REISEN AM LIMIT: Wie ein Märchen aus 1001 Nacht

Ach, Jemen, was ist nur aus dir geworden? Versunken in Anarchie, verloren durch terroristische Anwandlungen und verlassen von wissbegierigen westlichen Globetrottern. Welch ein Jammer um dich, du Land der sagenhaften Königin von Saba, du Arabia Felix, du wahres Erbe des märchenhaften Reiches aus 1001 Nacht. Was für ein Glück, dass ich dich kurz vor dem Arabischen Frühling jenseits von Gewalttätigkeit und Fanatismus noch erleben durfte. Sicherlich, für den Massentourismus bist du aufgrund fehlender Infrastruktur und des erhöhten Sicherheitsrisikos wenig geeignet. Und doch wirst du auf ewig einen vorderen Platz unter den eindrucksvollsten Reisezielen dieser Welt einnehmen. Und die globale Messlatte spektakulärer Länder liegt wahrlich hoch.

Du hast mich von Anfang an in deinen Bann gezogen. Allein über die Einzigartigkeit deiner Architektur, der sich niemand entziehen kann, könnte ich Lobgesänge verfassen. Kaum angekommen bewegen wir uns ehrfürchtig durch das Bab al Jemen, dem einzigen Tor zum Eingang in die Souks und die als UNESCO-Weltkulturerbe geschützte Altstadt der Hauptstadt Sanaa. Wir sind umgeben von stuckverzierten „Lebkuchenhäusern“, meisterhaften Fassaden mit schweren Bögen, leuchtenden Oberlichtern, grazilen Verzierungen, zarten Ornamentbändern, fantasievollen Reliefs und erlauchten Erkern. Die Kombination aus lehmbraun, kalkweiß und grauem Stein erinnert an Zuckerguss. Hauchdünne Alabasterscheiben geben den warmen Schein von Öllampen nach draußen und tauchen die unwirklichen Gebäude in schummriges Licht.

Während die Rufe des Muezzins in den Winkeln der Gassen verhallen, treibt uns die Neugier nach oben. Wir erklimmen die steilen Stufen unserer Herberge, eines dieser archaischen Häuser mitten im Altstadtgewühl, die uns durch verwinkelte Gänge vorbei an orientalisch verschnörkelten Fensterumrahmungen in das oberste Stockwerk und weiter auf die Dachterrasse des Hauses bringen. Die Luft ist lauwarm, es ist friedlich und still und es riecht nach Weihrauch. Im rosaroten Abendlicht offenbart sich ein grandioser Rundblick auf tausend einzelne Turmhäuser. Voller Ehrfurcht lassen wir unseren Blick schweifen und saugen die Ausdruckskraft dieses Ortes in uns ein. Dicht gedrängt stehen die malerischen Häuser in friedvoller Harmonie nebeneinander und offenbaren den Stolz uralter Tradition und unverwechselbarer Geschichte. Sanaa liegt uns zu Füßen. Wir sind überwältigt und sprachlos von diesem Bild erhabener Schönheit.

Unsere Reise entlang der Weihrauchstraße offenbart die ebenso archaische wie bizarre Schönheit deiner unterschiedlichen Landschaften. Über Hunderte von Kilometern führt uns unsere Reise auf löchrigen Asphaltstraßen und unbefestigten Pisten über mehrere Wochen durch wilde Canyons, liebliche Wadis, endlose Sanddünen und abenteuerliche Bergpässe. Aus den weit geöffneten Fenstern weht uns heißer, sandiger Wind ins Gesicht. Losgelöst von der beengten Welt zu Hause genießen wir das Gefühl absoluter Freiheit zwischen seidig schimmernden Ebenen und himmelsstarrender Felsen aus rosafarbenem Sandstein.

Unterwegs finden wir manch wundersame Orte, die uns zum Verweilen einladen. Am Wadi Dhar besuchen wir den berühmten Hochzeitsfelsen – den Sommerpalast des Imam Yahya, der seltsam anmutend auf einem steilen Felsen thront. Thula ist einer der beeindruckendsten Orte Jemens mit einem vollständig geschlossenen mittelalterlichen Stadtbild mit Zisternen, wunderschönen alten Steinhäusern, einer Moschee aus dem 14. Jahrhundert und einer intakten Stadtmauer aus dem 17. Jahrhundert. Vorbei an Habbaba, dem angeblich schönsten Ort im nördlichen Hochland, besuchen wir Kaukaban. An einem mächtigen Felsendom gelegen, besticht der Ort durch Gebäude aus dunklem Stein mit aufwendigen Oberlichtern und dekorativen Schmuckfassaden.

