REISEN AM LIMIT: Kukenan – Die vergessene Welt

Auf legendärer Dinosaurier-Spurensuche in Venezuela 

Neulich war ich im Kino. Der Hollywood-Blockbuster „Jurassic World“ lieferte zwei Stunden perfektes Popcorn-Entertainment. Im bislang letzten Teil der filmischen Quadrologie ging es wieder um wildgewordene Dinosaurier und man freute sich, dass es sich um reine Fantasiegeschöpfe handelte, die auf einer abgelegenen Insel Costa Ricas ihr Unwesen treiben.
Doch woher stammen die Inspirationen für solche Abenteuergeschichten? Gibt es vielleicht sogar in dieser unglaublichen Geschichte das berühmte Körnchen Wahrheit?
Meine Spurensuche begann bereits vor fast 20 Jahren und führte mich nach Südamerika ins Herz des Amazonas, in den Süden Venezuelas, zu einem der abgelegensten und faszinierendsten Orte dieser Erde, die ich je besucht habe und von dem die wenigsten Menschen jemals gehört haben dürften: dem Kukenan.

Um ein Mysterium zu verstehen, muss man zum Ursprung zurückkehren. Blicken wir also 180 Jahre zurück. Zwischen 1835 und 1844 führte der deutsche Forschungsreisende Sir Robert Hermann Schomburgk mit Hilfe der Britischen Geographischen Gesellschaft mehrjährige wissenschaftliche Expeditionen in Britisch-Guiana und Brasilien durch. Richard Moritz Schomburgk, ein Botaniker und Forschungsreisender, begleitete seinen Bruder Robert zwischen 1840 und 1844 als Expeditionsschreiber nach Südamerika. Er veröffentlichte die drei Bände „Reisen in Britisch-Guayana in den Jahren 1840-1844“, in denen die gesamte Flora und Fauna der Region detailliert dokumentiert wurde. Er notierte auch die Erzählungen der einheimischen Indianer, denen zufolge oben auf den unzugänglichen Hochebenen der Tafelberge Monster und Fabeltiere ihr Unwesen treiben würden. Leider scheiterten die Schomburgks bei dem Versuch, die Tafelberge zu erklimmen und die Dinosaurier-Mythen der Indianer zu verifizieren.

Die Expeditionsaufzeichnungen fielen jedoch Jahrzehnte später einem bekannten Zeitgenossen in die Hände und inspirierten ihn nachhaltig. Sir Arthur Ignatius Conan Doyle M.D., ein britischer Arzt und Schriftsteller, veröffentlichte ab 1887 nicht nur die Abenteuer von Sherlock Holmes und dessen Freund Dr. Watson. Bekannt wurde auch die Figur des Professor Challenger aus seinem 1912 erschienenen Roman „Die vergessene Welt“ (im Original: „The Lost World“). Im Zentrum der spannenden Erzählung steht die Erkundung eines geheimnisvollen südamerikanischen Plateaus im venezolanischen Dschungel, das von Urtieren bewohnt sein soll.

Mehrere Verfilmungen folgten, doch am bekanntesten und erfolgreichsten wurde 80 Jahre später das Werk von Michael Crichton, einem US-amerikanischen Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur. Auch er war fasziniert von Doyles Abenteuerroman, interpretierte ihn neu und schrieb daraus 1990 das Drehbuch für den Filmklassiker „Jurassic Park“. Der atemberaubende Dino-Thriller unter der Regie von Steven Spielberg kam 1993 in die Kinos. Diese Filme in Kombination mit der Lektüre des bis heute wichtigsten Buches über diese unzugängliche Erdregion im Dreiländereck Venezuela, Britisch-Guayana und Brasilien, „Inseln in der Zeit“ von Uwe George aus dem Geo-Buchverlag von 1988, veranlassten mich, zwei Expeditionsreisen zu den Tepuis im Westen des Berglands von Guayana am nördlichen Rand des Amazonasbeckens durchzuführen.

