Gestalt annahm. Das heilige Porträt von ihm gelangte 1915 über einen taoistischen Priester von Guangdong nach Hong Kong.

Mehr Informationen zu Hong Kongs Tempeln gibt es beim Hong Kong Tourism Board oder beim Chinese Temples Committee.

ct/sb

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