Momente für die Ewigkeit

Expeditionskreuzfahrt zum siebten Kontinent

Zeit meines Lebens folge ich meinem Drang in die Ferne und reise um die Welt. Sechs Kontinente und 118 Länder habe ich besucht, den Amazonas befahren, die Sahara durchquert, die Berge des Himalaya erklommen, mich dem Dschungel Neuguineas gestellt und die fantastische Einsamkeit vieler unberührter Naturlandschaften zwischen Australien, der Mongolei, dem südlichen Afrika und dem Andenhochland genossen.

Ich empfinde es als großes Glück und besonderes Privileg, schon so viele außergewöhnliche Facetten unserer Erde gesehen und noch mehr besondere Situationen intensiv erlebt zu haben. Das Fernweh ist trotzdem noch ständig präsent und die Abenteuerlust noch nicht gestillt. Manchmal frage ich mich: Was soll jetzt noch kommen?

Natürlich – die Antarktis! Das letzte große Wildnisgebiet auf der Welt. Unberührt, unzugänglich, unbewohnt und beinahe ungestört von menschlichen Aktivitäten. Das gesamte Gebiet unterhalb des 60. Breitengrades wurde in ein riesiges Naturschutzgebiet verwandelt. Einen vergleichbaren Ort gibt es sonst nirgends auf der Welt. Und genau dahin, zum siebten Kontinent, zieht es mich seit Langem mit aller Macht. Es ist ein lebenslanger Reisetraum, der dieses Jahr endlich in Erfüllung geht.

Als landeskundlicher Lektor auf dem kleinen 5-Sterne Kreuzfahrtschiff MS Hanseatic von Hapag Lloyd Cruises startet im Februar 2018 die dreiwöchige Expeditionstour. Vor uns liegt das große Unbekannte und eine hohe Erwartungshaltung in Bezug auf die spektakulären Naturlandschaften und einzigartigen Lebensräume der südpolaren Tierwelt.

Vom argentinischen Ushuaia in Feuerland startend, haben wir in zwei Tagen zügig die Drake Passage gemeistert, bei schwerem Seegang ausgiebig die Fische gefüttert und uns mit der Geografie der Antarktis vertraut gemacht. Ziel sind ein gutes Dutzend Anlandungspunkte auf den Süd-Shetlandinseln, auf der Antarktischen Halbinsel Grahamland, den Süd-Orkneyinseln und schließlich dem unbeschreiblichen Tierparadies Südgeorgien.

Wir besuchen einsame Orte im großen menschenleeren Nichts der Antarktis, von denen wir bis dato nie gehört hatten und die man auch auf den meisten Landkarten vergeblich sucht: Robert Point, Deception Island, Port Lockroy, Danko Island oder die argentinische Forschungsstation von Almirante Brown, wo wir erstmals Fuß auf den antarktischen Kontinent setzen. Doch die Namen sind trotz ihrer Exotik nicht von Belang. Es sind die faszinierenden und unvergleichlichen Eindrücke der ursprünglichen, wilden und ungezähmten Natur, die unsere Blicke fesseln und sich auf ewig in unser Gedächtnis einbrennen.

Warum nennt sich eine solche Antarktisreise Expedition? Das liegt an der eingeschränkten Planbarkeit der täglichen Route, denn es kommt in der völlig unberührten Natur auf dem Kontinent aus Eis und Schnee schnell zu wetterbedingten Änderungen im Ablauf. In anderen Regionen der Erde sind wir an festgelegte und perfekt geplante Programme und Tagesabläufe gewohnt, die die Regel auf Kreuzfahrten sind. Doch hier ticken die Uhren anders, denn selbst bekannte Fahrwasser sind bisweilen durch Treibeisfelder völlig unberechenbar und nicht passierbar. Daher gibt es keine festen Routenpläne und die Durchführung aller Anlandungen hängt komplett vom Wetter ab. Spontane Änderungen entscheidet der Kapitän und diese Ungewissheit hat ihren ganz eigenen Reiz. Entsprechend ist diese Kreuzfahrt für viele Reiseteilnehmer ein verwirklichter Lebenstraum.