Doch was genau sind eigentlich Tepuis? Es sind durch Erosion entstandene, einzeln stehende, bis fast 3.000 Meter hohe Tafelberge im venezolanischen Bundesstaat Bolivar. Dort befindet sich der Nationalpark Canaima und auf 3 Millionen Hektar breitet sich die Gran Sabana aus, eine weltweit einzigartige Szenerie aus tropischer Vegetation, Tafelbergen, Wasserfällen und Flüssen.

Der Begriff „Tepui“ für die Tafelberge ist der Sprache der Pemón Indianer – das „Volk, das vom Himmel kam“ – entnommen und wird von vielen Sprachwissenschaftlern als „Haus der Götter“ übersetzt. Sie sind Überreste eines mächtigen, quarzitischen Sandsteinplateaus, das einst die Granit-Urgesteine zwischen der Nordgrenze des Amazonas-Tieflands und dem Orinoco, zwischen der Atlantikküste und dem Rio Negro bedeckte. Durch Erosion wurde das Plateau im Laufe der Erdgeschichte abgetragen. Die Tepuis, es gibt 115 davon, sind dabei Inselberge aus Steilwänden. Diese erheben sich bis zu 1.000 m über den Regenwald und sind durch die sich daraus ergebenden klimatischen Unterschiede zum Amazonas und durch ihre mächtigen, schier unüberwindlichen Steilwände völlig isoliert.

Die Tepuis sind nicht nur für Bergsteiger und Abenteurer, sondern auch für Forscher noch heute eine Herausforderung, weisen sie doch einen hohen Bestand an noch unbekannten Arten auf. Einige Tepuis sind fast das ganze Jahr über in dichte Wolken gehüllt. Ihre Oberfläche konnte bisher nur mit Radaraufnahmen von Hubschraubern fotografiert werden. Die Oberflächen anderer Tepuis hat noch nie ein Mensch betreten.

Abgekapselt vom Rest der Welt entwickelte die Evolution über Jahrmillionen eine endemische Flora und Fauna, die an keinem anderen Ort der Welt zu finden ist. Auf den Oberflächen herrscht ein gemäßigtes, kühles Klima mit häufigen Gewitterregen, am Fuße der Berge tropisches und feucht-warmes Klima. Die Nährstoffarmut auf den ausgewaschenen Böden der Tafelberge erlaubt nur eine karge Vegetation, denn ihre schroffen verwitterten Sandsteinböden halten bei Gewitterregen keine Humusschicht. Diese Bedingungen führten zu einer reichen Vielfalt an fleischfressenden Pflanzen.

Die Oberfläche der Berge weist unterschiedliche Beschaffenheit auf. Auf den Plateaus wechseln sich dichte, undurchdringliche Wälder mit schroffen, zerklüfteten Felslandschaften mit einer großen Artenvielfalt ab. Die Erosion und Verwitterung hat im Laufe von Jahrmillionen bizarre Felsformationen und Labyrinthe geschaffen. Diesen Vorgang nennt man auch Tavernierung. Darüber hinaus sind spektakuläre Höhlensysteme entstanden. Diese einzigartige Landschaft mit ihrer ganz eigene Tier- und Pflanzenwelt wollten wir mit eigenen Augen sehen.

Uns diente der ehrfurchtgebietende Roraima, einer der mächtigsten Tafelberge der Gran Sabana mit einer Höhe von 2.810 m, als Ziel unserer ersten Reise Mitte der 90er Jahre. Bei dieser gewaltigen Felsformation, die wie ein Amboss aus der sanft geschwungenen Hügellandschaft ragt,  handelt es sich um den etwa zwei Milliarden Jahre alten Überrest des alten Urkontinents Gondwana und damit um eine der ältesten geologischen Formationen der Erde. Außerdem ist der Roraima als einziger Tafelberg ohne großen Aufwand erreichbar und zu besteigen. Ausgangspunkt und das Eingangstor für das mittlerweile populäre sechstägige Abenteuer-Trekking fernab der Zivilisation ist Santa Elena an der Grenze zu Brasilien und das kleine Indio-Dörfchen Paratepui auf 1.200 m Höhe.