Und wie könnte ich nur Al Hajjara jemals vergessen. Die alten Wehrdörfer im Haraz-Gebirge fesseln den Blick durch zusammenhängende Häuserblöcke, die direkt aus dem Felsen zu wachsen scheinen. Um zu den bis zu zehn Stockwerken emporragenden, ockerfarbenen Steinhäusern, die unten fensterlos sind, zu gelangen, muss man das einzige Tor durchschreiten, entlang erstaunlich kühler Häuserschluchten und verwirrend verwinkelter Gassen etliche Steintreppen erklimmen, um dann auf der Felskuppe den Blick über die Tiefebene auf sich wirken zu lassen. Keine Frage: Diese mittelalterlichen Bollwerke konnten Belagerungen lange standhalten. Diese Trutzburgen, die sich einsam und verlassen in der Wüste stehend gegen die Unendlichkeit des blauen Himmels emporstrecken, sind das Vermächtnis einer uralten Kultur, die bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat.

Weiter geht es auf den Spuren jemenitischer Kultur und Tradition. Zabid und Taizz zählen als Musterbeispiele islamischer Städtearchitektur zu den Highlights im Jemen. Letztere wurde um 800 gegründet und war lange das Zentrum der wichtigsten Koranhochschulen. Hier entstand die erste Universität der islamischen Welt. Ein Gang durch die chaotischen Straßen mutet wie ein riesiges Freilichtmuseum an. Staunend entdecken wir immer neue Kunstwerke und lüften die Geheimnisse traditioneller Gastfreundschaft in kühlen Gemächern jenseits antiker Mauern mit kunstfertig geschnitzten Koraninschriften auf den ehrwürdigen Holztoren.

Der Besuch eines arabischen Basars ist ein Erlebnis für alle Sinne. Man sieht, hört, riecht und spürt ihn, den Herzschlag des Orients. Deshalb schlendern wir, wo immer wir sind, durch überfüllte Märkte und arbeiten uns durch die ungeordnete Fülle von Verkaufsständen, deren Überangebot an Artikeln unglaublich vielfältig ist. Der Duft von allerlei Gewürzen, Myrrhe und immer wieder Weihrauch liegt in der Luft. Körper an Körper drängt sich die Menge durch die engen Gassen, von einem Verkaufsstand zum nächsten, beladen mit gefüllten Taschen und Beuteln.

Lautstark preisen die Händler die Güte ihrer Waren an, und wir beobachteten ihre flinken Hände, die ihre für uns so exotischen Waren wiegen und in Papiertüten schaufeln. Überall sehen wir stolze, katkauende Männer schwatzend in den schattigen Ecken kauern. Tief verschleierte Frauen balancieren volle Körbe auf ihren schwarzen Köpfen und lassen allerlei farbenprächtige Gewürze prüfend durch ihre Finger rieseln. Es werden uns Kostproben gereicht, die wir angesichts der Freundlichkeiten weder ablehnen können noch wollen. So stopfen wir uns voll mit scharfen Kebabspießchen, süßen Datteln, schwarzen Rosinen, zuckersüßem Gebäck und anderen Köstlichkeiten.

Wo auch immer wir unvermittelt auftauchen, ständig sind wir umringt von Scharen neugieriger und fröhlicher Kinder, sonnengegerbten und mit Kalaschnikows ausgestatteten Männern mit von Kat prall gefüllten Backen, scheuen, bunt verhüllten Frauen und streunenden Hunden. Doch stets lernen wir die Bewohner Jemens als liebenswerte und hilfsbereite Menschen kennen, die uns mit ihrer Bescheidenheit und ihrer Warmherzigkeit tief beeindrucken.  

Und während vieler Nächte im, oder auch vor dem Zelt, geben wir uns der ungewohnten, absolut ohrenbetäubenden Stille hin, während die Sonne wie ein glühender Ball in immer röteren Farben am Himmel untergeht. Dann breitet sich mit voller Macht der Sternenhimmel über uns aus, und die Milchstraße mit ihren Millionen von Lichtpunkten wölbt sich wie ein verschwommenes Band über dem Firmament. Unzählige Sternschnuppen verglühen am nächtlichen Himmel, und die silberne Mondsichel liegt wie ein kleines Schiffchen am östlichen Horizont. 

Unendlich viele unvergessliche Geschichten könnte ich euch noch erzählen aus diesem fernen Land, das in nur wenigen Flugstunden erreichbar ist. Doch die unglücksselige Zeit des politischen Umschwungs hat dich fest in seinen Krallen. Oh Jemen, du ehemals glückliches Arabien, einen Platz in meinem Herzen hast du bereits, aber wann werde ich dich wieder in meine Arme schließen können? Sei dir gewiss, du Juwel des Orients, wenn die Zeit reif ist, werde ich wieder da sein.

Christian Rommel, ROX Asia, Hong Kong

1 comment

  • Super, dass Ihr die tollen Reiseberichte -Reisen am Limit- auch auf der neuen Homepage wieder einstellt.
    Vielen Dank

Leave a comment