Wir fahren tagelang durch eine weite, offene Landschaft und passieren namenlose Gestade mit schroffen, abweisenden Felsspitzen, beeindruckenden, hohen Gletscherfronten und unnahbaren Eisformationen. Doch plötzlich sind wir inmitten endloser Treibeisfelder mit Millionen von silbern glänzenden Lichtpunkten, wo die Sonne von den kristallinen Strukturen diamantengleich reflektiert wird. Zwischen diesem dichten Teppich aus schneegepanzerten Eisschollen und transparenten Eisbrocken treiben kilometerlange, ehrfurchterregende Tafeleisberge, manche hunderte von Jahren alt. Stoisch, kalt und abweisend wirken diese Giganten mit ihren senkrechten Wänden und gähnenden Spalten, Höhlen und Löchern. Dann passieren wir bizarre Eisgebilde, die aussehen, als hätte sie irgendein namhafter Künstler gerade erst geformt und in leuchtenden, fast kitschigen Blautönen angemalt.

Das ständige, unaufhaltsame Wechselspiel zwischen dunklen Wolkenfronten und grellen Sonnenstrahlen sorgt für ein nicht enden wollendes faszinierendes Lichtspektakel. Unwirklich die Kombination aus unterschiedlichen Weiß-, Grau-, Blau- und Schwarzabstufungen, unvorstellbar reich an Nuancen und niemals eintönig. In der Dämmerung verwischen schäumendes Wasser, bedrohliche Wolkenformationen, klirrendes Eis und monumentale Gestade zu einem undurchsichtigen Nichts. Wenn dann die Sonne, kurz bevor sie hinter dem Horizont verschwindet, mit letzten kräftigen goldenen Strahlen das große Finale einleitet, herrscht absolute Begeisterung an Bord. Die Natur hat hier eine grandiose Bühne geschaffen, wie sie dramatischer und intensiver kaum bespielt werden kann.

Fast jeden Tag landen wir mit den Zodiac-Hochleistungsschlauchbooten an und erkunden – sicher vorbereitet, routiniert angeleitet und fachkundig unterstützt von erfahrenen Lektoren als Führern – die faszinierende Umgebung aus Fels, Eis und Schnee. Die karge Landschaft ohne jegliches Grün fasziniert auf eigene Weise und ist niemals langweilig. Hier hat die Natur das Sagen und der Mensch ist eigentlich nur ein geduldeter Fremdkörper. Es ist eine ganz eigene Welt ohne Wege, ohne Schilder, ohne Leitungsmasten, und ohne menschliche Hinterlassenschaften, aber klaren Regeln, was Sicherheit, Umweltschutz und respektvollen Umgang mit den Tieren betrifft. Genau das ist auch das erklärte Ziel eines anspruchsvollen Ökotourismus: Die Antarktis als friedlich genutzten Weltpark auch für die nachfolgenden Generationen unverfälscht zu bewahren.

Neben der Gletscherwelt ist die unmittelbare Begegnung mit der südpolaren Tierwelt für alle Antarktisbesucher das zweite große Highlight dieser Reise. Immer wieder tauchen Buckelwale oder Orcas vor dem Bug des Schiffes auf und demonstrieren eindrucksvoll ihre Perfektion im Synchronschwimmen. Sie scheinen sich mit ihren mühelos spielerischen Tauchmanövern ein elegantes Wettrennen mit dem wendigen Kreuzfahrtschiff zu liefern. Krabbenfresserrobben dagegen liegen träge wie kleine dunkelgraue Farbtupfer auf mächtigen Eisschollen. Keines der Tiere lässt sich vom Vorbeigleiten unseres Schiffes irritieren oder gar stören. Am Himmel warten Raubmöwen, Riesensturmvögel oder mächtige Wanderalbatrosse auf günstige Gelegenheiten, sich Fische oder Krill aus dem aufgewirbelten Bugwasser zu schnappen.