Die atemberaubende Natur mit ihrem satten Grün, durchzogen von zahlreichen Flüssen und nur durchbrochen von einsam ruhenden Tafelbergen, schlägt uns in ihren Bann. Im frühen Nebel beginnen wir unser Trekking. Bergauf und bergab geht es bis zum Kukenan-Fluss, wo wir zum ersten Mal unsere Zelte aufschlagen. Der Tafelberg Kukenan ist der kleine Bruder des Roraima. Seine markante Silhouette ist unser ständiger Begleiter. Wir verbringen mehrere Nächte und einen ganzen Tag zur Erkundung des Roraima-Plateaus, seiner endemischen Pflanzen und bizarren Gesteinsformationen.

Die Tour war eine Sensation, doch schon damals blickte ich sehnsüchtig auf den Kukenan, dem Zwillingstafelberg des Roraima-Tepui, wo angeblich wohl noch extremere Auswüchse der Tavernierung zu bewundern sein sollten. Das Problem: Der Kukenan-Tepui gilt den Ureinwohnern als heiliger Berg. Er darf seit 1997 offiziell nicht mehr bestiegen werden, zumal der Aufstieg gefährlich ist und das Betreten des Hochplateaus als besonders schwierig und extrem unfallträchtig gilt. Es hatte auf dem glitschigen, von tiefeingeschnittene Schluchten und gähnenden Spalten übersäten Felslabyrinth bereits mehrere Todesfälle gegeben.

Der Häuptling der Pemón Indianer aus Paratepui erinnert sich an mich und meinen ersten Besuch in seinem Dorf. Als ich ihm Fotos seiner Familie schenke, revanchiert er sich mit einer Ausnahmegenehmigung und wir dürfen mit zwei Trägern und einem Führer unsere Kukenan-Expedition starten.

Schon während des Aufstiegs durch die charakteristische Savannenlandschaft der Gran Sabana und später durch den urigen Bergregenwald entdecken wir am Wegesrand unzählige schillernde Orchideen, violette Enzian- und Heidekrautgewächse und viele fleischfressende Heliamphoren- Pflanzen wie Sumpfkrüge und Kannenpflanzen, dazu Sonnentau, Wasserschlauch, Reusenfallen und Brocchinia-Bromelien. Und das in einer Dichte, als würden wir dem Pfad eines botanischen Gartens folgen.

Über uns ragen schier unüberwindbar anmutende Felswände steil in den Himmel und scheinen sich bedrohlich über uns zu lehnen – ein wahrhaft paradiesischer Anblick. Wir rutschen über triefende, rot blühende Bonnetia-Büsche, krallen uns an schroffen Felsnasen fest, kriechen entlang schmaler Felssimse und hangeln uns mit Hilfe von Seilen auf das übermächtige Plateau. Endlich haben wir die natürliche Barriere überwunden und fallen uns oben angekommen, erschöpft, erleichtert und voller Glücksgefühle in die Arme.

Wir können uns nicht sattsehen an dem fantastischen Ausblick und der unvergleichlichen Fernsicht auf das Amazonas-Tiefland, das sich weit über 1.500 m unter uns wie ein endloser grüner Teppich ausbreitet. Wieder einmal wird uns die Bedeutung des Regenwaldes deutlich und wie unbedeutend der Mensch angesichts dieser grandiosen, ursprünglichen Natur ist.