Eine Welle der Begeisterung erfasst uns während der lang ersehnten Aufeinandertreffen mit den verschiedenen Pinguinarten. Vom Schiff aus erscheinen uns die sympathischen Frackträger auf den Eisbergen furchtbar winzig. Es fehlt hier draußen jeder Größenvergleich, nirgendwo ist ein Anhaltspunkt, an dem wir uns orientieren können. Doch an Land wandern wir staunend und schweigend entlang hunderter von Zügelpinguinen, Adeliepinguinen oder rotschnäbeligen Eselspinguinen, deren lustiger Watschelgang uns ständig zum Schmunzeln bewegt. Wir bewegen uns respektvoll auf von den Lektoren mit Fähnchen abgesteckten Routen, um die Brutvorgänge nicht zu behindern und trotzdem ist der Kontakt hautnah. Neugierig beäugen uns die knie- bis hüfthohen Gesellen und knabbern schon mal an unseren Hosenbeinen. Wir können zu diesem Zeitpunkt gar nicht entscheiden, was beeindruckender ist, die riesigen Kolonien von Pinguinen mit ihren Jungtieren oder die atemberaubend schöne Landschaft. Man kann sicherlich ganze Bücher füllen mit Geschichten über die Verhaltensweisen von Pinguinen. Diese Vögel machen einfach unheimlich Spaß!

Stundenlang stehen wir atemlos mit gezückten Kameras an der Reling oder der Back, dem Vorschiff des Schiffes, auf Logenplätzen. Immer wieder eröffnen sich völlig neue Blickwinkel und Sichtrichtungen auf die Gletscherküste. Vor uns liegt eine Landschaft, die sich in der blumigsten und farbenreichsten Fantasie kaum ausmalen lässt, in dem die dunklen Berge mit ihren weißen Schneekappen wie Scherenschnitte herausstechen. Eigentlich ist die Farbpalette, aus denen sich das Landschaftsbild in der Antarktis zusammensetzt, sehr gering bestückt, aber auf Plätzen wie Peterman Island haben Schneealgen den eisigen Untergrund in unwirklich pastellige Rosatöne verwandelt. Die tief stehende Sonne taucht die Szenerie in ein weiches Licht und diese gemäldegleiche Symphonie aus Licht und Farben bis zum Horizont erfreut das Auge.

Das gewöhnungsbedürftige Schaben und Knirschen des Eises am Rumpf und das Poltern von Eisblöcken an der Bordwand bestimmt die Geräuschkulisse an vielen Tagen. Mal ist es völlig windstill und die Wasseroberfläche ist glatt wie ein Spiegel und im nächsten Moment bläst ein Sturm zwischen zwei Berggipfeln aus einem Tal heraus und lässt die Wellen an die Eisberge klatschen. Abgesehen vom leisen Brummen unserer Dieselmotoren ist es immer mal wieder ohrenbetäubend still. Daran müssen wir uns inmitten visueller Reizüberflutung erst mal gewöhnen – eine fast meditative Erfahrung.

Haben wir kürzlich noch geglaubt, es gäbe keine Steigerung mehr an spektakulären Eindrücken, so werden wir jetzt eines Besseren belehrt. In Südgeorgien besuchen wir in Gold Harbour, Salisbury Plain und St. Andrew´s Bay die weltgrößten Brutkolonien der majestätischen Königspinguine, wo die Tiere in malerischen Buchten eng gedrängt stehen vor dicht bewachsener Vegetation so weit das Auge reicht. Ein eigenartig strenger Fischgeruch liegt in der Luft. Pinguine sind in der Tat echte Stinktiere und der ausgeprägte Guanomief setzt sich auch „wunderbar“ in der eigenen Kleidung fest. Doch das nehmen wir nur zu gerne in Kauf, um den tierischen Höhepunkt jeder Antarktisreise voll auszukosten.

Dabei fällt uns auf, dass der antarktische Sommer viel wärmer ist als wir vorab vermutet haben, denn wir schwitzen tatsächlich – einerseits bedingt durch die Sonne und anderseits von der Aufregung des imposanten Umfelds.