Der Salto Kukenan, ein nicht permanenter Wasserfall, der auf der Hochfläche des Kukenan-Tepui in 2.650 m Höhe entspringt und dem Río Caroní zufließt, ist nicht weit von unserem „Hotel“ entfernt. „Hotels“ sind lediglich Felsüberhänge, die ein wenig vor Regen und Wind schützen. In einer kleinen Nische bauen wir unsere Zelte auf. Um uns herum eine einzigartige, überirdische Welt aus Jacuzzis, vom Wasser ausgewaschene, natürliche Badewannen, gefüllt mit eiskaltem, glasklarem Wasser, rosa gefärbten Quarzsanden und milchig weißen Kristallen. Wir fühlen uns wie in Aladdins Höhle versetzt. Daneben kunterbunte Konglomerate aus Moosen, Pflanzen und Flechten und das allgegenwärtig von Wind und Wetter bizarr geschliffene Gestein. Es flattern winzige Schmetterlinge zwischen den Steinen und Pflanzen umher, schwarze Frösche hocken in den Wasserbecken und wir entdecken sogar eine äußerst seltene Nasenbärfamilie.

Am nächsten Morgen lecken die Wolken hungrig an den Kanten des Tafelbergs und die ersten Sonnenstrahlen brechen sich in spektakulären Farben in der von Regen- und Tautropfen überzogenen Landschaft – eine faszinierende Szenerie. Doch der eigentliche Grund, weswegen wir all die Strapazen nur zu gerne auf uns genommen haben, ist das architektonische Meisterwerk der Natur: Inmitten dichter Nebelschwaden scheinen die bizarren Felsformationen zum Leben zu erwachen und gaukeln geisterhafte Schemen vor. Es scheint, als habe sich ein künstlerisches Trio Infernale aus Pablo Picasso, Alberto Giacometti und Henry Moore zusammengeschlossen, um ihre wildesten Fantasiegebilde in Stein zu meißeln. Das Ergebnis ist ein unbeschreibliches Ensemble aus Hunderten von versteinerten Alienstatuen, grotesken Götzenbildern und fantastischen Tierkreationen inmitten wilder Steinbrücken, fragilen Säulengängen, durchlöcherten Wänden und baumkuchenartigen Wundergebilden. Auf der zerfurchten Oberfläche des Kukenans begegnet man auf Schritt und Tritt der Natur als unerreichtem Baumeister höchst kreativer Kunstwerke, die weltweit ihresgleichen suchen. Und wir wandeln ungläubig staunend durch diese überirdische Landschaft und finden ständig neue, unglaubliche Formen und Strukturen, die uns den Atem rauben, da sie jenseits unserer Vorstellungskraft liegen.

Tage später sind wir bereits auf dem Rückweg. Es regnet in Strömen. Zum Glück finden wir sicheren Schutz unter einem überhängenden Felsvorsprung. Blitze durchzucken den fahlgrauen Himmel und tauchen die monumentalen Felsen des Kukenans für Sekundenbruchteile in silbergleißendes Licht. Und plötzlich sehen wir es: Aus schrägem Winkel sehen die unmittelbar am Rande der südlichen Abbruchkante stehenden Silhouetten der bizarren Steinskulpturen tatsächlich aus wie urzeitliche Wesen. Magisch, unwirklich, fast schon beängstigend. Es gibt also doch Dinosaurier, wenn auch nur als stumme, steinerne Fantasiegebilde. Diese vergessene Welt werden wir niemals vergessen. Und die Legende lebt.

Christian Rommel, ROX Asia, Hong Kong

2 comments

  • Super Bericht. Würde gerne selbst mal in diese vergessene Welt reisen. Leider ist Venezuela derzeit nicht gerade ein herzliches Reiseland und die Tepuis geraten wohl abermals in Vergessenheit.

  • Auch dieser Beitrag macht Lust auf die Tafelberge Venezuelas. Es gibt sie also doch noch. Die Dinosaurier aus der Urzeit. Nur eben versteinert auf einem unerreichbaren Tepui.

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