Die Natur hat die fast einen Meter hohen, stattlichen Königspinguine mit einem herrlich gefärbten Federkleid aus Schwarz, Weiß, Gelb und Orange ausgestattet. Die Farben leuchten und glänzen in der Sonne und bilden einen umwerfenden Kontrast zu dem satten Grün der Tussockgräser vor weißer Eiskulisse und einem grandios blauen Himmel. Wahrlich eine Krönung der Schöpfung. Ehrfürchtig und behutsam bewegen wir uns inmitten dieses endlosen Teppichs aus bis zu 500.000 farbenprächtigen Tieren, der sich bis an den Horizont ausdehnt. Dieser Anblick ist einfach unbeschreiblich! Es ist unmöglich, dieser Faszination zu widerstehen und eine Steigerung dieser einzigartigen Szenerie kann es nicht mehr geben, davon sind wir überzeugt.

Ein besonderer Reiz geht von den alten Gebäuden der Forschungsstationen aus, die man zwar meist nicht betreten darf, aber das Innenleben immerhin durch zerbrochene Fenster oder verschwundene Türen bestaunen kann. Die von Giftstoffen befreite Walfangstation in der Hauptstadt von Südgeorgien, Grytviken, bildet hier eine seltene Ausnahme. Man kann völlig frei die riesigen, bis in die 1960er Jahre aktiven Fabrikanlagen zum Zerlegen und Verarbeiten der Wale besuchen. Sofern man etwas für verlassene Orte übrig hat und geschichtliches Interesse an einem aus heutiger Sicht dunklen Kapitel der Jagd mitbringt, ist das Erkunden rostiger Maschinenparks abwechslungsreich und sehr interessant. Man kann die Gedanken schweifen und der Fantasie freien Lauf lassen und sich der besonderen Faszination eines verlassenen, wahrlich mystischen Ortes hingeben. Kaum vorstellbar, dass wir vor wenigen Stunden durch die imposanten Kolonien von Pinguinen gelaufen sind und uns keine Menschenseele in der kargen Eislandschaft begegnet ist.

Die Zeit an Bord und an Land vergeht nicht nur wie im Fluge, sondern wie in einem Traum.

Rückblickend gleicht die bizarre Welt der Antarktis, die wir hier durchfahren durften, einem Märchenbuch für Kinder, in dem uns kleine Robben mit Kulleraugen anschmachteten und wir am liebsten den ganzen Tag mit zuckersüßen Pinguinen kuscheln wollten. Umringt von leuchtend blauen Eisbergen und pittoresken Schneetupfen, die wie Wattebäusche auf Berge geklebt sind, waren wir Zaungäste in einem surrealen Bild oder sprachlose Komparsen in einem expressionistischen Bühnenschauspiel. Kein Foto dieser Welt kann diese Eindrücke „einfrieren“ und niemand, der diese Naturwunder nicht selbst gesehen hat, kann die Eindrücke nachvollziehen! Vollkommen überwältigt würde ich sogar so weit gehen und sagen, dass die Sinne hier völlig neu geschärft werden. Hören, Riechen und Sehen wurde in diesem fremden Teil der Welt wirklich neu erlebt.

Natürlich ist uns als Gast auf einem sicheren und überaus komfortablen Luxus-Kreuzfahrtschiff bewusst, dass es ein romantisch-verklärtes Sehnsuchtsziel ist, aber dadurch werden die in unserem Gedächtnis auf ewig eingebrannten Eindrücke nicht geschmälert. Die Antarktis zu entdecken, ist für wohl jeden Menschen, dem das Privileg anheim wurde, sie einmal im Leben besuchen zu können, ein absolutes Ausnahmeziel. Der Antarktisvirus hat mich gepackt! Vermutlich, weil es auch eine Entdeckungsreise zu mir selbst ist, denn die Antarktis zeigt mir besonders deutlich, wie unbedeutend klein der Mensch im Vergleich zu der großartigen Natur ist. Hoffen wir auf die Klugheit und Weitsicht der Menschen, diesen faszinierenden Natur- und Lebensraum entsprechend für nachfolgende Generationen zu schützen und zu bewahren.

Christian Rommel, ROX Asia, Hong Kong

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